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Projektionsfläche für Alle

Estland – Ein Beispiel

(07. Dezember) Gastredner der BIENE-Verleihung war der Botschafter der Republik Estland in der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Mart Laanemäe, der das Ideal einer modernen Zivilgesellschaft mit frei zugänglicher und kostenloser Informationstechnologie darstellte, der aber auch durch die "Überlastungskampagne" 2007 in seinem Land die Schattenseiten des digitalen Zugangs erfahren musste. Wie wichtig der Anschluss an moderne Informationstechnologien und Barrierefreiheit für die Gesellschaft ist, führte der Botschafter weiter aus: "Mittlerweile ist es ein Grundsatz für die Weiterentwicklung aller Systeme der Informationstechnologie in Estland, dass Menschen mit Sonderbedürfnissen keine Nachteile erfahren sollen."
 
Estland habe zum "Jahr der Innovationen 2009" große Beiträge geleistet. Unter anderem wurde in Estland weltweit erstmalig das sogenannte M-Parken in Betrieb genommen: Ein Service, der das Zahlen eines Parkscheins mit dem Handy ermöglicht. Nicht umsonst stammt die Idee einer weltumspannenden Möglichkeit, über das Internet via Skype kostenlos miteinander zu sprechen, aus Estland. Als selbstverständlich gelten in Estland die Wahl via Internet oder eine Unternehmensgründung digital innerhalb weniger Minuten durchzuführen sowie Steuererklärungen via Web abgeben zu können. "Die moderne Technologie hat die Zivilgesellschaft ergänzt, indem sie zusätzlich virtuelle gesellschaftliche Kontakte ermöglicht", so der Botschafter. Die Esten nutzen fast kein Bargeld mehr, weil digital oder mit Karte bezahlt wird. So verdrängt das Internet auch im Alltag bisherige Gepflogenheiten und Gewohnheiten.

Digitale Mobilfunknetze und die digitale "e-Schule", eine Plattform der elterlichen Hausaufgabenkontrolle und zum Austausch mit Lehrern, machen die Zivilgesellschaft jedoch auch in großem Maße abhängig von einer digitalen Welt, die einen Missbrauch des virtuellen Netzes zur leichten Angriffsfläche für Gefahren und Kriminalität werden lassen.

Vor zwei Jahren ein, als "verschiedene Einrichtungen des Staates sowie Banken angegriffen wurden" und zeitweise das komplette Netzwerk inklusive der Telefonanschlüsse und der Notruffunktion lahm gelegt wurden, war klar, wie abhängig der kleine baltische Staat bereits ist. Der Botschafter verglich diesen Angriff mit einem "Krieg mit konventionellen Waffen", der "den Menschen genauso wie eine Bombe oder ein Schuss in der Nähe total verunsichert". In ihrer Not hatte die estnische Regierung seinerzeit versucht, den NATO-Verteidigungsfall auszulösen.

  Im Gespräch mit dem estnischen Botschafter in Berlin, Dr. Mart Laanemäe (rechts), ist Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen und Professor Dr. Herbert Kubicek, Geschäftsführer Institut für Informationsmanagement Bremen GmbH. (Foto: BS/Hartmut Reiche)

Im Gespräch mit dem estnischen Botschafter in Berlin, Dr. Mart Laanemäe (rechts), ist Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen und Professor Dr. Herbert Kubicek, Geschäftsführer Institut für Informationsmanagement Bremen GmbH.

(Foto: BS/Hartmut Reiche)

Deshalb wurde in Estland die Einführung einer ID-Karte von politischer wie auch von gesellschaftlicher Seite begrüßt. Jeder Einwohner Estlands ist mit einer Kennzahl legitimiert, sich im Internet frei zu bewegen und die totale Vernetzung aller Systeme digital zu nutzen und mitzugestalten. Diese "Schnittstelle zwischen Mensch und Rechner" soll eine Barrierefreiheit in der digitalen Zivilgesellschaft möglich machen. Auch in Estland habe es Datenschutzbedenken gegeben, doch die Vorteile des digitalen Personalausweises hätten alle Bürger letztlich überzeugt. So werde es auch in Deutschland kommen, prognostizierte der Botschafter.

Diese Barrierefreiheit sei in Estland ferner ein legitimer "Grundsatz für die Weiterentwicklung aller Systeme der Informationstechnologie".

Informationstechnologie sichere eine "nachhaltige Entwicklung" und helfe, zu einer einfachen, schnellen und sparsamen Projektionsfläche für alle Menschen zu werden.

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