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Bau-Igel und IT-Hase

Wettlauf zwischen BMVI und BMUB

Die Bauwelt und die digitale Welt haben auf Bundesebene noch nicht zusammengefunden. Das Bauressort unter Barbara Hendricks und das Ressort für IT-Infrastruktur unter Alexander Dobrindt  gehen erst noch aufeinander zu. (Foto Hendricks/SPD; Foto Dobrindt: Hening Schacht)
Die Bauwelt und die digitale Welt haben auf Bundesebene noch nicht zusammengefunden. Das Bauressort unter Barbara Hendricks und das Ressort für IT-Infrastruktur unter Alexander Dobrindt gehen erst noch aufeinander zu. (Foto Hendricks/SPD; Foto Dobrindt: Hening Schacht)
Es gibt zur Zeit zwei Bundesbauministerien. Das eine wird von Barbara Hendricks (SPD) geleitet, das andere von Alexander Dobrindt (CSU). Das eine kümmert sich um die bauliche Infrastruktur, das andere um die digitale. Man darf gespannt sein, wie schnell und auf welche Weise die beiden Ressortfelder und ihre Akteure zielführend zusammenwirken werden. Vor allem ob noch vor der Bundestagswahl.(15.01.2016)

Der ehemalige Generalsekretär der CSU hat vor, einen neuen Motor für die deutsche Bauwirtschaft zu liefern: Building Information Modeling (BIM). Auf dem "Zukunftsforum Digitales Bauen" kurz vor  Jahresschluss drückte er kräftig aufs Gas. Mitarbeiter des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) befanden sich nur unter den Zuhörern. Die Teilnehmerliste wies einen einsamen Vertreter der kommunalen Ebene aus: einen Experten für Gebäudewirtschaft der Stadt Köln.

Die öffentliche Hand soll Vorbild und Impulsgeber für digitales Bauen werden. Avantgarde sind die Auftraggeber im Zuständigkeitsbereich des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI). Sie sollen zügig befähigt werden, digital und fünfdimensional (Zeit und Kosten inbegriffen)  Gebäude planen, entwerfen, finanzieren, bauen und betreiben zu können. Bis 2020 sollen sie in der Lage sein, alle neu zu planenden Projekte per BIM zu realisieren. Der anwesende Vertreter des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, das dem BMUB untersteht, wird mit Erleichterung vernommen haben, dass er davon nicht betroffen ist.

Lebenszeitzyklus

Die öffentlichen Auftraggeber in Bausachen sind eigentlich Schutzbefohlene des Bauministeriums, das sich auch für die mittelständischen Bauunternehmen und ihre Zulieferer zuständig sieht. Im Verantwortungsbereich dieses Ressorts wird zugleich das Regelwerk geschaffen, das den Auftraggebern in Bund, Land und Kommune sagt, wie sie im Detail vorgehen müssen, wenn sie sich per Wettbewerb die geeigneten Bauunternehmen suchen, um Brücken, Rathäuser und Straßen bauen zu lassen. Trotz grundlegender Neustrukturierung des Vergaberechts gilt auch weiterhin die VOB, die vom Deutschen Vergabe- und Vertragsausschuss für Bauleistungen (DVA) erarbeitet wird, der unter den Fittichen des BMUB tätig ist.

Derweil konzentriert man sich im BMVI auf die vierte industrielle Revolution im Baubereich, nämlich die digitale. "Planen Bauen 4.0" ist das Stichwort für IT am Bau. Es sagt unmissverständlich, dass nicht nur das Errichten von Gebäuden gemeint ist und deutet an, dass es um noch mehr geht: um den Lebenszeitzyklus, also die Gesamtheit der Entstehens- und Existenzphasen einer Straße oder eines Gebäudes, also auch die Nutzungs- und Wartungsphase. Ein Schelm, wer dabei nicht an ÖPP denkt.

Nachtragskultur gefährdet

Alexander Dobrindt kann nicht nur deshalb beanspruchen, den größeren "Weitblick" als das andere mit Bauen befasste Ressort zu haben. Sein Blickwinkel bietet auch deshalb die souveränere Perspektive, weil er bei öffentlichen Aufträgen über die Paragraphen des Vergaberechts hinausdenken lässt. An das, was vor und nach Abwicklung des Vergabeverfahrens geschieht. Der Stufenplan Digitales Planen und Bauen lehnt sich stark an die Ergebnisse der Reformkommission Großprojekte an, die geschaffen wurde, um Projektdesaster bekannter Couleur zu vermeiden.

Der Plan blickt aber auch deswegen ein gutes Stück über den Tellerrand rein vergaberechtlicher Denkweisen hinaus, weil er erreichen will, nicht nur den gesamten Lebenszyklus eines Projektes neu zu organisieren, sondern auch die dafür nötigen Daten, und zwar sämtliche. Künftige Auftraggeber wird das nicht sehr erfreuen. Denn es werden dadurch ganz neue Transparenzräume geschaffen. Solche, die man bislang nicht gewohnt war. Wer es gewohnt ist, mit unbemerkten Ungenauigkeiten und Unkorrektheiten zu leben und zu agieren, muss plötzlich alle Karten auf den Tisch legen. Die Chancen für Nachtragskultur und andere Unsitten schwinden rapide.

Wie bei E-Vergabe

Im Stufenplan heißt es augenzwinkernd, dass die nötigen Prozessbeschreibungen, wie sie im "BIM-Abwicklungsplan" (BAP) zur Festlegung der Rollen und Aufgaben der Akteure verlangt werden, keinen Mehraufwand darstellen. Denn die dafür erforderlichen Informationen müssten ja ohnehin erstellt werden. Nur geschieht das eben ohne BIM nicht systematisch. Also doch Mehraufwand. Er zahlt sich im Nachhinein allerdings aus, weil dadurch viel unnötige Kommunikation entfällt. Man muss nur gemeinsam in den Bildschirm hineinschauen.

In der Praxis wird es ähnlich sein, wie bei der E-Vergabe. Auch sie lässt sich nicht einfach installieren, alles ist dann gut und es kann unkomplizierter als bisher gearbeitet werden. Das ist erst dann der Fall, wenn die Gesamtsoftware stimmig und vollständig ist. Und wenn Routine eingekehrt ist. Das verlangt viel praktisches Üben und zusätzliche Qualifikation. Im Stufenplan ist aufgelistet, was vor allem von der Auftraggeberseite in dieser Hinsicht bei BIM verlangt wird.

Immer voraus

Findet ein Wettlauf zwischen dem Bau- und dem Infrastrukturressort statt? Wer ist der Hase, wer der Igel? In der Fabel läuft der Hase wie ein Blitz hin und her, ist aber doch ständig der Verlierer. Denn der Igel ist an beiden Enden der Rennstrecke vor ihm da, an einem Ende in Gestalt seiner Frau, was dem Hasen nicht auffällt. Bei BIM wir nur in eine Richtung gelaufen. Der IT-Hase wird dem Bau-Igel immer voraus sein, muss aber immer wieder auf ihn warten, weil dieser eben nicht schneller kann oder will.

Franz Drey


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