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Der Daesh hat alle Schlachten verloren

Terrorexperte Uwe Kranz über den Islamischen Staat

Uwe Kranz glaubt nicht, dass der Daesh vollständig besiegt ist. An dieser Einschätzung ändern auch die jüngsten militärischen Erfolge gegen ihn nichts. (Foto: BS/Dombrowsky)
Uwe Kranz glaubt nicht, dass der Daesh vollständig besiegt ist. An dieser Einschätzung ändern auch die jüngsten militärischen Erfolge gegen ihn nichts. (Foto: BS/Dombrowsky)
Der Niedergang des Daesh begann schon 2015, zunächst in den nördlichen Hochburgen Kobane, Tal Abyad und Hasak. Er setzte sich dann im Süden fort, mit den empfindlichen Verlusten von Ramadi, Fallujah, Samarra, Tikrit, Baiji oder Palmyra und fand seinen vorläufigen Höhepunkt mit dem Fall seiner irakischen Großstadt Mossul zur Jahreswende 2016/2017. Nunmehr ist auch seine syrische "Kalifats-Hauptstadt" al-Rakka gefallen. (07.11.2017)

Der Kampf um die Stadt startete bereits im November 2016 und wurde mit unglaublicher Härte (auch in Form der Luftunterstützung durch die Vereinigten Staaten von Amerika) geführt, unter der zumeist die Zivilbevölkerung litt. Das "Kalifat", einst so groß wie Portugal, schrumpfte auf ein paar Kampfregionen. Mitte Oktober dieses Jahres kapitulierten in al-Rakka 275 der letzten Daesh-Kämpfer nach Zusicherung des freien Abzugs mit ihren Familien. In der Innenstadt verblieben zuletzt nur noch circa 100, zumeist ausländische Kämpfer ohne tribale Verbindungen. Sie verschanzten sich im Krankenhaus und im Stadion, bewegten sich durch ein Labyrinth von Tunneln und Gräben, behinderten den Vormarsch ihrer Gegner durch Heckenschützen, tückische Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, Minen, Sprengfallen, Zäune - und verbargen sich hinter menschlichen Schutzschilden. Das waren zivile Geiseln, die sie aus al-Rakka und dem Umland zusammentrieben. 400 Geiseln wurden bis zuletzt im Krankenhaus festgehalten.

Weiterhin zahlreiche Kämpfer im Ex-Kalifat

Kurdisch geführte Verbände der Syrian Democratic Forces (SDF) nahmen die Innenstadt von al-Rakka ein, befreiten die Geiseln und vertrieben die letzten Terroristen. Immer noch gibt es zwischen 6.000 und 10.000 Kämpfer im Ex-Kalifat, wie es von der von den USA geführten Koalition heißt. Das sind immerhin elfmal mehr, als der angeblich zerstörte "Islamische Staat im Irak" Ende 2010 hatte. Immer wieder stöbern die SDF Widerstandsnester auf, immer wieder verüben klandestine Terrorzellen Anschläge. Wohin die 275 Kämpfer mit ihren Familien gingen, ist nicht bekannt. Man darf aber vermuten, dass sie sich zu einem Großteil wieder den Daesh-Kampfeinheiten anschließen werden, die sich in das schwer kontrollierbare Euphrat-Tal oder in die Provinz Deir al-Zour zurückzogen.

Der aktuelle mediale Fokus auf das "syrakische" Geschehen verstellt den Blick aufs Ganze. Schon früh hatte der Daesh strategisch weitsichtig weltweit Provinzen (Wilayah) errichtet, Außenstellen seines Kalifates. Dazu gehört u.a. die "IS-West-African Province" (ISWAP). Sie erwuchs aus der nordnigerianische Terrorgruppe Boko Haram. Ihr Anführer Abubakar Muhammad Shekau schwor schon im März 2015 dem Daesh-Kalifen Ibrahim die Treue. In den rund sechs Jahren seiner Terrorherrschaft verantwortete Shekau über 40.000 Tote und zwang 1,8 bis 2,8 Millionen Menschen in die Flucht - zu über 50 Prozent Frauen und Kinder.

Terrorprovinzen auch in Libyen

Seit Oktober 2014 herrschte der Daesh auch in Libyen in drei Provinzen: al-Fizan (Süd), al-Bargha, auch genannt "Cyrenaica" (Ost) und al-Tarabulus, auch bekannt als "Tripolitania" (West). Von besonderer Bedeutung war der 250 Kilometer lange Küstenstreifen von al-Buerat bis Sirte, wo der Daesh zum Teil in Kooperation mit Gruppen der Muslimischen Bruderschaft und der Libyan Islamic Fighting Group (LIFG) das Ölgeschäft, die Organisierte Kriminalität (Zigarettenschmuggel und Menschenhandel) sowie die Schleuserbanden fest im Griff hatte. Und seine Vorauskommandos als Flüchtlinge getarnt nach Europa schickte.

US-Analysten schätzten 2015/16 die Stärke des Daesh in Libyen auf bis zu 6.500, französische Geheimdienstinformationen sprachen sogar von 10.000 Mann. Obwohl die Präsenz des Daesh bis zum Dezember 2016, vor allem im Raum Sirte, stark zurückgedrängt werden konnte, kommt es ständig zu opferreichen Überfällen und Anschlägen der Terrormiliz. Dabei rekrutiert der Daesh zunehmend Söldner aus der Sahelzone und füllt damit seine Bataillone wieder auf. Seine aktuelle Stärke dort dürfte bei etwa 1.000 Personen liegen. Außerdem formiert sich die Gruppierung im Südwesten Libyens neu.

Nach polizeilichen Erkenntnissen wurden sowohl der Anschlag im englischen Manchester der Brüder Salman und Hashim Abedi als auch das Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt von Anis Amri in engem Kontakt mit Daesh-Führer von Libyen aus gesteuert.

Die Daesh-Provinz Sinai ist eine der aktivsten und gefährlichsten in Nahost und Nordafrika und es gibt mächtige Verbündete. Manche Analysten wie etwa Arik Agassi sprechen sogar von einer "Iran-Hamas-ISIS-Achse". Sie soll Teil der iranischen Strategie sein, um die Vormacht im Nahen Osten zu stärken, den US-Verbündeten Ägypten zu schwächen, den ohnehin nur schwächelnden Friedensprozess zwischen Israel und Palästina zu unterhöhlen und Israel letztlich gar ganz zu zerstören. Offensichtlich ist, dass Daesh-Kämpfer beiden Staaten schwer zusetzen. Neben den hunderten Granaten und Raketen, die vom Gazastreifen aus auf Israel abgefeuert werden, schlagen nunmehr auch Raketen des Daesh ein, wie aus israelischen Medienberichten hervorgeht.

Die ungekürzte Fassung des Artikels lesen Sie in der Novemberausgabe des Behörden Spiegel auf Seite 45.

Dieser Beitrag wurde von Uwe Kranz, Terrorexperte des Behörden Spiegels verfasst.




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