http://www.behoerden-spiegel.de
Anzeige 
 

Prof. Dr. Jörn von Lucke zum Digitalen Staat

"Ein Portalverbund ist ein äußerst anspruchsvolles Vorhaben."

Prof. Dr. Jörn von Lucke wird zum Thema Portalverbund auf dem Fachkongress „Digitaler Staat“ diskutieren. (Foto: Jörn von Lucke)
Prof. Dr. Jörn von Lucke wird zum Thema Portalverbund auf dem Fachkongress „Digitaler Staat“ diskutieren. (Foto: Jörn von Lucke)
Prof. Dr. Jörn von Lucke (Jg. 1971), Direktor und Professor für Verwaltungs- und Wirtschaftsinformatik am Open Government Institute der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, beteiligt sich auf dem Fachkongress Digitaler Staat an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Once-Only“. Im Interview mit dem Behörden Spiegel äußerte sich von Lucke über die Chancen und Möglichkeiten eines Portalverbundes. Er sieht Deutschland aufgrund der Komplexität, welche dessen Umsetzung bedarf, noch nicht weit vorangeschritten. Die Fragen stellte unser Redakteur Wim Orth. (13.11.2017)

Behörden Spiegel: Welche Herausforderungen bringt der Portalverbund mit sich?

Jörn von Lucke: Planung und Implementierung des Portalverbunds bringen zahlreiche Herausforderungen mit sich. Bei einem so komplexen Vorhaben sind die Verantwortlichen mit nahezu allen Herausforderungen von E-Government-Vorhaben konfrontiert. Diese reichen etwa von strategischen Fragestellungen über den weiteren Rechtsgestaltungsbedarf und die Bereitstellung der erforderlichen Finanzmittel bis hin zu Fragen der praktischen und technischen Umsetzung im föderalen Mehrebenensystem.

Und ein deutscher Portalverbund sollte sich meiner Einschätzung nach zudem harmonisch in einen europäischen Portalverbund einfügen. Ein Portalverbund ist also ein sehr anspruchsvolles Vorhaben. In Forschungsvorhaben an der Zeppelin Universität schauen wir uns derzeit die verschiedenen Herausforderungen bei der aktuellen Umsetzung in Deutschland sowie in anderen Staaten detailliert an. 

Behörden Spiegel: Wie sieht die Wissenschaft den Verbund?

Jörn von Lucke: Über Hochleistungsportale für den öffentlichen Sektor habe ich vor über 10 Jahren am Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung in Speyer geforscht und an der heutigen Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer habilitiert. Anschließend haben wir am Fraunhofer Institut FOKUS in Berlin dazu eine Forschergruppe aufgebaut, die sich mit einzelnen Perspektiven wie Zuständigkeitsfindern, Dokumentensafes, einheitlichen Ansprechpartnern und Open Data intensiver auseinandergesetzt haben.

Ein Portalverbund ist ein äußerst anspruchsvolles Vorhaben. In einem solchen Verbund kommunizieren und kooperieren Portale miteinander. Anwender erhalten über jedes in ein solches Cluster integrierte Portal Zugriff auf alle eingebundenen Informations- und Transaktionsangebote, unabhängig davon, welches Portal diese bereitstellt. Nach Möglichkeit sollten alle relevanten Akteure in ein solches Cluster eingebunden sein. Diese umfassendste Vernetzung ermöglicht mittelfristig die Schaffung vollkommen neuer Verfahrensabläufe und Wertschöpfungsketten im Verwaltungsbereich. Sie erlauben es zudem, einst getrennte Verwaltungsangebote zu einem Gesamtpaket aus einer Hand im Sinne von One Stop Government und einheitlicher Ansprechpartner zusammenzuschnüren. 

Mehr Informationen hierzu finden Sie auf der archivierten Homepage vom Forschungsprojekt am FÖV Speyer (2002-2004): http://www.joernvonlucke.de/Portale/index.html sowie in meiner Habilschrift "Hochleistungsportale für die öffentliche Verwaltung, Schriftenreihe Wirtschaftsinformatik, Band 55, Forschungsbericht, zugleich Habilitationsschrift an der DHV Speyer, Josef Eul Verlag, Lohmar und Köln 2008, ISBN: 978-3-89936-645-7."

Behörden Spiegel: Welche Vor- und Nachteile bietet der Portalverbund?

Jörn von Lucke: Die Bürger selbst möchten vollkommen unabhängig vom gewählten Einstiegspunkt idealtypisch auf alle für ihre Situation relevanten Informations-, Kommunikations- und Transaktionsangebote der öffentlichen Hand zugreifen können. Sie wünschen sich also einen intelligenten Verbund der Verwaltungsportale, der sie von Koordinationsaufgaben entlastet.

Damit werden aber hohe Anforderungen an die Betreiber von Verwaltungsportalen gestellt, die sowohl miteinander wie mit allen relevanten Behörden im Hintergrund kooperieren müssten. Solange die öffentliche Verwaltung nicht ganz bestimmte Akteure mit dem Aufbau von Portalsystemen und der Einrichtung von Verwaltungsportalen beauftragt, werden Behörden und Gebietskörperschaften ihre Portalaktivitäten eigenständig verfolgen. Schließlich haben diese zuerst einmal die Erfüllung öffentlicher Aufgaben und damit auch den Vertrieb ihrer Verwaltungsleistungen sicherzustellen. Im Informationszeitalter sind Portale dazu ein wichtiges Mittel.

Einigen sich Bund, Länder und Kommunen auf einen gemeinsamen Portalverbund, eröffnen sich durch den vertikalen Mehrkanalansatz Möglichkeiten zur zeitgemäßen, effizienten und digitalen Neuausrichtung des Vertriebs öffentlicher Verwaltungsleistungen in Deutschland. Eine solche digitale Verwaltungsinfrastruktur könnte uns bei erheblich geringeren Betriebskosten effektiver durch die kommenden Jahrzehnte bringen. Auf Grund der skizzierten vielfältigen Herausforderungen sind wir in Deutschland aber noch lange nicht so weit.

Erfahren Sie mehr zum Digitalen Staat auf der Kongress-Website: http://www.digitaler-staat.org/

wim/har

/har




- Anzeigen -
Werbung
Advertisement  
 
Partner
Partner

Logo der ICT AG