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Gastkommentar

Raumfahrt: Schlüsseltechnologie für Sicherheit und Verteidigung

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. pol. habil. Michael Lauster, Institutsleiter des Fraunhofer Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT, Euskirchen. (Foto: privat)
Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr. rer. pol. habil. Michael Lauster, Institutsleiter des Fraunhofer Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT, Euskirchen. (Foto: privat)
Seit je her ist Raumfahrt ein Technologiebereich mit hoher Öffentlichkeitswirkung. Viele aus der Generation 50+ erinnern sich noch an die verpixelten Schwarz-Weiß-Bilder vom 21. Juli 1969 mit der Bildunterschrift "Live from the Moon", als mehr als 600 Millionen Zuschauer weltweit den erfolgreichen Abschluss des Wettrennens zum Mond miterlebten – ein prestigeträchtiges Ereignis mitten im Kalten Krieg, das auch die technologische Überlegenheit des Westens dokumentieren sollte. (14.06.2017)

Heute sind es Namen wie Thomas Reiter und Alexander Gerst oder Maschinen wie Rosetta und ihr Landegerät Philae, die die Menschen begeistern. Das Hubble-Weltraumteleskop hat unseren Blick auf das Universum verändert; die internationale Raumstation ISS ist ein gelungenes Beispiel für die Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg, auch wenn Krisen das Verhältnis der beteiligten Staaten untereinander trüben.

Die Anzahl raumfahrender Nationen steigt beständig, und es drängen im Rahmen der Kommerzialisierung der Raumfahrt ("NewSpace") zunehmend auch privatwirtschaftliche Unternehmen in vormals rein institutionell dominierte Bereiche. Der Blick auf den Weltraum wandelt sich von einem reinen Forschungsobjekt hin zu einem Bestandteil neuer Geschäftsmodelle, der Dienstleistungen auf der Erde ermöglicht, die mit bodengebundenen Systemen nicht oder nur unwirtschaftlich zu realisieren wären.

Die "unendlichen Weiten" beginnen plötzlich eng zu werden – zumindest was die erdnahen Bereiche betrifft. Das schafft neue Fragestellungen, die auch die Gebiete von Sicherheit und Verteidigung berühren; sie gehen dabei weit über die sich unmittelbar aufdrängenden Anwendungen Erdbeobachtung und Weitbereichskommunikation hinaus.

Um dies zu verdeutlichen, muss man sich zunächst den weniger öffentlichkeitswirksamen, aber dafür für das alltägliche Leben umso wichtigeren Teilen der Raumfahrt zuwenden. Zeitlich nicht exakt bestimmbar, aber beginnend kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, haben sich raumfahrtgetriebene Anwendungen in zahlreichen gesellschaftlichen Bereichen etabliert und dort unentbehrlich gemacht. Hier soll ein Beispiel genügen: ein Großteil des weltweiten Börsengeschäfts besteht aus dem sogenannten Hochfrequenzhandel, bei dem sich Computer gegenseitig börsengängige Produkte verkaufen. Sie nutzen dabei die wenige Millisekunden dauernde Zeitspanne, die die einzelnen Börsen benötigen, um Kursunterschiede an weit voneinander entfernten Handelsplätzen anzugleichen. Diese Transaktionen sind nur dann gültig, wenn ein weltweit verfügbares, exaktes und von allen anerkanntes Uhrensignal als Zeitstempel zur Verfügung steht. Das ist derzeit nur durch die GPS-Systeme gewährleistet, die Zeitsignale mit einer Genauigkeit von einer Mikrosekunde oder besser senden; ein längerer oder gar dauerhafter Ausfall dieser Systeme würde global zu einem immensen wirtschaftlichen Schaden führen.

In ähnlicher Weise sind – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – inzwischen raumfahrtgestützte Dienste in sämtliche Kritischen Infrastrukturen der KRITIS eingebunden, die ohne sie nicht funktionieren und so zu massiven Störungen der öffentlichen Ordnung führen würden. Damit aber wird der Schutz der Raumfahrtsysteme, genauso wie der der KRITIS, zu einer Aufgabe der nationalen Sicherheitsvorsorge. Das gilt sowohl für die orbitalen Anteile, das Bodensegment, die Kommunikationskanäle als auch für die gesamte organisatorische Hülle.

Die zunehmende Enge in den Orbits durch steigende Teilnehmerzahlen am Weltraumverkehr, einhergehend mit entsprechendem Gedränge auf den nutzbaren Frequenzbändern, macht es zum einen notwendig, dass alle Behörden und Organisationen der Sicherheitsvorsorge dringend ihren langfristigen Bedarf an Orbit- und Frequenzkapazitäten artikulieren. Zum anderen müssen durch politische Initiativen internationale Regularien und Organe geschaffen werden, die – vergleichbar wie beim Luftverkehr – den Zugang zur und die Nutzung der globalen Ressource Weltraum kontrollieren.

Deutschland zählt zu den intensivsten Nutzern weltraumgestützter Dienste; Wirtschaft und Gesellschaft profitieren in hohem Maß von der Raumfahrt. Gleichzeitig haben wir uns aber auch in weiten Teilen stark von ihr abhängig gemacht. Der Erhalt und die Sicherung der mit der Raumfahrt verbundenen Fähigkeiten liegen deshalb in unserem ureigenen Interesse; sie sind eine gesamtstaatliche Aufgabe. Mit der jetzt gerade vehement einsetzenden Kommerzialisierung der Raumfahrt verändern sich nicht nur Mitspieler, sondern auch die Regeln des Spiels rasant. Hier den Überblick zu behalten und den Anschluss nicht zu verpassen, ist eine Aufgabe mit höchster Priorität. Die große Popularität bestimmter Bereiche der Raumfahrt kann dazu sinnvoll genutzt werden.




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