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Neue Herausforderungen für den Sanitätsdienst

Gastkommentar

Sanitätsdienste unterliegen als unverzichtbarer Bestandteil von Streitkräften grundsätzlich den gleichen sicherheitspolitischen Herausforderungen wie die übrigen Elemente der Armeen. Im aktuellen Entwurf der NATO-Vorschrift für sanitätsdienstliche Unterstützung (AJP 4.10 C) wird dazu ausgeführt: "… Die jüngsten Entwicklungen in der globalen Sicherheit (…) machen deutlich, dass sich das Bündnis mit einem zunehmend unbeständigen, komplexen und unsicheren Umfeld mit aufkommenden transnationalen und multinationalen Bedrohungen in einem anhaltenden Klima strikter Sparpolitik auseinandersetzen muss. (…) Zusätzlich werden erhebliche Beschränkungen in Bezug auf die Umwelt und Ressourcen, darunter Gesundheitsrisiken, Klimawandel, Verstädterung, Wasserknappheit und steigender Energiebedarf, das künftige Sicherheitsumfeld in Bereichen beeinflussen, die für die NATO von Interesse sind, ..." (08.11.2017)
Generalstabsarzt Dr. Michael Tempel, Inspekteur des Sanitätsdienstes, leitet das Panel A2 "Protection of Forces" auf der Berliner Sicherheitskonferenz 2017. (Foto: Bundeswehr)

Gestiegene Erwartungen hinsichtlich der Behandlungsergebnisse von Soldatinnen und Soldaten sowie aktuelle technologische Entwicklungen (z.B. die Verfügbarkeit autonomer und teilautonomer Systeme) setzen weitere Rahmenbedingungen für Sanitätsdienste. Die sich daraus ergebenen Herausforderungen für Sanitätsdienste sollen nachfolgend beispielhaft skizziert werden.

Strategische Perspektive: Prägten in den vergangenen Jahren die allgemeine Truppenreduzierung im Rahmen der sogenannten Friedensdividende und die Schwerpunktbildung bei Stabilisierungsoperationen die Weiterentwicklung vieler Sanitätsdienste der NATO, stehen nun mit der Refokussierung auf kollektive Verteidigung andere, teilweise verlorengegangen Fähigkeiten im Vordergrund. Sanitätsdienste müssen wieder in die Lage versetzt werden, großangelegte konventionelle Operationen zu unterstützen, sowie für eine hybride Kriegführung gerüstet sein. Dies erfordert Sanitätsdienste, die mit einem hohen Maß an Beweglichkeit, Flexibilität und Durchhaltefähigkeit in der Lage sind, überall in der Welt, über längere Verbindungswege und Zeiträume unter fordernden klimatischen, geografischen und soziokulturellen Bedingungen operieren zu können. Dies ist eine Aufgabe, der nur wenige Sanitätsdienste alleine gewachsen sind. Im Zuge der weiter voranschreitenden, gegenseitigen Integration und Kooperation zwischen nationalen Streitkräften kommt der übergreifenden Zusammenarbeit mehr und mehr Bedeutung zu. Deutschland wird vor dem Hintergrund seiner Größe und Leistungsfähigkeit von zahlreichen Nationen als hoch geschätzter Anlehnungspartner verstanden. Dies gilt in besonderer Weise für das sanitätsdienstliche Fähigkeitsspektrum, das im Zuge der NATO-Verteidigungsplanung zu Recht wiederholt als eine "critical shortfall area" adressiert wurde. Deutschland sorgt sich stärker als bisher um die Fähigkeitsentwicklung innerhalb der NATO. Das "Framework Nations Concept" beruht bekanntlich auf einer deutschen Initiative aus dem Jahr 2013. Der Sanitätsdienst hat sich als einer der ersten Bereiche in der Bundeswehr das darin veranschaulichte Prinzip der gemeinsamen Fähigkeitsentwicklung zu Eigen gemacht.

Operative Perspektive: Im Einsatzland kommt der Kenntnis und kontinuierlichen Analyse der Gesundheitssituation der jeweiligen Zivilbevölkerung sowie der dortigen Fauna und Flora eine wesentliche Bedeutung zu. Dies dient im Wesentlichen dem Schutz der eigenen Truppe vor vermeidbaren Gesundheitsrisiken. Nur so können etwa ein natürliches Phänomen frühzeitig von einer artifiziellen Ursache (z.B. im Rahmen hybrider Kriegsführung mit Einsatz von B-Kampfstoffen) differenziert und rechtzeitig Gegenmaßnahmen zur Force Health Protection eingeleitet werden. Darüber hinaus kann durch transparente und nachvollziehbare Untersuchungen der Verdächtigung der Truppe als Verursacher (analog zur Situation nach dem Erdbeben in Haiti) entgegengewirkt werden.

Gesundheitsrisiken, die sich durch den unmittelbaren Waffeneinsatz ergeben, erfahren kontinuierliche Veränderungen. In jüngster Zeit haben der Einsatz thermobarer Munition, die zunehmende Nutzung (teil)autonomer Waffensysteme und der überwunden geglaubte Einsatz von chemischen Kampfstoffen den bisherigen Fokus auf klassische Schuss-, Spreng- und Brandverletzungen wieder erweitert.

Das operative Umfeld von Sanitätsdiensten bleibt weiterhin anspruchsvoll. Qualitativ hochwertige sanitätsdienstliche Unterstützung muss auch in Kampfhandlungen hoher Intensität gewährleistet sein und dementsprechend in Art und Umfang vorgehalten werden. Das Gesundheitssystem der Aufnahmestaaten steht dabei - wenn überhaupt - meist nur im geringen Umfang zur Mitnutzung zur Verfügung.

Fazit: Die Weiterentwicklung der Sanitätsdienste vollzieht sich in zahlreichen Dimensionen. Wissenschaftlicher Fortschritt in der Gesundheitsversorgung, Patienten- wie Public Health-Erfordernisse, Einsatzgegebenheiten und -erfordernisse, technische Weiterentwicklungen nehmen ebenso Einfluss wie die Demographie, zunehmende Internationalisierung und begrenzte finanzielle Spielräume. Das Wünschenswerte wird vielleicht nicht immer das Machbare sein. Dies sollte uns jedoch keinesfalls dazu verleiten, die Zielsetzung für die Gesundheitsversorgung der Soldaten und Soldatinnen hinsichtlich Ergebnisqualität und Umfang geringer anzusetzen, als sie nach dem Stand von Wissenschaft und Technik möglich ist.

Dieser Gastbeitrag wurde von Generaloberstabsarzt Dr. Michael Tempel, Inspekteur des Sanitätsdienstes, verfasst




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