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Terrorlagen zentral bewältigen

Föderale Ordnung stößt an Funktionalitätsgrenzen

Jörg. H. Trauboth war Berufssoldat und flog 2000 Einsätze in Phantom-und Tornado- Kampfflugzeugen. Im Alter von 50 Jahren machte er sich mit einer Sicherheits-Beratungsfirma selbständig und engagierte sich im Krisenmanagement. Im Interview mit dem Behörden Spiegel widmet sich der inzwischen ehrenamtlich tätige Notfallseelsorger dem amerikanisch-russischen Verhältnis, der Bedrohung durch den "Islamischen Staat" und plädiert für eine neue Sicherheitsarchitektur hierzulande. Die Fragen stellte Marco Feldmann. (20.07.2017)

Der frühere Berufssoldat und heutige Sicherheitsberater Jörg H. Trauboth spricht sich für eine Zentralisierung der Kompetenzen zur Terrorabwehr beim Bund aus. Außerdem fordert er eine finanzielle Stärkung der Kommunen. (Foto: BS/privat)

Behörden Spiegel: Sie waren als Generalstabsoffizier und Chef Ihrer Sicherheits-Beratungsfirma über 40 Jahre im Krisenmanagement unterwegs. Wie hat sich die Bedrohungslandschaft für Deutschland verändert?

Trauboth: Als ich 1993 mit 50 Jahren die NATO in Brüssel und damit auch die Bundeswehr freiwillig verließ und die ersten russischen Offiziere das "Allerheiligste" betraten, war mir klar, dass der Kalte Krieg endgültig vorbei war. Ich musste als Waffensystemoffizier in Phantom-und Tornado-Kampfflugzeugen und als Truppenführer nie in den Krieg. Die westlichen Werte hatten über das totalitäre System gesiegt, ohne dass ein Schuss gefallen war.

Inzwischen, als Chef einer Krisenmanagementberatung, sah ich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit großer Sorge den amerikanischen Irak-Krieg, die Brutstätte für den heutigen Terror, parallel die ungehemmte Osterweiterung der NATO und der EU und das wachsende Ungleichgewicht zwischen den traditionellen Mächten USA und Russland. 

Behörden Spiegel: Wie hat sich denn das Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Kreml verändert?

Trauboth: Dieses hat sich mit Wladimir Putin inzwischen völlig verändert. Der Westen hat den KGB-Offizier Putin zu lange nicht ernst genommen. Er wollte Augenhöhe auf strategischer Ebene. Er bekam sie nicht, weder von Bush noch Obama und - wenn ich an seinen werbenden Auftritt 2001 vor dem Deutschen Bundestag in deutscher Sprache zurückdenke – auch nicht von Deutschland. So holte er sich die Augenhöhe mit seiner expansiven Krim-und Syrienpolitik.

Behörden Spiegel: Was hat sich noch gewandelt?

Trauboth: Putin demonstriert wie kein anderer Militär als Mittel der Expansionspolitik. Er zeigt uns, was moderner hybrider Kampf mit konventionellen Waffen und inzwischen mit digitalen Mitteln bedeutet. Im Kalten Krieg war der Gegner transparent. Heute operiert er anonym aus dem Nichts von überall und jederzeit.

Die Welt ist zusätzlich durch riesige Migrationsströme aus den Fugen geraten. Das Fluchtziel heißt Europa. Doch Europa ist uneins. Unsere Innere und Äußere Sicherheit stehen auf ziemlich wackligen Füßen.

Behörden Spiegel: Welche Rolle wird der sogenannte "Islamische Staat" in Zukunft trotz seiner massiven Gebietsverluste in jüngster Zeit spielen?

Trauboth: Anders als al-Quaida hat sich der IS zunächst über sein Territorium identifiziert. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens veröffentlichte ich einen Plan, wie der IS mit einer Bodenoffensive durch arabische und irakische Truppen, unterstützt von westlichen Eliteeinheiten, geschlagen werden kann. In Deutschland fand sich dafür kein Zuspruch. Deutschland stand traditionell auf der strategischen Zuschauertribüne und verließ sich wieder einmal auf die USA.

Doch Präsident Obama wollte keinen neuen Krieg. Dafür entwickelte sich in der Region ein Stellvertreterkrieg mit den Hauptbeteiligten USA, Russland, Iran und der Türkei. In der Zwischenzeit nutzte der IS, subversiv unterstützt von Saudi-Arabien und der Türkei, die Gelegenheit.

Behörden Spiegel: Wie das?

Trauboth: Er verbreitete erfolgreich seine Ideen: Tausende strömten zu ihm, Kämpfer wurden ausgebildet, um die "Gottlosen" in ihren eigenen Ländern zu bekämpfen. Der dschihadistische Virus war gesetzt. Das Krebsgeschwür "Tod den Gottlosen" findet sich inzwischen in allen westlichen Staaten. Die erkannten Gefährder dürften nur die Spitze des Eisberges sein.

Behörden Spiegel: Welches Ziel verfolgt der IS?

Trauboth: Ziel des IS ist es ein, weltweites Kalifat zu schaffen. Mosul und Rakka sind nicht mehr erheblich für sein Überleben. Längst ist der IS in nord- und zentralafrikanischen Ländern sowie in Afghanistan und verstärkt in den Philippinen eingesickert. Die größte anzunehmende Bedrohung bestände darin, dass der IS zu seiner Mutter zurückkehrt, zu al- Quaida. Dann könnte uns bevorstehen, wofür es bisher keine Anzeichen gibt: ein Angriff auf lebenswichtige Kritische Infrastrukturen.

Behörden Spiegel: Wie schätzen Sie das Krisenmanagement der Bundesregierung im Umgang mit der Türkei im Speziellen und mit Notfällen, wie zum Beispiel Entführungen, im Allgemeinen ein?

Trauboth: Zugegeben, Erdogan nervt und macht wütend. Zudem ist das lange abwartende Verhalten der Bundeskanzlerin bezüglich des Besuchsverbotes deutscher Parlamentarier in Incirlik und nun in Konya eine politische Herausforderung, die sich ständig verschärft. Erdogan hat sich auf seinem Weg zur Präsidialdiktatur außenpolitisch völlig isoliert. Sein Land steht zugleich vor einem wirtschaftlichen Kollaps und braucht dringend Geld, besonders durch Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft. Der Staatsapparat funktioniert angesichts der Massenentlassungen und – Inhaftierungen nur noch im Notmodus. Das zentrale Problem heißt nicht Türkei, sondern Erdogan.

Behörden Spiegel: Was bedeutet das für einen eventuellen EU-Beitritt der Türkei?

Trauboth: Die Tür zur EU hat Erdogan mit dem Willen, die Todesstrafe "demokratisch" einzuführen bereits fast zugeschlagen, und nun spielt er über den Standort Konya mit der Tür zur NATO und natürlich immer wieder mit der Flüchtlingsfrage. 

Es geht bei der lästigen Besuchsfrage von Abgeordneten an zwei Standorten eigentlich um die zentrale Frage, wie lange eine werteorientierte Europäische Union und die NATO diese neue antidemokratische und aufsässige Türkei noch akzeptieren können, ohne die eigene Glaubwürdigkeit zu verlieren. Strategisches Ziel muss es bleiben, die Türkei in der NATO zu halten und sie nicht an Russland "abzugeben", auch wenn Erdogan immer wieder schmerzt. Am Ende werden das Geld, die Wirtschaft und das türkische Volk entscheiden. Auch Erdogan ist endlich.

Behörden Spiegel: Wie bewerten Sie die derzeitigen Chancen, in der Türkei festgenommene und inhaftierte deutsche Staatsbürger freizubekommen?

Trauboth: Aktuell befindet sich Deutschland in einer politischen Erpressungssituation: Deutsche Staatsbürger im Austausch gegen hohe türkische Offiziere, die bei uns Asyl beantragt haben. Deutschland wird praktisch in Geiselhaft genommen. Ich bin sicher, dass die deutsche Regierung diesen "Deal" nicht machen wird. Die Chancen, dass festgesetzte deutsche Staatsbürger mit Hilfe hiesiger Behörden freikommen, stehen aktuell leider schlecht. Da auch andere Nationen betroffen sind, braucht es eine internationale Initiative, die für die Türkei schmerzhaft ist, aber die Tür nicht zumacht.

Behörden Spiegel: Mit einer Task Force haben Sie in existentiellen Krisen, wie in Erpressungs- und Entführungssituationen, beraten und die Prävention in vielen Firmen gestaltet. Worauf kommt es dabei an?

Trauboth: Mein Grundsatz im Krisenmanagement lautet "Keep it short and simple". In der Umsetzung bedeutet das, zunächst einen handhabbaren Plan haben und in der Lage richtig handeln. Richtiges Handeln erfordert dabei zuallererst eine Analyse der Gefahrenlage. Anschließend müssen die Möglichkeiten bewertet und die Zielsetzung des eigenen Handelns definiert werden. Nur dann können richtige Entscheidungen getroffen werden. 

Diese Lagebeurteilung entspricht übrigens vereinfacht dem militärischen Führungsprozess. Unternehmen trainieren existentiell wichtige Fälle, wie Erpressungs-und Entführungsszenarien, Demonstrationen oder Imagekrisen mindestens einmal im Jahr und sind damit auf den eventuellen Eintrittsfall bestmöglich vorbereitet. In der Krise entscheidet dann nicht zuletzt die richtige Führung.

Behörden Spiegel: Weshalb ist aus Ihrer Sicht eine neue deutsche Sicherheitsarchitektur erforderlich und wie könnte diese aussehen? Welche Rolle sollten dabei Kommunale Ordnungsdienste und private Sicherheitsdienste spielen?

Trauboth: Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), Anis Amri und andere Fälle zeigen, dass die Polizeigewalt bei extremistischen und terroristischen Gefahrenlagen beim Staat liegen muss.  Der Föderalismus funktioniert heute nicht mehr bei Gefahrenlagen von vitalem nationalem Interesse. Zwölf Menschen hätten auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin nicht sterben müssen, wenn Anis Amri aus einer Hand überwacht und rechtzeitig festgesetzt worden wäre. Über fünfzig Dienststellen haben in seinem Fall miteinander kommuniziert und am Ende versagt.

Wir brauchen ein deutsches FBI, das Terrorlagen zentral bewältigt. Landesbehörden müssen aufgelöst werden oder Kompetenzen abgeben. Hier unterstütze ich Bundesinnenminister de Maizière, der sich allerdings gegen den politischen Widerstand auf Landesebene bisher nicht durchsetzen konnte.

Behörden Spiegel: Welche sicherheitspolitischen Herausforderungen müssen die Kommunen bewältigen?

Trauboth: Die zunehmenden Ausschreitungen von gewaltbereiten Menschen, wie auf dem G20-Gipfel in Hamburg oder bei örtlichen Veranstaltungen und Demonstrationen stellen die Kommunen vor ganze neue sicherheitsrelevanten Herausforderungen, die ohne eine Änderung der Rechtsprechung zum Beispiel für Versammlungen, ein Mehr an finanziellen Mitteln, qualifiziertem Personal, einschließlich qualifizierter Sicherheitsdienste und sorgfältigen Krisenmanagementvorbereitungen in Zukunft nicht mehr zu bewältigen sind. Das Deutschland in zehn Jahren wird nicht mehr das von heute sein. 

Behörden Spiegel: Wie kommt es, dass Sie als ehemaliger Tornado-Waffensystemoffizier sich nun ehrenamtlich als Notfallseelsorger engagieren? Wie hat sich Ihr Blick auf die Sicherheitssituation und -architektur in Deutschland durch dieses ehrenamtliche Engagement verändert?

Trauboth: Die Bewältigung von Angst ist ein zentrales Moment im Krisenmanagement. Ich sehe Angst in der Entführung auf allen Ebenen aber auch bei Unternehmenskrisen. Wie bei einem Unternehmer, dessen Milchprodukt kriminell kontaminiert worden war und das Lebenswerk von drei Generationen auf dem Spiel stand. Was passiert, wenn ich eine Fehlentscheidung treffe?  Angst!  Auf der beruflichen Ebene begegne ich diesen Herausforderungen mit Vermittlung von Fachwissen, gelegentlich auch unter Einbeziehung psychologischer Hilfe. Längst weiß ich, dass es zwar immer um die Sache aber vor allem um den Menschen geht, der nicht nur die Krisen verursacht, sondern sie auch managen muss.

Behörden Spiegel: Was erleben Sie als ehrenamtlicher Notfallseelsorger?

Trauboth: Nach meinem Ausscheiden aus meinem beruflichen Leben rutschte ich per Zufall in das Gebiet der ehrenamtlichen Krisenintervention. Hier erlebe ich bei etwa 50 Einsätzen im Jahr in ganz persönlichen, oft dramatischen Fällen, wie Menschen aller Altersklassen und Kulturen unvermittelt durch einen plötzlichen Todesfall in eine traumatische Notsituation geraten und wie wir ausgebildete Notfallseelsorger dann effektiv helfen können. Am Ende geht es um die richtige Kommunikation, die oft auch nur Zuhören einschließt. Diese Art der geldunabhängigen Krisenintervention empfinde ich als persönliche Bereicherung, vor allem, wenn ich einem Menschen wirklich helfen konnte, denn ich mag Menschen. Vielleicht gebe ich nun, als 74-Jähriger, auch einfach nur gern ein wenig von dem zurück, was mir die Gesellschaft gegeben hat.  

Jörg H. Trauboth referiert auch auf dem diesjährigen "Bundeskongress Kommunale Ordnung" des Behörden Spiegel am 28. September in Wolfsburg. Weitere Informationen und Anmeldemöglichkeiten unter: www.kommunale-ordnung.de

Jörg H. Trauboth ist auch Autor eines Romans und eines Sachbuchs. Weitere Informationen unter: http://trauboth-autor.de/




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