Risiko Gefahrstoffe

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Die Bedrohung durch chemische und biologische Gefahrenstoffe ist aufgrund von Sarin-Angriffen in Syrien, dem Nowitchok-Attentat in Großbritannien und der Verhaftung eines Mannes in Köln, der biologische Waffen hergestellt haben soll, ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Bedenklich sei vor allem, dass der erreichte völkerrechtliche Konsens zum Verzicht auf die Verwendung von entsprechenden Waffen instabil wie lange nicht mehr ist. “Das Chemiewaffenübereinkommen (CWÜ) steckt heute in seiner schwierigsten Phase seit seinem Abschluss”, sagte Stefan Mogl, Chef des Fachbereichs Chemie im Labor Spiez, dem Institut für CBRN-Schutz im Geschäftsbereich des schweizerischen Bundesamts für Bevölkerungsschutz.

Die für November anstehende Überprüfungskonferenz zum CWÜ stehe unter einem schlechten Stern, weil die Staatengemeinschaft sich bisher nicht zu einem Konsens zur Verurteilung von Sarin-Einsätzen in Syrien durchsetzen konnte. Die Gefahr eines Einsatzes bestehe aber nicht nur bei zwischenstaatlichen Konflikten. “Die Vorfälle haben Werbung für chemische Kampfstoffe gemacht”, erklärte Mogl. In der Folge habe zum Beispiel der IS schnelle Fortschritte bei der Sarin-Herstellung gemacht. Außerdem würden mittlerweile Videos zur Produktion chemischer Kampfstoffe im Darknet verfügbar sein. “Für Experten ist es erschreckend, wie hochwertig und zuverlässig solche Anleitungen mittlerweile sind.”

Mehr Vernetzung gefordert

Eine Vorbereitung auf den Ernstfall ist also dringend notwendig. Entsprechende Expertise ist in Deutschland durchaus vorhanden aber über Ebenen, Behörden und Hilfsorganisationen verteilt. Dr. Roman Trebbe, Leiter des Fachgebiets Chemie im Referat CBRN-Schutz des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) forderte hier mehr Vernetzung, konkret müsse ein regelmäßiger, offener Austausch über Bedrohungen, Tatmittel und den Umgang mit Gefahrenlagen koordiniert werden. “Wir können uns keine harte Teilung der Zuständigkeiten leisten”, betonte Trebbe. Nötig seien außerdem mehr Investitionen in exzellent ausgebildetes Personal und gute Ausstattung. Das BBK stelle Ländern Ressourcen zur Ergänzung zur Verfügung. “Da gibt es in vielen Bereichen einen erheblichen Bedarf”, so Trebbe weiter. “Auch unser Ausstattungskonzept ist noch nicht vollständig umgesetzt, es fehlt noch Einiges.”

Bereitschaft zur Unterstützung signalisierte auch der Kommandeur des ABC-Abwehrkommandos der Bundeswehr, Oberst Henry Neumann. Die Ereignisse der letzten Zeit hätten gezeigt, dass Handlungsbedarf besteht. Das Militär würde als Partner grundsätzlich zur Verfügung stehen, denkbar sei Kooperation bei der Ausbildung und konkrete Unterstützung in Gefahrenlagen. Klar müsse aber sein, dass der Auftrag des ABC-Kommandos der Schutz der Soldaten im Einsatz sei. Über Hilfe im Zivilschutzfall könne nur im Einzelfall unter Berücksichtigung freier Kapazitäten entschieden werden. “Rechnen Sie nicht mit der Bundeswehr als First Responder”, sagte Neumann. “Wir sind aber gerne bereit zur Unterstützung in der zweiten Reihe.”

CBRN-Lagen erkennen

Einen Einblick in die ganz praktischen Herausforderungen für Einsatzkräfte vor Ort gab Dr. Timur Flissikowski, stellvertretender Landesbereitschaftsleiter und Fachberater beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) in Berlin. Die größte Herausforderung bestehe darin, überhaupt festzustellen, dass man es mit einen CBRN-Fall zu tun habe. “Bis dahin sind die ersten Kräfte in der Regel schon längst und ohne Schutzkleidung unterwegs”, erzählte Flissikowski. Diese würden dann als verletzt gelten und müssten abgezogen werden. “Das führt dann zu einem doppelten Personaleinsatz.” Eine flächendeckende Basisausbildung zur Verwendung von Schutzkleidung und Dekontamination sei im Moment nicht leistbar. Eine Sensibilisierung dahingehend, dass die ersten Kräfte vor Ort zumindest die Situation einschätzen können, müsse aber angestrebt werden.