Digitalisierung als Chance: Urban und digital auf dem Land?

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Stefan Krebs ist Landesbeauftragter für Informationstechnologie (CIO/CDO) in Baden-Württemberg. (Foto: Laurence Chaperon)

Die Digitalisierung treibt uns alle um. Die Landesregierung Baden-Württemberg hat die Digitalisierung zu einem Schwerpunkt der Regierungsarbeit gemacht und als erstes und einziges Land eine ressortübergreifende Digitalisierungsstrategie entwickelt. Zur Umsetzung unserer Digitalisierungsstrategie nehmen wir insgesamt eine Milliarde Euro in die Hand, rund die Hälfte davon fließt in den Ausbau der digitalen Infrastruktur. In den kommenden zwei Jahren fördern wir bereits 70 ganz konkrete Projekte mit insgesamt 300 Millionen Euro. Neben zentralen Handlungsfeldern wie Gesundheit, Wirtschaft 4.0 und Start-Ups oder der intelligenten Mobilität ist auch die digitale Verwaltung eines unserer zentralen Handlungsfelder.

Die Landesregierung hat großes Vertrauen in den Ideenreichtum und die Handlungsstärke der baden-württembergischen Gemeinden, Städte und Landkreise. Anstatt ausschließlich eigene Lösungen zu entwickeln, setzt das Land mit Förderprogrammen und Wettbewerben gezielt Anreize in der Fläche, damit dort eigene Ansätze mit lokalen und überregionalen Partnern erprobt und bei Erfolg umgesetzt werden.

Baden-Württemberg ist als drittgrößtes Flächenland strukturell besonders geprägt: Unsere kommunale Landschaft setzt sich aus 1.101 Städten und Gemeinden in 35 Land- und neun Stadtkreisen zusammen. Die Mehrzahl der Menschen hier lebt in kleinen und mittelgroßen Städten. Baden-Württemberg ist auch in der Fläche innovativ. Bei uns gibt es kaum einen Land- oder Stadtkreis, in dem nicht ein Weltmarktführer zuhause ist. Wir haben hier bei uns starke Kommunen in der Fläche. Und auf unsere starken Kommunen setzen wir auch bei unserer Digitalisierungsstrategie. Mit dem gemeinsamen Programm Städte und Gemeinden 4.0 – Future Communities des baden-württembergischen Gemeindetags, des Städtetags und des Innen- und Digitalisierungsministeriums wurde 2016 ein Programm aufgesetzt, mit dem unsere Kommunen die Chance bekamen, ihre Herausforderungen mit innovativen und digitalen Lösungen anzugehen. Dabei haben wir 98 Projekte mit insgesamt 800.000 Euro gefördert. Darunter finden sich zum Beispiel Bürger-Apps, ein Chat-Bot für die Bürgerkommunikation mit dem Rathaus oder auch Ladestationen für Elektrofahrzeuge und -fahrräder bis hin zu einem intelligenten Service-Roboter in einem Bürgerbüro.

Neben dem Förderprogramm Future Communities, initiierte das Innenministerium 2017 einen Förderwettbewerb “Digitale Zukunftskommune@bw”. Anfang Mai 2018 wurden die Gewinner bekannt gegeben. Die vier Städte Heidelberg, Karlsruhe, Ludwigsburg und Ulm sowie ein Verbund um die Landkreise Biberach, Böblingen, Karlsruhe, Konstanz und Tuttlingen werden in den kommenden zwei bis drei Jahren zu Schrittmachern des digitalen Wandels, zu echten digitalen Zukunftskommunen, im Sinne von Smart Cities, ausgebaut. 50 weitere Kommunen werden auf ihrem Weg ins digitale Zeitalter unterstützt und eine an den konkreten Bedürfnissen ihrer Bürgerinnen und Bürger ausgerichtete Digitalisierungsstrategie entwickeln. Insgesamt nimmt das Land dafür 7,6 Millionen Euro in die Hand.

Die zahlreichen Projekte haben gezeigt, dass die digitale Transformation am besten gelingt, wenn sie vor Ort stattfindet und den Menschen in den Mittelpunkt aller Überlegungen stellt. Die Innovationskraft von Rathäusern, Gemeinderäten, lokalen Unternehmen und der Bürgerschaft ist in der Lage, die Möglichkeiten der Digitalisierung zur Bewältigung zahlreicher Herausforderungen zu nutzen. Was es am Ende seitens einer Landesregierung braucht, sind geeignete Programme und Anreize sowie die finanziellen Mittel, um Anstöße zu geben sowie ein großes Vertrauen in die Fähigkeiten und den Ideenreichtum in der Fläche des Landes. Der große Zuspruch und die Erfolge der geförderten Projekte haben die Landesregierung dazu bewogen, Future Communities in einer zweiten Runde neu aufzusetzen und die Gesamtmittel auf eine Million Euro zu erhöhen. Bei der zweiten Auflage des Wettbewerbs können sich nun auch Landkreise mit Ideen um eine Förderung bewerben. Die Bewerbungsfrist für Future Communities endet am 31. Juli 2018.

Wir haben in den vergangenen Jahren durch Globalisierung und Urbanisierung eine substantielle Schwächung ländlicher Räume erleben müssen. Vielerorts herrschen Befürchtungen, dass die Digitalisierung diesen Trend sogar weiter verstärkt. Diese Befürchtungen werden sich aber nur dann als gerechtfertigt herausstellen, wenn der ländliche Raum der Digitalisierung nur von der Seitenlinie aus zuschaut. Die Digitalisierung ist, wenn man sie durchdrungen und verstanden hat, tatsächlich die große Chance, den ländlichen Raum in seiner Attraktivität zu steigern, ein hohes Maß an Lebensqualität zu gewährleisten und damit Abwanderung zu verhindern. Die Digitalisierung und neue Innovationen bieten die Chance, bedarfsgerechte Lösungen für vielfältige Herausforderungen zu entwickeln. Telemedizin in der Gesundheit, Rathäuser 4.0 dank eGovernment oder das autonome Fahren für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Betroffen ist aber auch die Wirtschaftsförderung und das Standortmarketing.

Für einen erfolgreichen digitalen Wandel müssen alle Akteure an einem Strang ziehen. Bei der Herkulesaufgabe Digitalisierung arbeiten wir mit den Kommunen Hand in Hand. Wir wollen den Wettbewerb unter den Kommunen fördern, wir wollen aber auch, dass die Kommunen voneinander lernen können. Wir werden deshalb die digitalen Vorreiter und die digitalen Neulinge auch ganz gezielt miteinander vernetzen. Hier setzen unsere Förderprogramme und unsere Digitalisierungsprojekte an.