Berliner Feuerwehr muss auf die Folgen der wachsenden Stadt reagieren

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Dr. Karsten Homrighausen steht erst seit wenigen Monaten an der Spitze der Berliner Feuerwehr. Sein erstes großes Projekt: die Entwicklung einer "Strategie 2030". (Foto: BS/Feldmann)

Der Zuzug in die Bundeshauptstadt lässt nicht nach. Das hat auch Konsequenzen für die Feuerwehr. Sie muss unter anderem immer mehr Notrufe und daraus resultierend Einsätze bewältigen. Damit sie auch im Jahr 2030 noch leistungsfähig ist, müssen verschiedene Schritte ergriffen werden. Was er diesbezüglich plant, erläutert der neue Landesbranddirektor, Dr. Karsten Homrighausen, im Behörden Spiegel-Interview. Das Gespräch führten R. Uwe Proll und Marco Feldmann.

Behörden Spiegel: Herr Dr. Homrighausen, welche Themen stehen bei Ihnen als neuer Berliner Landesbranddirektor ganz oben auf der Agenda?

Dr. Homrighausen: Ich habe von Innensenator Andreas Geisel den Auftrag erhalten, eine “Strategie 2030” zu entwickeln. Hierbei gilt es festzulegen, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, damit die Berliner Feuerwehr auch im Jahre 2030 noch leistungsfähig ist. Hier müssen wir uns unter anderem mit der wachsenden Stadt Berlin, einem erhöhten Notrufaufkommen und damit wachsenden Einsatzzahlen beschäftigen. Auch Fragen der Digitalisierung sind in diesem Zusammenhang zu beantworten. Es geht letztlich um eine Bedarfsplanung der Berliner Feuerwehr für das Jahr 2030.

Behörden Spiegel: Sind Ihre Mitarbeiter vermehrt Attacken ausgesetzt?

Homrighausen: Hinsichtlich Angriffen auf Feuerwehrleute und Rettungsdienstangehörige muss gelten: Wehret den Anfängen. Da geht es auch um den Stellenwert der Feuerwehr in der Gesellschaft. Da braucht es zeitnah eine Diskussion. Denn: die Bevölkerung differenziert immer weniger zwischen der Feuerwehr einerseits und übrigen staatlichen Organen andererseits. Unsere Einsatzkräfte melden uns jedenfalls immer öfter Attacken. Diese reichen von verbaler Gewalt, wie Beschimpfungen der Disponenten in der Leitstelle, über Bedrohungen mit Pfefferspray bis zu Angriffen mit Steinen. Solch ein Verhalten dulden wir nicht. Körperliche Attacken werden von uns immer zur Anzeige gebracht.
Klar ist aber auch, dass Sanktionen durch das Strafrecht nur die ultima ratio sind. Es kommt vielmehr darauf an, ein Bewusstsein innerhalb der Gesellschaft zu schaffen, dass Angriffe auf Einsatzkräfte der Gefahrenabwehr inakzeptabel sind. Es braucht eine Veränderung in den Köpfen der Bürger. Der Deutsche Feuerwehrverband hat hierzu bereits eine Kampagne mit dem Titel “Gewalt gegen Einsatzkräfte geht gar nicht” gestartet. Auch in Berlin hat die Landeskommission Berlin gegen Gewalt mit der Kampagne “Respekt ja bitte” diese Problematik aufgefasst.

Behörden Spiegel: Werden eigentlich eher Beschäftigte auf den Rettungswagen oder auf den Löschfahrzeugen attackiert?

Homrighausen: Das Gros der Angriffe haben wir im Rettungsdienst. Nach Erkenntnissen einer aktuellen Studie ist der typische Angreifer männlich, alkoholisiert oder steht unter Drogeneinfluss. In der vergangenen Silvesternacht haben wir allerdings erstmals die Beschüsse mit Pyrotechnik gesondert ausgewertet. Da waren fast ausschließlich Löschfahrzeuge betroffen.

Behörden Spiegel: Wie versuchen Sie Ihre Mitarbeiter vor Angriffen zu schützen?

Homrighausen: Wir setzen vor allem auf Deeskalationstrainings. Von besonderer Schutzausrüstung halte ich eher weniger. In solchen Situationen ziehen wir immer die Polizei dazu.

Behörden Spiegel: Was tun Sie noch, um die Bevölkerung zu sensibilisieren?

Homrighausen: Wir werden eine Kampagne zum gewissenhaften Umgang des Absetzens eines Notrufs durchführen. Diese wird mehrsprachig erfolgen.

Behörden Spiegel: Alle großen Städte wachsen und es kommt zu Verdichtungsprozessen. Ist es dann damit getan, die Feuerwehr personell zu verstärken und mehr Wachen zu bauen oder braucht es dann nicht auch strukturelle Veränderungen?

Homrighausen: Auch in Berlin beschäftigen wir uns mit der Frage, wie wir am besten damit umgehen, wenn ganze Straßenzüge oder komplett neue Stadtteile entwickelt werden. Am liebsten wäre es uns – auch im Sinne der “Strategie 2030” – wenn bereits bei der Flächennutzungsplanung, der Bauleitplanung und bei den konkreten Bebauungsplänen Flächen für die Berliner Feuerwehr und andere Kritische Infrastrukturen aus dem Bereich der öffentlichen Sicherheit vorgesehen und freigehalten würden. Dafür bräuchten wir jedoch eine Bewusstseinsänderung bei den Planern, die sich allerdings nur langfristig erreichen lässt. Eines steht jedenfalls fest: angesichts des Zuzugs werden wir in Zukunft definitiv zusätzliche Standorte für Wachen benötigen.

Behörden Spiegel: Was hielten Sie von einer bundesweit einheitlichen Berechnung der Hilfsfrist?

Homrighausen: Die einzelnen Verantwortungsträger sind für ihre Feuerwehren zuständig. Da gibt es nun einmal unterschiedliche Ansichten hinsichtlich der Berechnung der Hilfsfrist. In Berlin hat man sich entschieden, die Berechnung der Hilfsfrist mit Annahme des Notrufes zu beginnen, weil ab diesem Zeitpunkt die beeinflussbare Prozesskette beginnt.

Behörden Spiegel: Wird der Rettungsdienst in Deutschland auch in Zukunft weitestgehend in staatlicher Hand bleiben?

Homrighausen: Ich hoffe es. Ich finde es nämlich nicht gut, dass es in Deutschland Modelle gibt, in denen der Rettungsdienst komplett an privatwirtschaftlich organisierte Unternehmen übergeben wurde. Rettungsdienst ist eine staatliche Aufgabe der Daseinsfürsorge. Es braucht folglich auch immer eine staatliche Kontrolle, bei der Qualitätsstandards vorgegeben und kontrolliert werden.

Behörden Spiegel: Wie resilient ist die Berliner Feuerwehr?

Homrighausen: Dem Thema Resilienz müssen wir uns als Kritische Infrastruktur in besonderem Maße stelle. Diesbezüglich sind wir auf einem guten Weg und haben schon viel umgesetzt oder oder befinden uns im Realisierungsprozess. Besonders resilient sind wir etwa im Hinblick auf die Strom- und Kraftstoffversorgung. Hier verfügen wir über eine sehr hohe Ausfallsicherheit und Autarkie. Klar ist aber auch: die Schaffung sowie der Erhalt von Resilienz sind ständige Prozesse. Deshalb hat sich die Berliner Feuerwehr durch verschiedene Projekte zu einem wichtigen Partner in der Forschung etabliert.

Behörden Spiegel: Und wie resilient ist Ihre Leitstelle gegen Cyber-Angriffe?

Homrighausen: Da sind wir gut aufgestellt, weil wir unser eigenes Netz haben. Das erhöht die Resilienz. In einem größeren Verbund besteht immer die Gefahr, dass Probleme entstehen, nur weil eine kleine Lücke bei einer anderen Behörde dieses Netzes existierte.

Behörden Spiegel: Wie wollen Sie die immer weiter steigende Zahl an Einsätzen im Bereich der Notfallrettung bewältigen?

Homrighausen: Die Selbsthilfefähigkeit in den größeren Städten und den Ballungszentren ist gesunken. Außerdem beobachten wir an vielen Stellen die sogenannte Vollkasko- oder Vollversorgungsmentalität. Wenn der Bürger ein Problem hat, ruft er bei einer staatlichen Telefonnummer an und dann verlangt er auch, dass jemand zu ihm kommt und ihm hilft. Das führt dazu, dass in unserer Leitstelle viele Anrufe angehen, die eigentlich keine Notrufe sind. Aus diesem Grunde wollen wir eine Informationskampagne starten, in der wir darauf hinweisen, welche Fälle für die Rufnummer 112 geeignet sind und welche nicht. Bei alledem müssen wir aber aufpassen, dass wir echte Notfälle nicht abschrecken. Die müssen wir immer erreichen, das ist klar.

Behörden Spiegel: Wann soll diese Kampagne starten?

Homrighausen: Die Ausschreibung der Kampagne ist vorbereitet. Wir gehen davon aus, dass wir noch in diesem Jahr erste Vorschläge von Kommunikationsexperten erhalten werden, welche Zielgruppen wir besonders ansprechen und welche Instrumente wir nutzen sollten.

Behörden Spiegel: Was muss strukturell verändert werden, um die Einsatzzahlen zu reduzieren?

Homrighausen: Der ärztliche Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung könnte in Berlin noch besser dimensioniert werden. Auch die eigenen Prozesse, zum Beispiel in der Notrufannahme und –bearbeitung in unserer Leitstelle, bedürfen einer ständigen Überprüfung.. Hier braucht es eine stärkere Differenzierung der eingehenden Anrufe. Bei unserem Notruf sollte nur das eingehen, was auch tatsächlich ein Notruf ist.
Behörden Spiegel: Wie könnte die Zahl der Brandtoten noch weiter gesenkt werden?

Homrighausen: Die Pflicht zur Installation beziehungsweise Nachrüstung von Rauchwarnmeldern hat hier schon viel gebracht. Eine weitere Reduzierung könnte man wahrscheinlich durch eine noch stärkere Sensibilisierung sowie eine weiter intensivierte Brandschutzerziehung und –aufklärung erreichen. Da geht es unter anderem darum, darüber zu informieren, dass Brandlasten in Rettungswegen nichts zu suchen haben.

Behörden Spiegel: Wie gestaltet sich die Personalsituation bei der Berliner Feuerwehr?

Homrighausen: Der Senat hat für den Doppelhaushalt 2018/2019 mehr als 350 zusätzliche Stellen, über die natürliche Altersfluktuation hinaus, für die Berliner Feuerwehr zur Verfügung gestellt. In den kommenden Jahren muss diese Aufstockung aber weiter fortgesetzt werden. Das zeigt: wir haben einen hohen Personalbedarf, auch wenn wir die absolute Zahl im Rahmen der “Strategie 2030” noch nicht definiert haben.

Behörden Spiegel: Was tun Sie, um Ihre Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen?

Homrighausen: Die Feuerwehrzulage wird in Berlin auf den bundesweiten Durchschnitt angehoben und auf Hintergrunddienste ausgeweitet. Außerdem haben wir unser Dienstzeitmodell aufgrund der hohen Belastung von 48-Stunden-Wochen auf 44-Stunden-Wochen umgestellt. Diese 44-Stunden-Wochen sind aufgeteilt in jeweils zwölfstündige Dienste.

Behörden Spiegel: Wollen Sie Einstellungsvoraussetzungen absenken?

Homrighausen: Das ist ein schwieriges Thema, denn die Diskussion über die Absenkung von Einstellungsvoraussetzungen ist eine ideologische. Derzeit denken wir darüber noch nicht nach. Aber es kann uns heute niemand sagen, wie sich die Situation in fünf oder zehn Jahren gestaltet. Wenn wir dann fast keine Bewerber für offene Stelle mehr gewinnen können, müssten wir umdenken. Momentan haben wir derzeit rund 13 Bewerber auf eine offene Stelle.

Behörden Spiegel: Was muss beim Fuhrpark der Berliner Feuerwehr verbessert werden?

Homrighausen: Ein großer Teil unseres Fuhrparks ist nicht mehr zeitgemäß. Im laufenden Doppelhaushalt hat der Innensenator für 2019 Ermächtigungsgrundlagen in Höhe von zehn Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Dadurch können wir – zusätzlich zu den ohnehin geplanten Neuanschaffungen im Bereich der Rettungsdienstfahrzeuge – mehrere weitere Löschhilfeleistungsfahrzeuge zusätzlich anschaffen. Fakt ist aber auch, dass wir einen Investitionsbedarf in Höhe von rund 160 Millionen Euro haben, der jetzt sukzessive abgebaut werden muss.

Behörden Spiegel: Welche Rolle spielt eigentlich die Freiwillige Feuerwehr in einer Metropole wie Berlin?

Homrighausen: Die Freiwillige Feuerwehr spielt eine wichtige Rolle! Jeder Einzelne, der sich ehrenamtlich in den Dienst der Feuerwehr stellt, ist eine wichtige Kraft und ein hohes Gut. Diese Menschen müssen wir gewinnen und dann möglichst lange in der Organisation halten. Selbstverständlich braucht es dafür einen ständigen Dialog mit den Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr. Den führe ich sehr gerne. Wir brauchen einfach eine gute Symbiose, eine gute Verzahnung zwischen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Kräften in der Berliner Feuerwehr

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