Dringend benötigt: Future Skills für die öffentliche Verwaltung

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Dr. Julian Kirchherr ist Senior Associate bei McKinsey & Company in Berlin. Dr. Julia Klier ist Partnerin bei McKinsey & Company in München. (Fotos: BS/McKinsey)

Mit der fortschreitenden Digitalisierung verändert sich der Kompetenzbedarf in der öffentlichen Verwaltung. Eine aktuelle Analyse zeigt: Bereits bis 2023 werden in den Behörden bis zu 290.000 Mitarbeiter mit technologischen Fähigkeiten fehlen. Neue Qualifizierungskonzepte müssen her.

Die Digitalisierung stellt die öffentliche Verwaltung in Deutschland vor enorme Herausforderungen: Es können nicht nur interne Prozesse automatisiert und Behördengänge über digitale Kanäle abgewickelt werden. Auch neue Formen der Bürgerbeteiligung, Datenschutz und Cyber Security oder agile Organisationsarten sind Themen, die Behörden in Bund, Ländern und Kommunen beschäftigen. Die Digitalisierung betrifft die öffentliche Verwaltung in zweifacher Hinsicht: Einerseits fördert die Politik die Digitalisierung in Deutschland insgesamt; daher muss die Verwaltung die Umsetzung entsprechender Gesetze begleiten und Förderprogramme umsetzen. Andererseits digitalisiert sich die öffentliche Verwaltung selbst, womit sich die Arbeit in den Behörden verändert. Um den Wandel zu bewältigen, brauchen die Mitarbeitenden sogenannte Future Skills.
Zu den Future Skills zählen zum einen fachliche technologische Fähigkeiten etwa im Bereich komplexe Datenanalyse, die einzelne Spezialisten benötigen. Zum anderen gehören dazu überfachliche Fähigkeiten wie agiles Arbeiten oder Kreativität; sie werden immer wichtiger und sollten von einem Großteil der Mitarbeiter beherrscht werden.

Bis zu 290.000 Technologie-Spezialisten benötigt

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Unternehmensberatung McKinsey & Company haben in einer Studie 18 technologische und überfachliche Future Skills definiert. Über 600 deutsche Unternehmen wurden dann dazu befragt, wie viele ihrer Mitarbeiter die jeweiligen Fähigkeiten heute bereits besitzen und wie groß der Bedarf an Mitarbeitern mit diesen Fähigkeiten in fünf Jahren sein wird. Das Ergebnis: Bereits in fünf Jahren existiert eine enorme Lücke zwischen Angebot und Nachfrage. Vorausgesetzt, diese Lücke ist im öffentlichen Sektor ebenso groß wie in der Privatwirtschaft, werden im Bereich öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung, Erziehung und Unterricht in den kommenden fünf Jahren etwa 290.000 zusätzliche Spezialisten mit technologischen Fähigkeiten benötigt. Davon entfallen allein 190.000 auf den Bereich komplexe Datenanalyse. Bei den überfachlichen Fähigkeiten ergibt sich ein Qualifizierungsbedarf bei bis zu 1,1 Mio. Mitarbeitenden. Im Mittelpunkt dieser Kategorie stehen Durchhaltevermögen, die Fähigkeit zum digitalen Lernen oder Problemlösungsfähigkeiten. Zwar handelt es sich bei den Zahlen um Hochrechnungen, jedoch verdeutlichen sie die Größe der He­rausforderung.
Der öffentliche Sektor ist für Talente mit technologischen Fähigkeiten traditionell weniger attraktiv als die Privatwirtschaft. Wie groß dieses Dilemma ist, belegt eine McKinsey-Umfrage: 90 Prozent der Führungskräfte in der Verwaltung geben an, dass sie Schwierigkeiten haben, Nachwuchsführungskräfte zu gewinnen und zu binden. 77 Prozent sind der Meinung, dass die Besten eines Jahrgangs nicht oder nur selten in ihrer Organisation arbeiten möchten. Als Gründe nennen die Befragten nicht nur geringere Gehälter, sondern auch den Mangel an attraktiven Karrierepfaden und eine Kultur, die nicht ausreichend innovativ sei.

Drei Maßnahmen zur Entwicklung von Future Skills

Die öffentliche Verwaltung muss reagieren. Insbesondere drei Maßnahmen bieten sich an, um Mitarbeiter in Behörden und Ämtern für künftige Aufgaben zu rüsten. Erstens gilt es, Future Skills stärker in der Ausbildung des eigenen Nachwuchses zu verankern. Verwaltungshochschulen bieten eine geeignete Plattform, um sowohl fachliche als auch überfachliche Fähigkeiten zu vermitteln. Denkbar sind neue Studiengänge genauso wie neue Module bei bestehenden Studiengängen. Ein Schwerpunkt sollte angesichts des großen Bedarfs auf der Datenanalyse liegen. Anwendungsorientierte Kurse wie “Datenanalyse mit SPSS” der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer können als Vorbild dienen.
Zweitens müssen bereits Berufstätige ihre technologischen Fähigkeiten weiterentwickeln – der Bedarf ist so groß, dass er sich nicht allein durch Nachwuchskräfte abdecken lässt. Infrage kommen viele Angebotsmodelle wie berufsbegleitende Teilzeitstudiengänge oder Einzelmodule an Hochschulen. Mitarbeiter, die bereits über solides Grundlagenwissen verfügen, können sich auf diese Weise zu Spezialisten auf zukunftsträchtigen Feldern entwickeln. Der Arbeitgeber weist auf passende Angebote hin und gewährt eine teilweise Freistellung oder finanzielle Förderung. Einige deutsche Großkonzerne bieten in Kooperation mit Hochschulen ausgewählten Mitarbeitenden bereits Weiterbildungsstudiengänge an – ein attraktives Modell auch für den öffentlichen Sektor.
Drittens kommt es darauf an, Beschäftigten überfachliche Fähigkeiten zu vermitteln. Der große Bedarf kann nur durch kontinuierliche Weiterbildung mit “Learning-on-the-Job” gedeckt werden. Denkbar wäre es etwa, Mitarbeiter zu verpflichten, jedes Jahr eine Weiterbildungsmaßnahme zu Future Skills zu besuchen. Alternativ könnten Beschäftigte pro Jahr jeweils ein Weiterbildungsbudget z. B. in Höhe von 500 Euro erhalten, das sie für zertifizierte Weiterbildungsangebote im Kontext der Future Skills nutzen. Natürlich muss sichergestellt sein, dass überhaupt genügend Weiterbildungsangebote zur Verfügung stehen. Ein mögliches Vorbild ist das Programm “Digital Leadership” der Führungsakademie Baden-Württemberg, das sich an Mitarbeiter der Kommunal- und Landesverwaltung in Baden-Württemberg richtet. Es vermittelt über unterschiedliche Formate vielfältige Digitalisierungskompetenzen.
Für die öffentliche Verwaltung gilt es jetzt, alle Möglichkeiten zu nutzen, sowohl technologische als auch überfachliche Fähigkeiten konsequent auszubauen. Nur so kann sie auch künftig ihrem Leistungsauftrag gerecht werden und die Chancen der Digitalisierung für sich und Deutschland insgesamt nutzen.