Strategisch investieren in leistungsfähigere Bundeswehrverwaltung

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Ob es der selbsternannte größte Dealmaker aller Zeiten war oder es an einer verhandlungsstarken Verteidigungsministerin liegt, mögen andere bewerten. Jedenfalls wird der Bundeswehretat endlich angehoben, verbunden mit der Hoffnung auf eine wiedererstarkende Truppe.

Der alte Slogan “Die Bundeswehr – Eine starke Truppe” wurde jedenfalls schon lange nicht mehr gehört. Diese Aussichten werden die spürbare Goldgräberstimmung bei der einschlägigen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie weiter beflügeln, denn großer Nachholbedarf nicht nur an deren Produkten ist unstrittig vorhanden. Hierbei besteht die latente Gefahr, auf vermeintliche Prestigeobjekte hereinzufallen und dafür die Grundausstattung zu vernachlässigen. Auch Steuergelder kann man eben nur einmal korrekt ausgeben, also sollte möglichst vielfacher Nutzen erzeugt werden. Deshalb sollten nicht nur militärische Strukturen materiell aufgefüllt werden, auch die Funktionalität der Organisation muss mit dem Fortschritt, besonders mit der Digitalisierung wieder schritthalten können. Dazu bedarf es dieses Mal einer cleveren Initiative und eines strategischen Investments in eine digitalisierte und damit noch leistungsfähigere Bundeswehrverwaltung.

Die Verantwortlichen müssen endlich erkennen, dass zuerst die Schnittstelle zwischen Militär und Wirtschaft, also die Bundeswehrverwaltung, zeitnah und zeitgemäß ausgestattet werden muss, damit das verfügbare Geld bestmöglich bei den Soldatinnen und Soldaten als Ausrüstung ankommt. Der öffentliche Auftraggeber hat sich nun mal an andere Regeln zu halten als die gewerbliche Wirtschaft.

Natürlich stehen militärische Ausrüstung und Infrastruktur sowie deren Betrieb weiter im Vordergrund, aber den Vorgaben unserer Verfassung folgend ist dieser Sachbedarf unmittelbar von der zivilen Bundeswehrverwaltung zu decken. Hinzu kommen die Aufgaben des Personalwesens. Diese Grundidee ist auch heute zeitgemäß: Ein möglichst hoher Anteil der Soldaten soll originär militärische Aufgaben erfüllen, denn schließlich sind diese dafür ausgebildet. Dafür sollen sie administrativ bestmöglich von Verwaltungsspezialisten entlastet werden. Diese verfassungsmäßige Arbeitsteilung wurde allerdings ausgehöhlt, die Verwaltung in Teilen schleichend militarisiert. Ein wesentlicher Grund dafür findet sich in den aus den Fugen geratenen Personalstrukturen. Einschneidende Sparauflagen, ressourcenfressende weltweite Einsätze, massiver Personalabbau, ein Tsunami an Gesetzen, Vorschriften und Regelungen sowie verbreitetes Absicherungsdenken haben dazu geführt, dass es zu wenige zivile Beschäftigte in der Bundeswehrverwaltung für die Aufgabenfülle und zu viele erfahrene Soldaten für die verbliebenen militärischen Strukturen gab. Darum arbeiten viele Soldaten in der Verwaltung. Diese Lage hat sich mittlerweile grundsätzlich gewandelt, nun fehlen geeignete Bewerberinnen und Bewerber für militärische Laufbahnen. Darauf muss angemessen reagiert werden.

Mit dem rasanten Siegeszug der Informationstechnik konnte die Bundeswehr nicht mithalten. Wehrtechnik ist nicht mehr Spitzentechnik. Vom vermeintlichen Treiber wurde die Bundeswehr deshalb zum Getriebenen, wie die Bundeswehrangehörigen an verschiedenen Stellen schmerzlich spüren mussten. Und der Schmerz wird verstärkt wiederkommen, weil geeignetes Personal nicht vom Himmel fällt. Die Bundeswehr hat in vielen Bereichen den Anschluss verloren, aber viele neue Aufgaben hinzubekommen. Diese Schwäche muss überwunden werden und dafür ist die Zeit so günstig wie nie!

Warum nutzt die Bundeswehrführung nicht besser die Chancen der Digitalisierung? Warum machen wir die vielfältige Bundeswehrverwaltung nicht zur schlagkräftigsten Bundesverwaltung, mit angemessener Ausstattung, die Menschen nicht bremst, sondern deren Tätigkeiten beschleunigt? Routinen müssen automatisiert werden. Rechtsicheres Verwaltungshandeln ist auch digital möglich, wenn vernünftige Standardabläufe verlässlich etabliert werden, selbstverständlich auf Augenhöhe mit der gewerblichen Wirtschaft.

Diese Aufgabenstellung darf aber nicht wie die überlange SASPF-Einführung unterschätzt werden, mit speziellen Forderungen überfrachtet werden oder wie bisherige Reformen abgehoben daherkommen. Raus aus der Komplexitätsfalle! Runter mit den ideologischen Scheuklappen! Weg mit teuren Privatisierungsphantasien! Denn das hat schon gestern nicht funktioniert. Die Bundeswehrverwaltung braucht umgehend eine bodenständige technische Modernisierung und praktikable Werkzeuge mit adäquater Schulung, kein wiederholtes organisatorisches Durcheinander mit noch mehr überhöhter Beratung. Die Menschen in der Bundeswehrverwaltung wollen den Erfolg, brauchen vor allem aber mutige Entscheider, die klug handeln!

 

Dieser Beitrag wurde verfasst von Dr. Hans Liesenhoff, stellvertretender Bundesvorsitzender des Verbands der Beamten der Bundeswehr e.V. (VBB). Die Redaktion weist darauf hin, dass in dem Beitrag ausschließlich die persönliche Auffassung des Kommentators wiedergegeben wird.