Die Zeit der “alten” Kriege geht vorbei

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In einer sich mehr und mehr in Richtung vollständige Digitalisierung bewegenden Welt muss sich auch die deutschen Streitkräfte auf neue Szenarien einstellen. Wie in fast allen anderen Lebensbereichen, so bringt die digitale Transformation auch im militärischen Sektor viele Vorteile, aber mindestens genauso viele Bedrohungen mit sich.

Im Rahmen eines Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) zum Thema “IT im Kontext hybrider Bedrohungen” erläuterte der Inspekteur Cyber- und Informationsraum (CIR), Generalleutnant Ludwig Leinhos, wie die Bundeswehr sich mit diesem “absoluten Megatrend der Gegenwart” auseinandersetzt, der zum einen vieles besser und bequemer macht, gleichzeitig aber essenzielle neue Sicherungsbedarfe mit sich bringt: “Der Schutz digitaler Infrastrukturen ist ein zentrales und strategisches Anliegen der Bundeswehr. Vor allem geht es dabei darum, Angriffe gegen Kritische Infrastrukturen und den Einsatz von Fake News sowie sonstiger Propaganda und Fehlinformation abzuwehren.”

Gerade letzteres würde mehr und mehr ins Blickfeld der Truppe rücken, da militärische Konflikte heutzutage zunehmend durch gezielte Fehlinformationskampagnen geprägt seien: “Wir sehen aktuell keinen konkreten Cyber War, sondern den Einsatz von Desinformation in bestehenden Konflikten. Bestes Beispiel für eine solche hybride Kriegsführung ist der Ukraine-Konflikt. Hier gibt es eine Mischung aus gezielten physischen Angriffen und digitalen Propagandakampagnen”, so Leinhos.

Aus diesem Grunde sei das ihm unterstellte Kommando CIR an sich schon ein Feld mit zwei Facetten: “Zum einen arbeiten wir in einem eigenständigen Konfliktfeld und zum anderen sind wir bei anderen Konflikten immer mit dabei, da es heutzutage immer auch eine digitale Komponente gibt.” Diese Entwicklung wird seiner Einschätzung nach weiter zunehmen und zukünftige Konflikte immer mehr durch den digitalen Wandel geprägt sein: “Wir werden in Zukunft keine klassischen kinetischen Ausein-andersetzungen mehr erleben. Die Kriegsführung von morgen wird immer hybrid ablaufen.”

Um dieser abzusehenden Entwicklung Rechnung zu tragen, habe man das Kommando CIR gezielt so aufgebaut, dass alle Ressourcen und Kompetenzen der IT-Sicherheit der Bundeswehr unter einem Dach gebündelt würden: “Wir wollen mit dem Kommando CIR ein Treiber für die Weiterentwicklung der Bundeswehr sein. Wir bieten eine neue Handlungsoption, die über die bisherigen Möglichkeiten hinausgeht, und füllen so eine Lücke.” Und nicht nur die Bundeswehr rüstet sich gegen die Gefahr aus dem Cyber-Raum. Auch die ­NATO hat inzwischen eine eigene Abteilung eingerichtet, um auf die Entwicklungen zu reagieren.

In Deutschland soll die neue Einheit des Kommandos CIR auch als Vorreiter bei der generellen Anpassung der Streitkräfte auf die digitale Welt dienen. In diesem Zusammenhang fordert Leinhos, alle Prozesse auf sämtlichen Ebenen konsequent auf den Prüfstand zu stellen, ob diese heute noch sinnvoll einsetzbar seien. Zudem wandle sich auch das Berufsbild des Soldaten an sich, sodass es zusätzliche Kompetenzen und Qualifikationen benötige, um den heutigen Herausforderungen gerecht zu werden. So gehe es vor allem um neue, Hierarchien-übergreifende Kommunikationsstrukturen, da digitale Konflikte in Echtzeit und in voller Flexibilität abliefen. Zudem sei eine Abschreckung, wie im kinetischen Konfliktfall mit der Demonstration von Stärke, nicht mehr möglich, da die digitalen Kompetenzen unbedingt geheim gehalten werden müssten, um den Gegner im Unklaren über die eigenen Möglichkeiten und Unzulänglichkeiten zu lassen.

Schon konkret spürbar ist die Hybridität heutiger Kriegsführung für den Stellvertreter des Inspekteurs der Luftwaffe, Generalleutnant Ansgar Rieks. Im Rahmen der Veranstaltung in Bonn forderte er anhand seiner Erfahrungen mit digitaler Kriegsführung vor allem, dass im Rüstungsprozess eine schnellere Reaktionsfähigkeit aufgebaut werden müsse, damit Konzepte an aktuelle Umbrüche in der Kriegsführung angepasst werden könnten.

Bundeswehr braucht “IT-Nerds”

Zudem sprach er sich dafür aus, in einer neuen Operationsführung auch die Chancen neuer Prozessabläufe zu erkennen und zuzulassen: “Wir müssen heute auch disruptive Prozesse und Freigeistigkeit fördern. Die jungen Leute müssen ihre Denkstrukturen mit einbringen dürfen.” In der Luftwaffe sei heute alles vernetzt: Es gebe beispielsweise Verbindungen innerhalb der Flugzeuge, aber auch zu Satelliten, mit Bodenstationen und mit anderen Flugzeugen. Hier dürfe man sich nicht nur an den Risiken orientieren, sondern müsse auch die Chancen wahrnehmen und nutzen. Zu zentralen Technologien gehören für Rieks dabei auch Big Data, Künstliche Intelligenz, Cloud Computing sowie Quantentechnologie. Dabei sollte das Führungspersonal aber nicht nur mit modern klingenden Buzzwords um sich werfen, sondern konkret wissen, was man von den IT-Fachleuten haben möchte.

Bei diesen brauche es wiederum einen Mix aus fachlich hochgebildeten Experten und Vermittlern zwischen IT und Militär: “Die Digitalisierung braucht auch bei der Bundeswehr die richtigen IT-Nerds, die uns weiterbringen. Es braucht aber auch Leute in diesen Reihen, die das Organisationssystem bei den Streitkräften und die Waffensysteme verstehen und die ihre IT-Neuerungen dann den normalen Soldaten erklären können.” Nur so könne der digitale Wandel effizient und konstruktiv in die Strukturen der Bundeswehr integriert werden, um den Konfliktherden der Zukunft standhalten zu können, so der Stellv. Luftwaffeninspekteur.

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