Kein Karrierekiller

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Polizeidirektor Thomas Gütlein war schon zweimal in einer internationalen Polizeimission im Kosovo aktiv. Dabei beriet er unter anderem den obersten Kriminalitätsbekämpfer der dortigen Polizei. Außerdem überwachte er zwei Grenzübergänge. Derzeit leitet Gütlein die Einsatzzentrale im Polizeipräsidium Unterfranken in Würzburg. (Foto: Feldmann)

Geht ein Polizeibeamter in den Auslandseinsatz, gilt das für sein berufliches Fortkommen hierzulande oftmals nicht als förderlich. Schließlich fehle er dann in seiner Heimatdienststelle, sei bei Beförderungen außen vor und es sei auch nicht klar, ob er nach der Rückkehr direkt auf seinen angestammten Posten zurückkehren könne. So ist es zumindest aus zahlreichen Bundesländern zu vernehmen. Für Bayern gilt das offenbar nicht. Das meint jedenfalls Thomas Gütlein. Er müsste es eigentlich gut wissen. Schließlich war er schon zweimal im Kosovo stationiert. 2013/2014 agierte der Polizeidirektor im Rahmen der Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo (EULEX Kosovo) als Berater des Chefs für Personal und Ausbildung der kosovarischen Polizei. 2015 ging der heute 50-Jährige erneut nach Pristina.

Dort fungierte er zunächst als Chief of Staff sowie Head of Special Police Department. Ab November 2016 war der Vater dreier Kinder und Großvater dann Leiter des deutschen Polizeikontingents bei der EULEX und damit ihr oberster Disziplinarvorgesetzter in der Mission. “Außerdem war ich bis September 2017 Berater des obersten Krimina­litätsbekämpfers bei der kosova­rischen Polizei”, berich­tet Gütlein. Er konstatiert mit Blick auf die Vereinbarkeit von Karriere in der Heimat einerseits und Auslandsverwendung andererseits: “Für mich waren die Missionen keine Karrierehemm­nisse.” Ihm seien nie Steine in den Weg gelegt worden. Dies könne aber an der Situation in Bayern liegen, so der heutige Sachgebietsleiter Einsatzzentrale im Polizeipräsidium Unterfran­ken in Würzburg. Denn natürlich fehle auch im Freistaat der ins Ausland entsandte Beamte. Nach seiner Rückkehr stehe ihm hier allerdings das Recht zu, exakt in seine frühere Funktion zurückzukehren. Außerdem dürften ihm durch die Verwen­dung außerhalb der deutschen Grenzen keine beruflichen Nach­teile oder Verschlechterungen entstehen.

Eigentliches Ziel war Afghanistan

Der gebürtige Unterfranke Gütlein sagt zu solche Entsen­dungen: “Auslandsmissionen haben mich schon immer interessiert.” Ursprünglich habe er nach Afghanistan gewollt. Hier sei allerdings die Familie, der Beamte ist mit einer Öster­reicherin verheiratet, skeptisch gewesen. “Im Herbst 2012 habe ich mich dann aber trotzdem für den Pool der Bayerischen Polizei für Auslandseinsätze beworben”, erläutert er. Hierfür habe er ei­nen Sprach- sowie einen Sporttest absolvieren müssen. Zudem sei er in einer Tiefe polizeiärztlich untersucht worden, wie sie ansonsten nur für Angehörige von Spezialeinheiten üblich sei und habe auf Landesebene ein eintägiges Assessment-Center absolvieren müssen.

Auf Bundesebene hätten sich dann noch ein zweiwöchiges Basis- und ein siebentägiges Spezialseminar angeschlossen. Bei Ersterem müssten nochmals ein Englisch- und ein Sporttest bestanden werden. “Das ist international standardisiert”, erklärt Gütlein. Bei Letzterem würden vor allem Landeskunde für das jeweilige Einsatzgebiet sowie das korrekte Verhalten dort gelehrt. Hieran nähmen neben deutschen Polizisten auch Kollegen aus dem Ausland teil.

“Anschließend musste ich für eine Stelle in der EULEX-Mission ein weiteres Bewerbungsverfahren durchlaufen.” Dies sei bei allen Einsätzen, die unter dem Mandat der Vereinten Nationen oder der Europäischen Union erfolgten, erforderlich. Bei Einsätzen im Rahmen des German Police Project Teams (GPPT) sei ein solches separates Verfahren hingegen nicht notwendig. “Dafür dauert das Spezialseminar hier nicht nur eine Woche, sondern einen ganzen Monat.” Bei allen UN- und EU-Missionen erforderlich: ein 30- bis 45-minütiges Telefoninterview. Darüber hinaus sei ein guter Impfstatus erforderlich. Dazu gehöre unter anderem auch der Schutz gegen Grippe, Hepatitis und sogar Tollwut. Als Ergebnis all dessen sei er dann in den Kosovo entsandt worden. “Das ist eine gute Einsteigermission”, meint der Polizist rückblickend. Denn dorthin könnten, im Gegensatz zu anderen Einsätzen, auch Erst­verwender gehen. Generell hält er fest: “Bei internationalen Missionen gibt es kein Mittelding. Entweder man liebt sie oder eben nicht.” Aus dem Kosovo berichtet Gütlein: “Dort kann man ganz normal – als Privatperson – eine Wohnung mit einem vernünftigen Standard mieten.” Auch wenn die Lebensverhältnisse für ihn und seine Kollegen dort im Allgemeinen “okay” gewesen seien, dürften keine Familienangehörigen die Beamten besuchen. Hinzu kommt: “Die Luftbelastung im Kosovo ist sehr hoch und das Trinkwasser belastet.”

Auch exekutiv tätig

Über seine erste Mission be­rich­tet Gütlein, der 1986 in den mittleren Vollzugsdienst der Bayerischen Polizei eintrat und bis 2008 erst in den gehobenen und anschließend in den höheren Dienst aufstieg: “Ich habe kontrolliert, dass die Minderheiten in der kosova­rischen Polizei korrekt vertre­ten sind und nicht diskriminiert werden.” Bei seiner zweiten Verwendung auf dem Westbalkan sei er dann auch operativ tätig geworden. “Meine Mitarbeiter und ich haben unter anderem zwei Grenzübergänge zwischen dem Kosovo und Serbien kontrolliert und darauf geachtet, dass es dort möglichst nicht zu Übergriffen kam.” Sie hätten so­gar eigene polizeiliche Aktionen, etwa Festnahmen, durchführen dürfen. Dieses Element der EULEX-Mission, das sogenannte “Special Police Department”, gebe es seit 2016 allerdings nicht mehr, so der ehemalige Leiter der Polizeiinspektion Bad Neu­stadt. Grundsätzlich hält Gütlein, der inzwischen auch Prüfer in einem Assessment-Center für Auslandsverwendungen ist, fest: “Wir Deutsche sind in den internationalen Missionen sehr anerkannt. Was wir im Ausland machen, hat Hand und Fuß.” Ins­besondere deutsche Kontingent­leiter hätten einen sehr guten Stand, da sie dafür bekannt seien, genau auf die Einhaltung aller Vorschriften zu achten. Der Polizeidirektor ist über­zeugt: “Für Auslandseinsätze der deutschen Polizeien wird in aller Regel das richtige Personal ausgewählt.” Schließlich seien solche Einsätze auch interessant und lukrativ. “Man kann seinen Horizont erweitern und erhält Auslandszulagen.” Des Weiteren ist der Beamte überzeugt: “In Auslandseinsätzen erhält man unter Umständen Positionen, die man zuhause nur schwer oder gar nicht bekommen würde.” Denn: “Deutsche haben im Ausland eine gute Reputation.” Arbeitssprachen sind Englisch oder Französisch.

Er selbst habe in seinen Verwendungen im Kosovo auch viel von Kollegen aus anderen Nationen gelernt und keine Si­tuation erlebt, in der es selbst unmittelbar gefährdet gewesen sei. Möglicherweise habe das auch daran gelegen, dass er während des Dienstes dort immer bewaffnet gewesen sei. Und im Fall der Fälle hätte die EULEX-Mission auch über eigene Ärzte verfügt. Verständigen würde man sich auf dem Westbalkan untereinander auf Englisch. “In anderen Missionen, etwa in Mali, ist hingegen Französisch die Arbeitssprache”, berichtet er. Auf deutscher Seite würden die Beamten, auch wenn sie von den Landespolizeien kämen, für die Dauer des Auslandseinsatzes zur Bundespolizei abgeordnet. Pro Monat, den sie im Kosovoverbrächten, würden sie einen Urlaubsanspruch von vier Tagen erwerben. Die Regeleinsatzdauer betrage zwölf Monate, wobei Verlängerungen jeweils möglich seien.

Außerdem könnten die Verwendungen jederzeit freiwillig abgebrochen werden. “Dann muss man ein sogenanntes “Shortening” schreiben, erläutert Gütlein. Bei grobem Fehlver­halten könne der einzelne Polizist aber auch von seinem Vor­gesetzten nach Hause geschickt werden. “Als ich Kontingentlei­ter war, haben sich aber alle Deutschen, die bei Auslandseinsätzen übrigens eine einheitliche blaue Dienstuniform mit einem Deutschland-Wimpel, einem Abzeichen der Europäi­schen Union und einem Wappen ihres Heimatbundeslandes tragen, gut benommen. Ich musste niemanden nach Hause schi­cken.” Kehre der jeweilige Beamte hingegen nach dem Ablauf seiner Zeit im Ausland ganz regulär in seine Heimat­dienststelle zurück, könne er – zumindest in Bayern – nicht sofort wieder in eine internationale Mission gehen. “Bei uns im Freistaat müssen die Kollegen nach ihrer ersten Mission ein Jahr warten. Nach ihrer zweiten Auslandsverwendung sind es dann sogar 36 Monate.” “Das macht auch Sinn”, findet der ehemalige Fachlehrer bei der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Und es gebe im Freistaat eine Altersgrenze für derartige Einsätze. “Aktuell liegt sie bei 57 Jahren”, erzählt Gütlein.

Weitere Missionsbeteiligung nicht ausgeschlossen

Mit Blick auf seine eigene Situ­ation meint der stolze Besitzer eines Wohnmobils: “Sollte es sich nochmal ergeben, würde ich erneut ins Ausland gehen. Denn meine bisherigen Verwendungen bereue ich kein Stück.” Allgemein komme es auf eines aber ganz besonders an: “Die Familie muss mitspielen.” Für die Zukunft wünscht sich Gütlein, dass noch mehr quali­fizierte Polizeivollzugsbeamte aus Bund und Ländern in Auslandsmissionen unter dem Mandat der Vereinten Nationen oder Europäischen Union gehen. Gütlein, der eine große Familie hat und sich als “Hand­werker jeglicher Art im Zweitberuf” bezeichnet, ist überzeugt: “Deutschland hat hierfür ein großes Potenzial.”

Über seine momentane Tätigkeit als Sachgebietsleiter Einsatzzentrale im Polizeipräsi­dium Unterfranken mit Sitz in Würzburg sagt der Polizist, der jeden Tag rund 175 Kilometer auf der Autobahn fährt, um zur Arbeit und wieder zurück nach Hause zu kommen: “Die Einsatzzentrale bei uns hier in Würzburg ist für ganz Unterfranken zuständig. Hier erfolgen die Notrufannahme, die Einsatzsteuerung und -dokumentation sowie die Alarmwei­tergabe per Funk an die einzelnen Beamten.” Dabei arbeite man eng mit den Integrierten Leitstellen von Feuerwehr und Rettungs­dienst zusammen, so Gütlein, der seinen aktuellen Posten seit dem 1. Oktober 2017 innehat und für sein Engagement in Auslandsmissionen im vergangenen Jahr im Rahmen einer Feierstunde zum “Tag des Peacekeepers” im Bundesmi­nis­terium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) geehrt wurde.

Über 200 Deutsche in der ganzen Welt tätig

Zuletzt (Stand: 9. Dezember 2018) waren insgesamt 211 deutsche Mitarbeiter von Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) in internationalen Polizeimissionen oder bilateralen Projekten aktiv. Von den 16 Landespolizeien kamen dabei 115 Beschäftigte und von der Bundespolizei 96. Das Bundeskriminalamt (BKA) stellte zwei Mitarbeiter, aus der Zollverwaltung waren es sechs.

Die meisten Kräfte (50) sind aktuell im German Police Project Team (GPPT) in Afghanistan aktiv. Dieses geht auf eine Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und der Kabuler Regierung zurück. Demnach sollen die deutschen Polizisten ihre afghanischen Kollegen beim Aufbau von effektiven Sicherheitsstrukturen vor Ort unterstützen und ihre Ausbildung fördern. Ziel des 2002 eingerichteten Projekts ist es, eine professionelle, sich selbst tragende Polizei aufzubauen. Ihre Mitarbeiter sollen der Bevölkerung dienen, sie schützen und sich den demokratischen Prinzipien und Menschenrechten verpflichtet fühlen. Momentan erfolgt die GPPT-Arbeit von zwei Standorten aus: Kabul und Mazar-e Sharif.
Die personelle deutsche Beteiligung an den übrigen Missionen ist deutlich geringer. So sind zum Beispiel in der EULEX-Mission im Kosovo momentan nur sieben Landespolizisten aktiv. Gleiches gilt für eine unter EU-Mandat stehende Mission in Georgien (EUMM Georgien).
In der “Multidimensionalen Integrierten Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali” (MINUSMA) arbeiten momentan drei Bundespolizisten und neun Kollegen von Landespolizeien.

Im Rahmen zweier Missionen in Somalia sind es insgesamt acht deutsche Polizisten. Sieben Landespolizisten wurden in die EULEX Kosovo entsandt.
In der Republik Moldau sowie in der Ukraine sind jeweils sechs Angehörige der Bundes- und Landespolizei sowie des Zolls tätig. Im Niger sind es vier (zwei Bundespolizisten und zwei Beschäftigte der Landespolizeien).
Weitere Kräfte wurden unter anderem nach Palästina, in den Irak, in die Ukraine (unter dem Mandat der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) sowie nach Haiti geschickt.

Im Rahmen von Einsätzen der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache (FRONTEX) sind 56 Bundespolizisten, 35 Kräfte der Landespolizeien und zwei Mitarbeiter der Zollverwaltung tätig. Die Bundesrepublik beteiligt sich seit August 1989 an internationalen Polizeimissionen, zunächst allerdings nur durch Beamte des damaligen Bundesgrenzschutzes (heutige Bundespolizei). Seit 1994 stellen auch die Landespolizeien Kräfte ab. Die erste durch Deutschland unterstützte internationale Polizeimission fand in Namibia statt.

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