Bedrohte Kommunalwälder und erste Gegenmaßnahmen

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Das vom Borkenkäfer befallene Holz raus, dafür das vertrocknete Holz im Wald lassen oder den Spieß umdrehen? Auf die eine oder andere Art und Weise bringt es die Kommunen in die Bredouille und bei einem heißen Sommer ist die Waldbrandgefahr wieder hochaktuell. (Foto: Ylves, CC0, https://pixabay.com/)

Hitze, Dürre, die größte Borkenkäferplage seit 1947 und die damit verbundenen finanziellen Auswirkungen zwingen öffentliche wie private Waldbesitzer zum Handeln. Die Maßnahmen reichen vom Appell bis zum Umbau. Doch letzterer ist nicht so einfach.

Wie schlimm es um die deutschen Fichtenbestände stehe, könne anhand der Zahlen aus NRW verdeutlicht werden, führt Ute Kreienmeier, Referatsleiterin Kommunalwald, Umwelt und Naturschutz beim Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB) an. Die Fichte sei mit 252.000 Hektar (ha) die häufigste Baumart in NRW. Die gesamte Landeswaldfläche betrage dabei 935.000 ha, wovon 196.000 ha in kommunaler Hand seien. Durch den Orkan “Friederike” im Januar 2018 seien 2,5 Mio. Festmeter (fm) Sturmholz landesweit angefallen und mindestens weitere 2,1 Mio. fm Käferholz nach der Hitze- und Dürreperiode. “Verglichen dazu betrug der gesamte Jahreseinschlag 2017 über alle Waldbesitzarten hinweg in NRW 3.017 Mio. fm. Davon entfielen 2,0 Mio. fm Einschlag auf die Fichte”, so Kreienmeier. Damit liege die Menge des Sturm- und Borkenkäferholzes in NRW bereits im Herbst 2018 weit über dem Jahreseinschlag von 2017.

Normalerweise liege der nachhaltige Einschlag (Forstbetriebe nutzen nur so viel Holz wie nachwächst) bei der Fichte in einer Größenordnung zwischen sechs- bis acht fm pro Jahr und Hektar, so Kreienmeier. “Dementsprechend kann künftig weniger Fichtenholz eingeschlagen und genutzt werden Deshalb wird dieses mittlerweile auch aus dem Ausland eingekauft, weil einige Betriebe bzw. Produkte der Holzindustrie auf den Einsatz von Frischholz angewiesen sind”, merkt die Referatsleiterin an.

Zwischen Appell und ersten Maßnahmen

Deshalb appelliert Michael Blaschke, Sprecher des Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen: “Wir bitten die Privatwaldbesitzer und Kommunen, keine gesunden Fichten mehr zu fällen, bis sich die Waldschutz-Lage entspannt hat.” Ferner solle das Holz mit (lebendem) Käferbefall noch vor dem Käferflug eingeschlagen und aus dem Wald heraustransportiert werden. Auch wenn durch das Übermaß an Holz auf dem Markt und in den Sägewerken die Kapazitäten begrenzt seien, so müsse sich bemüht werden, Lagerplätze im Abstand von 500 Metern zu den Wäldern für das Käferholz zu schaffen, erläutert Blaschke.

Potenzielle Waldbrandgefahr

Das Kernproblem ist jedoch, dass durch die mangelnden Kapazitäten auch trockenes Holz weiterhin im Wald verbleiben wird, was bei einem weiteren heißen Sommer die Gefahr von Waldbränden erhöht. Prof. Dr. Andreas Bolte, Institutsleiter des Thünen Instituts, merkt diesbezüglich an, dass die Wasserhaltung in grundwassernahen Wäldern durch Schließen von Abflüssen und Gräben intensiviert werden könne. Gleichzeitig brauche es zur Verhütung von Waldbränden ein Frühwarn-System, wie es in Brandenburg implementiert sei. “Wichtig ist eine Aufklärung der Bevölkerung über Waldbrand-Warnlagen, da der überwiegende Anteil von Waldbränden durch menschliche Fahrlässigkeit oder Vorsatz entsteht”, betont er.

Zudem sei es sinnvoll, die Fichtenwälder zu Mischwäldern umzubauen, wie es bereits in einigen Kommunalwäldern wie Berlin oder zukünftig auch Brilon geschehe. “Eine Mischung von Baumarten mit unterschiedlichen Standortsansprüchen und Anpassungen wie unterschiedliche heimische Laub- und Nadelbaumarten verteilt das Risiko auf verschiedene Arten und verringert meist den Schädlingsdruck”, erläutert der Professor.

Nicht nur heimische Bäume

Dabei sei auch eine Beteiligung von trockenheitstoleranten nicht-heimischen Baumarten wie z. B. der Douglasie nützlich. Wärmeliebende heimischen Nebenbaum­arten wie Wildobst, Elsbeere oder kurzlebige Baumarten wie Birke, Aspe und Eberesche könnten ebenso ihren Beitrag leisten. Wichtig sei nur, dass auf die passenden Standortbedingungen geachtet werde, so der Wissenschaftler. Eine andere Möglichkeit sei, Baumarten aus südlichen oder kontinentalen Verbreitungsräumen zu nutzen, die dort schon mit intensiverer Trockenheit aufgewachsen seien.

Außerdem hätten Mischwälder den Vorteil, dass sie mehr Grundwasser zurückgewinnen würden, wie die Studie des Eigenbetriebs Berliner Forsten “Die Berliner Wälder und ihre Bedeutung für die Ressource Wasser” belegt.

Nächstes Problem: ungewisser Sommer

Eine weitere Herausforderung stellt die Zeit zur Neubepflanzung dar. “Die Forstbaumschulen haben das nötige Pflanzmaterial, um den Bedarf an Neubepflanzungen zu decken”, erläutert Alain Paul, Sprecher des Verbands Deutscher Forstbaumschulen (VDF).

Jedoch könnten die Schadflächen in diesem Jahr nicht zu 100 Prozent wieder bepflanzt werden. Denn die Schäden seien immens und es sei deshalb weder vom Personal noch technisch innerhalb der kurzen Zeit machbar.

Bedarf abstimmen

Für die Aufforstung wird den Waldbesitzern gesetzlich in der Regel eine Frist von drei bis fünf Jahren eingeräumt. Aber bedingt durch das Ausmaß der Schäden würden die deutschen Behörden u. a. in NRW dazu tendieren, die Fristen zu verlängern und Förderprogramme für die Aufforstung einzuführen, sagt Paul. “Nun ist vor allem Koordination wichtig. Die Besitzer müssen dringend mit ihren Forstbaumschulen des Vertrauens den Bedarf besprechen und abstimmen, damit dieser auch gedeckt werden kann. Momentan zögern noch viele.” Denn die Forstbaumschulen können die jetzt verwendungsbereiten Jungpflanzen nicht einfach lange “parken”. Diese würden quasi im Beet aus der Verwendbarkeit herauswachsen und würden vernichtet. Dabei sei Saatgut knapp gewesen. In der Regel würden jene Exemplare, die vier Jahre oder etwas älter sind, im Frühling verbrannt werden, weil sie zu groß seien, um damit Platz für die neue Anzucht zu schaffen. “Wenn dann wieder im Herbst die Nachfrage nach den Bäumen steigt, fehlt es unter Umständen”, merkt Paul an.

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