Regionales Waldsterben bedroht kommunale Haushalte

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Die Waldschäden aufgrund des Orkans, der langanhaltenden Dürre und der schwersten Borkenkäferplage seit dem Zweiten Weltkrieg sind im Kommunalwald der nordrhein-westfälischen Stadt Brilon gewaltig. “Das Waldvermögen ist derart schwerwiegend getroffen, dass sich die endgültigen Auswirkungen der Jahrhundertkatastrophe 2018 erst in den nächsten Jahren wirklich zeigen werden”, fasst Dr. Christof Bartsch, Bürgermeister der Stadt mit dem größten Kommunalwald Deutschlands, die momentane Situation zusammen. Doch nicht nur in Brilon werden die Auswirkungen auf die Kommunalfinanzen diskutiert. Bundesweit wird von der Politik eine angemessene Ausgleichszahlung gefordert und über zukünftige Schritte gesprochen.

Insgesamt seien durch alle Sturmschäden ungefähr 20 Mio. Festmeter (fm) Schadholz angefallen und es werde mit mindestens 12 Mio. fm Schadholz durch die aktuelle Käferplage kalkuliert, bilanziert und fürchtet der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB).

Holzmärkte brechen weg

Bedingt durch die Menge an Holz, welches die Sägewerke erreicht, kommen diese mit der Verarbeitung nicht hinterher. Um finanziellen Einbußen entgegenzuwirken, werden auch neue Märkte beliefert. “Ganz entgegen unserer bisherigen ökonomischen und ökologischen Verkaufsstrategie “Das Holz der kurzen Wege” kooperieren wir jetzt mit internationalen Handelspartnern, die unsere Holzmassen beispielsweise auf den asiatischen Markt exportieren. Damit entlasten wir den Regionalmarkt”, sagt Bartsch.

Trotzdem reiche es nicht, denn der Export scheide zurzeit vielfach aus, da der Borkenkäfer europaweit wüte und überall die Lkw- sowie die Holzlager-Kapazitäten für einen Abtransport oder eine Lagerung fehlen würden, erörtert Michael Blaschke, Sprecher des Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen. Dies führe zu dem Grundproblem: “Es wird nicht möglich sein, alles – insbesondere das schon abgestorbene trockene Holz – zu vermarkten. Generell ist Käferholz problemlos auch für hochwertige Holzprodukte verwertbar. Denn die Borkenkäfer dringen nicht in das Holz ein. Aber wenn die Vermarktungswege wegbrechen und ein Überangebot auf den Markt drängt, kann auch hochwertiges Holz nur mit erheblichen Preisnachlässen vermarktet werden.”

Das Kernproblem: die Schadensbezifferung

“Die Landwirtschaft hat nach der Dürre Soforthilfe erhalten, sofern die Betriebe belastbare Zahlen über Ernteausfälle und daraus resultierende Verluste vorlegen können. Der Schaden muss als existenzbedrohend nachgewiesen werden”, erklärt Ute Kreienmeier, Referatsleiterin Kommunalwald, Umwelt und Naturschutz beim DStGB. Aktuell liege der Fokus zwar auf den Fichtenbeständen. Allerdings hätten auch die Buchenwälder unter der extremen Dürre und Hitze stark gelitten. Die Schäden durch absterbende und erkrankte Bäume würden erst nach dem Laubaustrieb im Mai 2019 und den Folgejahren sichtbar.
Auch die Stadt Brilon hat ihre Schwierigkeiten: “Derzeit können wir noch nicht abschließend festhalten, wie viel Festmeter Schadensholz die Trockenperiode forderte, da wir erst im Frühjahr nächsten Jahres abschließend abschätzen können, ob die Kalamität ihren Höhepunkt erreicht hat oder mit weiteren Schäden zu rechnen ist”, so Bartsch.

Finanzielle Unterstützung gefordert

“Viele private und kommunale Forstbetriebe sind in eine finanzielle Notlage geraten. Der bereits seit Jahren eingeleitete, ertragreiche Waldbau im Klimawandel benötigt jetzt und in Zukunft hohe Finanzmittel, um die entstandenen Kahlflächen entsprechend zukunftsfähig aufzuforsten”, bezieht der Bürgermeister Brilons Stellung. Auch Kreienmeier appelliert, dass der Staat den kommunalen Waldbesitzern unter die Arme greifen müsse. Denn diese seien nicht die Verursacher, sondern die Opfer des Klimawandels. “Wir schätzen die Schäden durch Hitze und den Borkenkäfer auf mindestens fünf Mrd. Euro bundesweit. Das Waldsterben ist eine reelle Bedrohung. Sollten die schlimmsten Prognosen der Forstschutzexperten zutreffen, so könnte sich der Schaden noch verdoppeln. Wenn der Witterungsverlauf für den Borkenkäfer günstig ist und er im kommenden Frühjahr wieder starten kann, werden die Schäden weiter ansteigen”, so die Referatsleiterin.

Kleiner Tropfen kommt

Die Politik hat das Problem bereits erkannt und diskutiert es ebenso auf Bundesebene. “Deshalb hat der Deutsche Bundestag insgesamt 25 Millionen Euro zusätzlich über fünf Jahre bewilligt, um Maßnahmen zur Prävention, Neupflanzung und Anpassung auf Extremwetterlagen zu fördern”, äußert sich Albert Stegemann, agrarpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Die Gelder stünden ab diesem Jahr bereit.

Forst nicht gleich Land

Obwohl der Vergleich zu den Soforthilfen der Landwirtschaft aufkam, so hebt der zuständige forstpolitische Berichterstatter der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, hervor: “Die Forstwirtschaft hat andere Zeithorizonte als die Landwirtschaft. Zudem verfügt der Forstbereich im Gegensatz zur Landwirtschaft über eine rechtliche Grundlage zum Ausgleich von und der Vorbeugung vor Schäden: das Forstschäden-Ausgleichsgesetz.” Es sei daher “richtig, der Landwirtschaft das Signal zu geben, dass der Staat und damit der Steuerzahler im Bedarfsfall Bauern in Not unterstützt”. Aber hierbei werde in Jahren gedacht, beim Wald hingegen in Jahrzehnten. Dementsprechend seien die 25 Mio. Euro ein wichtiger Anfang, um die diesjährigen Schäden durch die Dürre etwas abzufedern.
Bundesprogramm gefordert

Aber auch Wiese denkt, dass diese 25 Mio. Euro nicht ausreichen werden: “Bei einem trockenen Winter werden wir uns daher aus meiner Sicht im Frühjahr noch einmal intensiv mit einer Unterstützung für die Forstwirtschaft beschäftigen müssen.” Es würden daher mit großer Wahrscheinlichkeit weitere finanzielle Mittel benötigt, um allen Ansprüchen gerecht zu werden. “Hier muss das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft proaktiv liefern und darf nicht erst wieder zum Jagen getragen werden.”

Auch die Grüne-Bundestagsfraktion ist mit der Summe unzufrieden: “Die vom Bund bereitgestellten 25 Mio. Euro sind angesichts der Waldschäden in Milliardenhöhe bei Weitem nicht ausreichend. Selbst bei Einrechnung weiterer Mittel durch die Länder ist das weniger als ein Euro pro Hektar Wald – das reicht noch nicht einmal, um die vertrockneten Jungbaumanpflanzungen zu ersetzen”, kritisiert Harald Ebner, Sprecher für Waldpolitik. Die Grünen fordern ein “angemessen ausgestattetes Bundesprogramm”. Damit insbesondere Kommunalwald profitiere, müssten “auch öffentlich-rechtliche Forstzusammenschlüsse im Bundeswaldgesetz als förderfähig verankert werden”. Ferner könnte eine umfassende Holzbaustrategie dazu beitragen, den angespannten Holzmarkt zu entlasten, äußert sich Ebner.

Ausgleichszahlungsansatz und Naturkatastrophe

Ebenso schätzt die AfD-Bundestagsfraktion die Summe als zu gering ein, wenn eine Forderung einer Nothilfe von 350 Millionen Euro seitens der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (AGDW) im Raum stünde, heißt es seitens der Fraktion. Sie schlägt einen Lösungsansatz zur angemessenen Ausgleichszahlung vor: Hierbei wäre die Ermittlung von belastbaren Zahlen zur fundierten Quantifizierung der Soforthilfen eine Aufgabe wissenschaftlicher Institute wie z. B. des Thünen-Instituts für Waldökologie in Eberswalde. Methodisch solle der wissenschaftliche Ansatz den für die nächsten Jahre mithilfe von Wachstumsmodellen prognostizierten Holzzuwachs dem tatsächlichen durch die Schäden reduzierten Holzzuwachs gegenüberstellen. Die Differenz wäre dann die Grundlage für eine fundierte Monetarisierung der Waldschäden, so der AfD-Vorschlag.
Karlheinz Busen, forstpolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, betont demgegenüber: “Eine direkte finanzielle Unterstützung wie bei den Landwirten halte ich nicht für sinnvoll. Schon die Zahlungen an die Landwirte sind eher mehr Bürokratie als eine Hilfe.” Waldeigentümer müssten in die Lage versetzt werden, extreme Schadenereignisse selbst zu bewältigen. Das gehe einerseits mit einfachen Regeln zur Anlage und Verwendung von Risikoausgleichsrücklagen. Andererseits müsse die Bundesregierung im aktuellen Fall die Dürre als Naturkatastrophe werten und “insbesondere auch für die Waldschäden bei der EU Mittel aus dem Solidaritätsfonds beantragen”, so Busen.

Die Jahrzehnte danach

Für eine ganzheitliche Betrachtung setzt sich die Linke-Bundestagsfraktion ein: “Der Wald ist mehr als Holzproduktion, aber auch die stoffliche und energetische Nutzung der nachwachsenden Ressource Holz ist im gesellschaftlichen Interesse. Deshalb muss in akuten Notsituationen Unterstützung geleistet werden”, so die agrarpolitische Sprecherin der Fraktion, Dr. Kirsten Tackmann. Gleichzeitig müssten Präventions- und Anpassungsstrategien, z. B. zu Klimaveränderungen, einen höheren Stellenwert bekommen. Konzepte zur Waldbrandprävention und Schadensminimierung müssten erarbeitet und umgesetzt werden. Gelder dürften nicht erst nach dem Schaden zur Verfügung stehen. Die finanzielle Unterstützung für eine an die neuen Herausforderungen angepassten Aufforstung nach Schadenslagen bleibe notwendig, betont Tackmann. Dazu werde nicht nur mehr Geld gebraucht. Sondern es müsse leichter zugänglich und passgenauer für die regionalen Bedingungen sein, z. B. müssten förderfähige Baumarten zum Standort passen.

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