Sie gibt den Takt vor

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Ganz in ihrem Element: Oberstleutnant Alexandra Schütz-Knospe bei einer Orchesterprobe am Dirigentenpult (Foto: Heeresmusikkorps Koblenz)

Seit 2014 leitet Oberstleutnant Alexandra Schütz-Knospe das Heeresmusikkorps Koblenz. Sie ist die erste und bisher einzige Leiterin im Militärmusikdienst der Bundeswehr. Der Behörden Spiegel hat sie am Standort in der Gneisenau-Kaserne besucht, um mit ihr über die Erfahrungen in diesem Beruf zu sprechen.

Aktuell befehligt Oberstleutnant Alexandra Schütz-Knospe einen Offizier – Hauptmann Wolfgang Dietrich als Stellvertreter und S3-Offizier –, 53 Unteroffiziere, vier Mannschaftssoldaten und eine Zivilangestellte. Alle Soldaten sind ausgebildete Musiker und erfüllen gleichzeitig noch eine militärische Doppel- bzw. Nebenfunktion: Materialnachweis, Rechnungsführung, Öffentlichkeitsarbeit etc.

Die musikalische Bandbreite des Koblenzer Musikkorps erstreckt sich von Musicals über Swing und Pop bis zu Medleys aus den 1980er-Jahren – “und natürlich Märsche”, so Schütz-Knospe. Ihre persönlichen Schwerpunkte sind Klassik und Filmmusik. Generell gilt: “Das jeweilige Musikprogramm muss gerne gespielt und gerne gehört werden.”

Weiterentwicklungen und Steigerungen bei allen Musikern sollten stets ermöglicht werden.
Durch die musikalische Bandbreite sei die Arbeit “ausgesprochen abwechslungsreich”, so die Leiterin. Gerade wegen der zahlreichen, wechselnden He­rausforderungen ist sie nach eigenem Bekunden zur Bundeswehr gegangen. “Das Schlimmste bei der Musik ist Routine. Hier gibt es keine Routine.” Ihre Devise lautet – klassisch militärisch –: “Leben in der Lage.” Die “absolute Priorität” dabei – wieder klassisch –: “Den militärischen: Auftrag erfüllen.”

Mit Stolz trägt sie ihr Barett in der bordeauxroten Farbe der Fallschirmjäger. Die Farbe richtet sich nach dem letzten Unterstellungsverhältnis vor der Übergabe 2014 an die Streitkräftebasis, und das war die Division Spezielle Operationen.

Besonderheiten

Sie ist gleichzeitig Fach- und Disziplinarvorgesetzte. Diese Konstruktion gibt es hierzulande nur in der Bundeswehr und ist damit einmalig im deutschen Öffentlichen Dienst. Sonst sind beide Funktionen immer getrennt, zum Beispiel bei einem ansonsten vergleichbaren Polizei-Orchester.

Eine weitere Besonderheit unterscheidet das Heeresmusikkorps von anderen Einheiten: “Wir machen alles zusammen: gemeinsame Proben, gemeinsame Konzertreisen, gemeinsame Urlaubszeiten”, betonte die Leiterin. Wichtig als Chef einer Musikeinheit sei es, dafür zu sorgen, dass die Soldaten Zeit für ihre Familien hätten. “Musiker mit Pro­blemen zuhause können keine richtig gute Musik machen.”

Das Heeresmusikkorps in der Rhein-Mosel-Stadt ist dabei auch oft für karitative Zwecke aktiv. Es gibt zum Beispiel Benefizkonzerte für den Erhalt der Koblenzer Flo­rinskirche, eines frühmittelalterlichen Sakralgebäudes in der Altstadt. Eigene Musik-CDs werden vertrieben zur Unterstützung der “Elterninitiative krebskranker Kinder Koblenz e. V.”

Regionale Zuständigkeit

Ihr örtlicher Schwerpunkt “ist regional, nicht international”. Ihre Einheit sei zuständig für die Bundesländer Rheinland-Pfalz und Saarland. Die jährlich ca. sechs Musikeinsätze im Ausland seien mit Musikshows und Paraden oft sehr fordernd, aber auch interessant.
Sichtlich stolz verweist sie darauf, dass das Heeresmusikkorps zuletzt zwei Jahre hinter­einander in der ausverkauften Rhein-Mosel-Halle aufgetreten sei. Die Koblenzer lieben “ihr” Heeresmusikkorps so sehr, dass es in der Stadthalle schon mit großem Beifall begrüßt wird, ohne dass bereits auch nur ein Ton erklungen ist.

Erhöhter Personalbedarf

Die Personalfrage in der Bundeswehr macht auch nicht halt vor dem Militärmusikdienst. “Wir suchen musikalischen Nachwuchs in allen Bereichen”, so die Leiterin, “besonders Holzbläser (Klarinette, Oboe und Fagott), aber auch Tubisten und Hornisten.”

Musiker ab 16 Jahren können in ihrem Musikkorps entsprechende Praktika absolvieren. Im Rahmen des Freiwilligendienstes kann man im Alter ab 18, nach einem bestandenen Vorspiel, für neun bis einundzwanzig Monate zu einem Musikkorps gehen. Bewerbungen werden ab 17 Jahren in den Karriereberatungsbüros der Bundewehr angenommen.

Für berufliche Seiteneinsteiger gibt es keine Altersgrenze mehr. Für Oberstleutnant Schütz-Knos­pe liegt allerdings die ideale Höchstgrenze bei Mitte 30, dann müsse aber das Musikstudium möglichst abgeschlossen sein. In ihrem Verantwortungsbereich gibt es auch drei Reservistenmusikzüge: Idar-Oberstein, Trier (der älteste) und Saarland. Diese sind truppendienstlich bei den Landeskommandos aufgehängt, musikfachlich unterstützt ihre Einheit die Reservedienstleistenden bei der Ausbildung und durch Beratung.

Als Soldatin zur Bundeswehr

Im Jahr 1997 hatte sie ihren Mann zum Kreiswehrersatzamt begleitet, weil dieser sich über die Bundeswehr als potenziellen Arbeitgeber informieren wollte. Dabei fragte sie den anwesenden Stabsfeldwebel, welche beruflichen Möglichkeiten es denn für Frauen bei den Streitkräften gebe. Seine Antwort: “Nur beim Sanitätsdienst und (erst seit 1990, d. Red.) bei der Militärmusik.” Darauf sie: “Ich bin ja ausgebildete Pianistin.”

“Klavier? Da war doch was.” Der Unteroffizier kramte aus der untersten Schublade ein bereits leicht vergilbtes Formular hervor: “Laufbahn Militärmusikoffizier”. Gesagt, getan. Nächster Termin beim Stabsmusikkorps Berlin in der Julius-Leber-Kaserne. Dort begegnete ihr die skeptische Frage: “Frauen am Dirigentenpult?” Diese Frage war nicht spezifisch mili­tärisch, denn auch in der zivi­len Welt gibt es nur wenige Dirigentinnen.

Trotz aller geäußerten Vorbehalte hat sie ihre Bewerbung losgeschickt – und ist genommen worden: Im Juli 1998 trat Alexandra Schütz-Knospe in die Bundeswehr ein. Die ersten Stationen für sie lauteten: Grundausbildung beim damaligen Sanitätsregiment 5 in Rennerod (Westerwald) und weitere Ausbildung an der Sani­tätsakademie in München. Schließlich hat jeder Musiker der Bundeswehr neben seiner musikalischen auch eine seiner Laufbahn entsprechende Sani­tätsausbildung für den Verteidigungsfall.

Wegbereiterin im Militärmusikdienst

“Als Ostdeutsche, als Frau und als Mutter” im Militärmusik­dienst der Bundeswehr sah sie sich schon als Sonderfall beziehungsweise als “Wegbereiterin”. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass sich die berufliche Lage für Frauen verbessert habe, seit Deutschland von einer Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel regiert werde.

Alexandra Schütz-Knospe begann im Jahr darauf das Studium zum Kapellmeister für Mi­litärmusik bei Prof. Lutz Herbig an der zivilen Robert Schumann Hochschule für Musik in Düsseldorf. Musikoffiziere machen in sechs Jahren den Master.

Ihren Abschluss machte sie 2003 in Langenfeld (Kreis Mettmann) mit dem Blasorchester des Ausbildungsmusikkorps der Bundeswehr aus Hilden. Hier unterrichtete sie auch im Rahmen der musikfachlichen Ausbildung die Feldwebelanwärter, welche dann nach vierjährigem Studium in eine der vierzehn Musikeinheiten des Militärmusikdienstes versetzt werden. Anschließend wurde sie als Zweiter Musikoffizier im Musikkorps der Bundeswehr in Siegburg eingesetzt und leitete dort das Kammerorchester.

Im Oktober 2006 übernahm Schütz-Knospe den Posten der stellvertretenden Leiterin des Ausbildungsmusikkorps in Hilden. Sie wohnt noch heute in der nordrhein-westfälischen Stadt. Ihre zwei Töchter sind als “Schlüsselkinder” groß geworden, wie Oberstleutnant Schütz-Knospe dereinst auch. Als Ostdeutsche war die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für sie “nie ein Thema” gewesen.

Ab Januar 2010 war sie Leiterin des Wehrbereichsmusikkorps I in Neubrandenburg. Damit war sie die erste und bisher einzige Leiterin im Militärmusikdienst der Bundeswehr. Doch nicht nur das: Für beispielhafte Erfüllung der Soldatenpflichten wurde ihr im Jahr 2011 das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Silber verliehen. Seit Ende Juni 2014 leitet Oberst­leutnant Alexandra Schütz-Knospe nun das Heeresmusikkorps Koblenz.

Persönlicher Werdegang von Anfang an

Alexandra Schütz-Knospe wurde 1974 in Ost-Berlin geboren – im Volkspolizei-Krankenhaus, das übrigens heute das Bundes­wehrkrankenhaus beherbergt. Im Alter von vier Jahren begann sie ihre musikalische Ausbildung auf dem Klavier. An der Musikhochschule Berlin-Friedrichshain war sie an Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen des Kinderchores beteiligt.

Außerdem wirkte sie bis zum zwölften Lebensjahr als Dar­stellerin in der Komparserie der “Deutschen Staatsoper Berlin Unter den Linden” mit. Ab zwölf, das heißt 1986, erhielt Schütz-Knospe ihre Klavierausbildung an der Spezialschule für Musik “Franz Liszt” in Weimar. Musikalisch Hochbegabte wurden in der DDR ähnlich gefördert wie Spitzensportler – als Aushängeschilder für das Regime.

Eine ganze Musikerfamilie

Schon ihr Vater war Musi­ker. Er spielte als Geiger an der Deutschen Staatsoper Berlin – heute Staatsoper Unter den Linden –, wo seine Tochter als Komparsin mitwirkte. Seinen Töchtern gab er mit auf den Lebensweg: “Wenn ihr begabt seid und etwas von der Welt sehen wollt, dann werdet Musikerinnen.” Beide scheinen die musikalische Begabung ge­erbt zu haben. Ihre Schwester spielt heute als Solo-Harfenistin an der Komischen Oper Berlin in der Behrenstraße im Bezirk Mitte. Mit dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 hatte sich die Frage der Reisefreiheit erübrigt.1991 begann sie dann auch ihr Studium an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler” in Berlin und schloss dieses 1998 mit zwei Abschlüssen ab: als Diplompianistin und – nach der Ausbildung zur Musiklehrerin – als Diplompädagogin im Fach “Klavier”. Prüfungsbestandteil war das zweite Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven. Dessen Kadenz, das heißt die gliedernde Akkordfolge, hatte sie dazu selbst geschrieben – “weil der frühe und der späte Beethoven einfach nicht zusammenpassen.” Eine der beiden Diplomarbeiten schrieb sie über den eigenen Musiklehrer, der auch Komponist war.

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