Ländliche Regionen attraktiv gestalten

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Im Gespräch: Michael Becher und Dr. Alexander Hubrich über die Entwicklung kommunaler Netzwerke (v.l.n.r.). (Foto: Hans Güldenpenning)

Eine Weiterentwicklung von Regionen im Sinne einer gezielten Wirtschaftsentwicklung und nachhaltiger Standortpolitik gibt es nicht ohne eine zukunftsfähige Infrastruktur und gezielte Kooperationsansätze und Vernetzung. So auch im Fall der Verbandsgemeinde Betzdorf-Gebhardshain in Rheinland Pfalz. Hier wurde nach dem Ausbau der Region mit zukunftsfähiger Glasfaserinfrastruktur daran gedacht, wie die Wirtschaftsregion auf dieser Grundlage weiterentwickelt werden kann. Das Ziel  dabei war der Aufbau und die Erprobung eines kommunalen Netzwerkes für ein Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) von Klein- und Kleinstunternehmen (KLU). Das Modellvorhaben startete im Auftrag des Ministeriums für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz. Der Pilotzeitraum begann im Frühjahr 2017, der Aufbau des Netzwerkes erfolgte in enger Zusammenarbeit zwischen der MOOVE GmbH  und der regionalen Entwicklungsgesellschaft Betzdorf.

Die Zielgruppen zur Integration in dieses Netzwerk sind neben Unternehmen der Region auch qualitativ hochwertige Dienstleister des Betrieblichen Gesundheitsmanagements sowie Kooperationspartner der Bereiche Gesundheit und Arbeitsschutz, Gesetzliche Krankenversicherungen, Gewerkschaften und Berufsgenossenschaften.

Das Gespräch, welches der freie Journalist und Fotograf, Hans Güldenpenning, mit Michael Becher, Leiter der Regionalen Entwicklungsgesellschaft Betzdorf und Dr. Alexander Hubrich, Strategieberatung Betriebliches Gesundheitsmanagement bei der MOOVE GmbH, führte, beschäftigt sich mit der strategischen Entwicklung und Umsetzung des Projektes.

Der Aufbau einer kommunalen Infrastruktur, was bedeutet das konkret, wie sind Sie gestartet?

Becher: Wir haben vor etwa zehn Jahren eine eigene Wirtschaftsförderung gegründet, die Regionalentwicklungsgesellschaft Betzdorf. Im Jahr 2013 wurde dann unser eigenes Breitbandnetz gebaut, ohne Fördermittel aus Eigenmitteln finanziert, von dem die gesamte Region seitdem profitiert. Das Netz ist in unserem Eigentum und wir rechnen damit, dass wir in sechs bis sieben Jahren sogar Geld mit dem Netz verdienen werden. Das Betreibermodell macht es möglich. Wir können also schon jetzt allen Bürgern 100 Mbit/s bieten, den Gewerbebetreibern beliebig hohe Bandbreiten zur Verfügung stellen und wir erschließen Gewerbegebiete und Neubauprojekte direkt mit FFTH, FFTB.

Die MOOVE GmbH hat mit ihrem 70-köpfigen Expertenteam vor Ort und über 550 Netzwerkexperten einige der umfangreichsten digitalen und hybriden BGM-Großprojekte in Deutschland umgesetzt. Wie entwickelt man in diesem Fall gemeinsam einen Wirtschaftsraum, wenn es um die Fläche und Kleinere Unternehmen geht?

Hubrich: Im letzten Jahr wurden seitens der MOOVE bundesweit rund 480 Projekte mit über 150.000 erreichten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern realisiert. Insofern haben wir natürlich sehr viel Erfahrung über alle Branchen und Größenordnungen hinweg. Im Endeffekt ist aber jedes Projekt einzigartig. Wir haben uns hier frühzeitig überlegt, wie man mit dem Thema Gesundheit einen Benefit für den Standort erreichen kann und wie man das Thema angliedert. Was dann folgte, war im ersten Schritt ganz bewusst das Gegenstück zum Digitalen: wir sind einmal die Woche zu den Unternehmen gefahren und haben diese gezielt beraten. Diese Betreuung kommt auch den neu zugezogenen Firmen zugute, die diese Leistung höchst motiviert annehmen.

Becher: Bei diesem Pilotprojekt des Landes Rheinland-Pfalz ist das Besondere, dass vor allem die zahlreichen Klein- und Kleinstfirmen unterstützt und vernetzt werden. Das Konzept Regionalität geht dabei voll auf, denn wir greifen auf lokale Dienstleister und regionale Gesundheitsexperten zurück und wir haben die Schwerpunktthemen Bewegung, Ernährung, Psyche als Modulkatalog aufgesetzt, welcher nach Paragraph 20 Präventionsgesetz mit den Krankenkassen abgerechnet werden kann.

Wie vernetzt man in der Fläche so viele unterschiedliche Firmen, die sich unter Umständen zum ersten Mal mit dem Standortfaktor Gesundheit beschäftigen?

Hubrich: Wir sind bewusst immer in die direkte Kommunikation mit den Firmen gegangen; durch die guten Kontakte seitens der REG sind wir an einem Punkt  angelangt, wo wir zum einen ständig neue Mitglieder einbinden konnten, aber auch das  Vorhaben zielgerichtet weiter denken können und dabei auf die Praxiserfahrungen der Netzwerkfirmen setzen. Dazu kommen die  Faktoren Standortattraktivität und Arbeitgebermarke. Wir haben zum Beispiel viele Unternehmen, die gerade überproportional wachsen. Vor zwei Jahren hatten viele von ihnen gerade einmal fünf bis sechs  Mitarbeiter, und zählten Ende 2018 über 100 Mitarbeiter . Deshalb war es so wichtig, neben den klassischen Gesundheitsansätzen und Modulthemen das Thema Oualitätsmanagement hinzuzuziehen, die Marke der Unternehmen aufzubauen aber auch gezielt im Bereich Organisationsentwicklung zu beraten und Angebote zu implementieren.

Zielt das Gesundheitsnetzwerk auf bestimmte Branchen?

Becher: Wir liegen hier zwischen Westerwald und Siegerland, traditionell ist die Region recht stark in den Branchen Metallverarbeitung oder Automotive, aber wir haben uns hier tatsächlich in fast alle Bereiche hineinbewegt, von der IT-Beratung bis hin zum Friseur- oder Metzgerbetrieb, vom kaufmännischen Betrieb bis hin zum produzierenden Gewerbe.

Hubrich: Gesunde und motivierte Mitarbeiter sind der wichtigste Erfolgsfaktor eines jeden Unternehmens – egal ob Konzern, Mittelständler oder 5-Mann-Betrieb. Während ein professionelles Gesundheitsmanagement für die meisten großen Unternehmen längst zum Standard gehört, ist es für die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe noch keine Selbstverständlichkeit, ihre Mitarbeiter mit passgenauen Gesundheitsangeboten zu unterstützen. Das Projekt ist jetzt über ein Jahr gelaufen, es ist zum Prestigeprojekt geworden, die Nachfrage ist kontinuierlich  groß. Durch den Anschluss an das Breitbandnetz ist die Weiterentwicklung des Netzwerkes und der Plattform mit  digitaler Vorsorge, Telemedizin u.a. gegeben.

Was können kleine Firmen von Ihren Erfahrungen aus der Welt der großen Unternehmen möglicherweise übernehmen?

Becher, Hubrich:  Dazu zählen u.a. Audits, ein flächendeckendes Kennzahlensystem zum Krankenstand oder zur Mitarbeiterzufriedenheit – das Feedback, welches wir bekommen ist sehr positiv. Dass wir Firmen bei der Kennzahlenerhebung unterstützen, ist letztlich auch für den Wirtschaftsstandort ein Zugewinn.

Wie geht es weiter?

Becher, Hubrich: Wenn man sich die Projektphasen anschaut, dann haben wir es mit drei Phasen zu tun. In der ersten Projektphase geht es darum,  Face to Face zu agieren, die Teilnehmer brauchen einen direkten Bezugspunkt, müssen den Mehrwert sehen. Es geht hier übrigens auch immer darum, eine attraktive Standortpolitik als Arbeitgeber zu machen, damit die Mitarbeiter gerne in der Region arbeiten und bleiben. Das sind Dinge, die man gut aufzeigen kann.

Die Phase 2 ist die unterstützende Phase: Hier geht es um Digitale Vorsorge, auch das Thema Ärztemangel und demografischer Wandel sind wesentlich und stellen eine mittel-und langfristige Herausforderung dar. Dazu gehört auch der Umgang mit den pflegenden Angehörigen, für die wir Angebote integrieren werden. Basis für all diese Prozesse ist  die gemeinsame Arbeitsplattform für alle Dienstleister, mit der wir uns digital vernetzen.

In Phase 3 wird es um neue Ideen im Wirtschaftsraum gehen wie Challenges  und viele weitere Aspekte in der Wirtschaftsregion, die verbinden und kommunikativ sind. Auch wenn wir uns in einigen Bereichen noch bei den ersten Erfolgen befinden, geht es schon um die Schritte 2 und 3 und die Verbindung von Analogen und Digitalen Elementen.

Wir freuen uns auf die Erweiterung des Gesundheitsnetzwerkes und darauf die Erfahrungen mit anderen Kommunen zu teilen.

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