Digitalisierung der Altenpflege

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Zwar können alte Menschen nicht auf die Zuwendung des Pflegepersonals verzichten, doch die Digitalisierung der Altenpflege erleichtert ihr Leben erheblich. (Foto: Chariclo, www.fotolia.com)

Beim Krankenhausmonitor DKI und BDO wurden fast 350 Krankenhäuser und Kliniken befragt. In der Statistik liegt die Auslandsanwerbung und das Einschalten privater Arbeitsvermittler Kopf an Kopf. Allerdings werden wie in vielen anderen Branchen auch, natürlich die  Wettbewerbseinrichtungen bei der Ansprache von potentiellen Mitarbeitern mit einbezogen.

Immer wieder wird auch bei den Kongressen und Pflegekonferenzen zum asiatischen Markt in puncto Mitarbeiterstruktur und bei digitalen Tools geschaut. So erläuterten 2016 bei der jährlichen Pflegekonferenz in Berlin die Vertreter des Partnerlandes Japan, wie die Gesellschaft mit der steigenden Zahl der Demenzkranken durchaus pragmatisch umgeht. 2018 wurde das Modellprojekt des Bundeswirtschaftsministeriums mit dem vietnamesischen Arbeitsministerium erläutert, wo junge Arbeitssuchende aus Vietnam für eine Ausbildung zur Pflegefachkraft in Deutschland gewonnen werden sollen. Klar ist aber auch, nicht alle Erfahrungen und Ansätze können 1:1 auf den deutschen Markt übertragen werden. 

Eine These könnte lauten: „Digitalisierung schafft Erreichbarkeit, Prozessverbesserungen und Zeitmanagement. Eine Erleichterung, die der stark belastete Pflegemarkt dringend benötigt.“ Sie könnte auch lauten „Häusliche Pflege braucht noch mehr Lobbyarbeit; monetäre Anreize und intelligente Systeme rund um das Smarte Haus.“

Alleine zum Thema Roboter in der Pflege gibt es verschiedene Positionspapiere und die Arbeitsgruppe Ethik der Initiative D21 e.V.  widmet sich im Denkimpuls Digitale Ethik dem Einsatz von KI in der Medizin.

Häusliche Pflege

Die erhobenen Daten lassen aufmerken. 185.000 von rund 2,5 Millionen Personen, die heute Angehörige zu Hause pflegen, stehen laut Barmer Pflegereport 2018 kurz davor, diesen Dienst einzustellen. 6,6 Prozent, also 164.000 Personen, wollen nur mit mehr Hilfe weiter pflegen.

Zukunft der Pflege: selbstbestimmt und mit Robotik?

Schauen wir also einmal in die Zukunft. Vorrangiges Ziel sollte es sein, die Menschen, die gepflegt werden oder betreut werden müssen, so lange wie möglich zu Hause in Ihrer Selbstständigkeit zu lassen. Langfristiger Fokus liegt zum Beispiel auf sogenannten  „Robot-Systemen“ für ältere Menschen, die dabei helfen, länger zu Hause und selbstständig bleiben zu können.

Wer sich im häuslichen Umfeld organsiert und an digitale Helfer denkt, kommt an digitalen Tools schon länger nicht vorbei: der Staub- und Fensterputzroboter hat sich mittlerweile einen festen Platz in den Haushalten der Republik erobert. Ansätze fürs vernetzte Heim können neben dem Brand- und Einbruchschutz per App, den elektronischen Rollläden oder Lichtsystemen zum Beispiel auch Strommessgeräte sein, die bei Abweichungen Alarm schlagen, etwa wenn vergessen wurde, den Herd auszuschalten.

Diverse technische Erleichterungen haben schon Einzug in Wohnungen und Häuser gehalten, vieles befindet sich dabei noch in der Endstufe der Entwicklung.

Da bei vielen Pflegesituationen die Angehörigen weiter weg wohnen oder stark im Berufsleben eingespannt sind, geht es für den Pflegebedürftigen immer auch um die Teilhabemöglichkeit am familiären und gesellschaftlichen Leben. Optionen könnten hier sein: Live-Streaming von Stadtfesten und kommunalen Veranstaltungen, spezielle Apps für kognitiv eingeschränkte Menschen, Apps, die das Wohlbefinden pflegebedürftiger Menschen messen und Familienangehörigen  sowie den professionell Pflegenden mitteilen. (Quelle bvdw, Digitale Pflege 2017). Bei allem Respekt in puncto Pflegeroboter gibt es auch Beispiele, die gut funktionieren. So der Pflegeroboter Alice, der als Modellversuch in den Niederlanden eingesetzt wurde. Die Interaktion zwischen Mensch und Maschine funktioniert so: Der Roboter animiert die Seniorinnen, u.a. durch Abfragen des aktuellen Wetterberichts im Internet, zu einem Spaziergang. Und er ist in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit besonders liebenswürdig.

Was könnte uns aber noch den Alltag erleichtern?

Ein kleiner Überblick zeigt die verschiedenen Optionen im häuslichen Umfeld an: So können Farberkennungsgeräte auf Knopfdruck den Farbton ansagen. Sprechende Waagen helfen im Alltag in der Küche und bei der Bemessung von Porto, kleinen Portionen oder Medikamenten. Apropos Medikation:  Tropfenzähler mit akustischem Signal sind hilfreich im häuslichen Umfeld und in der Pflegeeinrichtung gleichermaßen.  Minikameras am Brillengestell lesen Texte vor und erkennen Gesichter, Smartphones mit Apps zur Vergrößerungs- und Sprachausgabe sowie verschiedene digitale Hilfen zum Vorlesen.

In der Krankenpflege zählt zunehmend Hightech am Ohr, durch die Einbindung digitaler  Sprachassistenten  Alexa, Siri und Co können verschiedene Informationen abgerufen und Interaktionen gestartet werden. Der Hausnotruf wird zunehmend zum etablierten Family-Asset –mit Bewegungsmeldern werden  die Aktivitäts- und Interaktionszeiten kontrolliert, so dass die klassischen Notknöpfe zwar noch zum Einsatz kommen, aber zunehmend durch intelligente und raumübergreifende Systeme ersetzt werden.

In der Krankenbetreuung könnte das „vernetzte Bett“ zunehmend wichtige Routinen abdecken. Beispiele dafür sind u.a. Meldesysteme bei längerer  Abwesenheit; die  Isoliermatte unter dem Bettzeug misst Atem- und Herzfrequenz mit Datentransfer ans  Smartphone und Angehörige bzw. den  Arzt oder Pflegedienst. Die Erwachsenen-Windel mit Sensor meldet Wechselbedarf. Schon jetzt wird das Smartphone in zahlreichen Bereichen genutzt und eingesetzt. So findet der direkte Transfer des gemessenen Glukose-Levels zwischen Blutdruckgerät und Smartphone statt. Zahlreiche Zusatzgeräte fürs Smartphone können für medizinische Diagnosen eingestellt werden: dazu zählen Aufzeichnung vom EKG, Blutdruckmessung, Augeninnendruck-Messung, Herzgeräusche-Kontrolle, Innenohrgeräusche, Prüfung der Lungenfunktion  u.v.m. Auch die digitale Wundversorgung kann eine Erleichterung sein, wenn zum Beispiel die entsprechende App die Bilder direkt an den Arzt sendet um weitere Diagnosen zu erhalten.

„Die positive Einstellung der älteren und pflegebedürftigen Patienten gegenüber  neuer und hilfreicher digitaler Technik kann den Alltag und die wichtige soziale Vernetzung unterstützen. Gerade als ambulanter Pflegedienst sollte man mit Geduld ein Verständnis dafür bei den Betroffenen schaffen, aber auch das Maß finden, inwieweit der Einzelne bereit ist, daran teilzunehmen. Für alle am Pflegeprozeß Beteiligten, also auch Familie, Angehörige, Ärzte und Pflegedienste kann die technische Entwicklung in Abschätzung der Individual-Situation das tägliche Leben der zu Pflegenden wesentlich unterstützen.“ so die Einschätzung von Ilkay Akman, Geschäftsführer des Credo Pflegedienstes, Wiesbaden.

Viele Krankenkassen beschäftigen sich derzeit mit dem Thema Zukunft der Pflege. So schätzt die Siemens-Betriebskrankenkasse das Thema ein: „Die Digitalisierung betrifft längst nicht mehr nur junge Menschen mit den neuesten Smartphones. Auch für Senioren kommen immer mehr Tools auf den Markt, die ihren Alltag erleichtern.“, so Inga Lührs, Fachexpertin für Prävention in der Pflege. 

Im Bereich Smart Home sorgen AAL-Systeme (Ambient Assisted Living) für ein selbstbestimmtes Leben im Alter und somit dafür eine möglichst lange Zeit im eigenen Zuhause zu verbringen. Ein Herd, der akustisch darauf aufmerksam macht, wenn er zu lange alleine gelassen wird, oder eine Heizung, die sich zu definierten Uhrzeiten an- bzw. ausschaltet, sind nur zwei Beispiele dafür. Diese Geräte lassen sich zusätzlich von einem externen Smartphone steuern, so dass pflegende Angehörige auch von außerhalb intervenieren können. Hinzu kommen auf die Zielgruppe zugeschnittene Smartphones mit extra großen Symbolen und einer einfacher Bedienung. Der Markt für digitale Produkte für diese Generation wächst rasant und immer mehr Senioren werden digital: Wir sehen, dass sich das anfängliche Misstrauen gegenüber der fortschreitenden Technik legt.  Und Robotik in der Pflege? „Während viele Menschen noch skeptisch sind, schreitet die Entwicklung in der Pflege-Robotik rasch voran. Trotzdem muss sich niemand sorgen, in Zukunft von einer Maschine gepflegt zu werden. Die Roboter sollen explizit keine Menschen ersetzen, sondern das Personal in Pflegeeinrichtungen unterstützen und entlasten.“, so Lührs. Zukünftig könnten Roboter ebenso für die Pflege in Privathaushalten denkbar sein, auch wenn der aktuelle Stand hier noch nicht so weit wie in der stationären Pflege ist. Aufgrund der vielen Vorteile für Pflegebedürftige und Angehörige dürfte die Technik aber auch in diesem Bereich bald aufholen.

Die freie Journalistin für Wirtschaft und Technologiethemen D/A/CH, Gret Beccard, hat den Gastbeitrag verfasst. 

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