Digitalisierung und Führung – Ehe unter Gleichen?

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Generalleutnant Dr.-Ing. Ansgar Rieks, Stellvertreter des Inspekteurs Luftwaffe (BS/Luftwaffe)

Die digitale Entwicklung verläuft in immer größerer Geschwindigkeit. Heute muss niemand mehr von der Bedeutung der Digitalisierung überzeugt werden, insbesondere da sie in den letzten Jahren eine breite, öffentliche Resonanz gefunden hat. Sie ist auch ein Schlüssel unseres Erfolges! Gehen Digitalisierung und Führung also eine Ehe unter Gleichen ein?

Die Luftwaffe ist bereit, alle technologischen, projektorientierten und ethischen Aspekte der Digitalisierung ebenso einzubeziehen, wie Fragen der Führung und Führungskultur. Es ist eine kennzeichnende Besonderheit der Luftwaffe, dass unsere Führungskultur vom Teamgedanken geprägt ist. “Team Luftwaffe” ist unser wichtigster Attraktivitätsanker!

Wenn nun Digitalisierung in alle Lebensbereiche Einzug hält und auch unseren militärischen Alltag durchdringt, müssen wir die Zusammenhänge von Führung und Digitalisierung analysieren, verstehen und die Fülle der sich bietenden Chancen zu nutzen verstehen.

Führungspersonal – Führungsmittel – Führungskultur

‘Digitalisierung prägt Führung’ kann anhand der Felder Führungspersonal, -mittel und -kultur verdeutlicht werden.

1. Militärische Verantwortungsträger und Führungspersönlichkeiten zeichnen sich durch unterschiedliche Kompetenzen aus. Neben Fachkompetenz, einer Persönlichkeit sowie Sozial- und Entscheidungskompetenz bedarf es einer Erweiterung des Spektrums um den Aspekt der Digitalisierung. Wichtig ist hierbei, dass wir die militärische Führungspersönlichkeit nicht durch einen ‘Digitalisierer’, wie wir ihn häufig als “Nerd” bezeichnen, ersetzen wollen, sondern auch weiterhin einen Vorgesetzten mit Charisma suchen, der den Dialog mit seinen Soldatinnen und Soldaten sucht, diese als Vorbild anführt und Vertrauen schafft. Als zusätzliche Anforderung weiß er jedoch auch um die Möglichkeiten der IT und kann diese gewinnbringend integrieren. Eine ideale Führungspersönlichkeit ist auch ein ‘Digitalisierer’. Das gilt übrigens im besten Fall auch umgekehrt.

2. Wenn wir die Führungsmittel, die uns seit Jahren begleiten, wie Sprache und Daten und deren Übertragung betrachten, werden die Einflüsse der Digitalisierung noch deutlicher.  Digitale Führungsmittel haben sich zu einer Normalität weiterentwickelt. Für junge Soldatinnen und Soldaten sind Messanger Dienste, Groupware oder andere Formen der digitalen Kommunikation und Information nicht mehr wegzudenken. Es wäre für sie äußerst befremdlich, würden wir sie als Führungsmittel nicht nutzen.

3. Entscheidender Dreh- und Angelpunkt ist daher unsere Führungskultur. Diese ist auf der persönlichen Basis geprägt von den Grundsätzen “guter Führung”, von dem Führen mit Auftrag sowie dem Teamgedanken. Wir bauen hierbei auf Vertrauen und der klaren Zuordnung von Aufgaben und Befugnissen, um die Selbstverantwortung und Eigeninitiative zu stärken. Wenn heute in Management-Theorien über “partizipative Führung” gesprochen wird, so findet sich dieser Gedanke bereits bei Moltke, der zutreffend formulierte, dass “wo die Unterführer auf Befehle warten, die Gunst der Stunde niemals ausgenutzt wird”. Das verändert Digitalisierung nicht! Allerdings müssen wir Führung in unserer digitalisierten Welt neu ausdifferenzieren (und uns dann auch daran auf allen Ebenen halten.)

Bei der Einsicht, dass Digitalisierung unsere Führungskultur verändert, besteht manchmal die Sorge, dass Digitalisierung Führung zum Schlechten verändert, weil…

  • Verantwortung nicht mehr unteilbar ist;
  • fehlende Entscheidungsautonomie und unmittelbare Eingriffsmöglichkeiten eigenverantwortliches Handeln reduzieren;
  • Mitarbeiter digital schwerer zu führen sind und sich der Zusammenhalt des Teams reduziert;
  • sich das Lagebild durch die enorme Menge der Informationen auch verschlechtern kann.

Es gilt, Digitalisierung ebenso positiv anzunehmen wie aktiv zu prägen.

Wo immer Digitalisierung den Menschen völlig herausnimmt, ethisch unvertretbare Wege geht, ein unverhältnismäßiges Meldewesen hervorruft und die Motivation und Wertschätzung unserer Mitarbeiter bedroht, müssen wir klare Grenzen ziehen.

Aber wir sollten auch die unabweisbaren Vorteile nutzen. Diese sind:

  • eine verbesserte Informationslage auf allen Ebenen;
  • Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen können zusammenwirken;
  • Kompetenzen und Interessen anderer können besser einbezogen werden;
  • Standard- und Adminaufgaben werden automatisiert und es bleibt mehr Zeit zum “Denken”.

Und dann verändert Digitalisierung eindeutig Führung zum Guten!

Führung ist für uns mit dem Anspruch verbunden, zu prägen und unserem zielgerichteten Entschluss Geltung zu verschaffen. Zukünftig wird sie durch ein umfassendes digitales Informationsmanagement ergänzt sein.

Digitalisierung und Führung werden niemals gleich, aber wie in einer Ehe aufeinander bezogen sein. Für unsere nachfolgende Generation von Soldatinnen und Soldaten ist die Hochzeit nicht nur beschlossene Sache, sondern die Ehe ist schon vollzogen!

Generalleutnant Dr.-Ing. Ansgar Rieks, Stellvertreter des Inspekteurs Luftwaffe, hat den Gastbeitrag verfasst.

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