Souverän digitalisieren

0
1343
Matthias Kammer, Senatsdirektor a. D. plädiert für mehr Ausrichtung an deutschen und europäischen IT-Partnern. (Foto: BS/Stiebel)

“Funktionsfähige IT-Systeme zu betreiben, ist heute eine zentrale Staatsaufgabe und Teil der Daseinsvorsorge”, so Matthias Kammer, Senatsdirektor a. D. “Ein Staat, der seine Kommunikationssysteme und die sensiblen Daten seiner Bürger nicht schützen kann, ist eigentlich nicht souverän.” Gewährleistet ist dieser Schutz nicht. Das zeigen aktuelle Diskussionen um mögliche Hintertüren in Huawei-Netztechnik. Der chinesische Hersteller sei aber nur “pars pro toto” in der Diskussion, stellt Kammer klar. Auch Produkte von Unternehmen aus verbündeten Staaten seien zu hinterfragen. “Für den Staat muss nachvollziehbar sein, was die Technik tut. Die IT-Infrastruktur muss nachprüfbar sicher sein.”

Zwar sei klar, dass es für viele Produkte keine Alternativen gebe. “Aber da, wo es geht, sollten wir uns durchaus mehr auf deutsche und europäische Lösungen ausrichten”, so Kammers Empfehlung auf einem Politischen Frühstück des Behörden Spiegel im Berliner Hotel Adlon. Wenn Kommunen Paypal für die Bezahlung von Knöllchen zuließen, käme dies einer Bankrotterklärung des Staates gleich. “Die Verwaltung muss sich insgesamt stärker professionalisieren”, fordert Kammer. “Sie muss Kompetenzen aufbauen, um mehr IT selbst betreiben und Technologie insgesamt besser beurteilen und die Rahmenbedingungen mitgestalten zu können.”

Mithalten und mitreden

Wie groß die Herausforderungen sind, macht Botschafter Dr. Hinrich Thölken, Sonderbeauftragter für internationale Digitalisierungspolitik und digitale Transformation im Auswärtigen Amt (AA), klar. Deutschland und Europa stünden zwischen zwei technologischen Sphären, die weitgehend die Geschicke lenkten. Auf der einen Seite die USA, in denen das Motto zugespitzt lautete: Machen, was technisch möglich ist. Auf der anderen Seite China, wo die Industrie weitgehend staatlich gesteuert und gefördert werde. “Uns steht hier ein großes Experiment bevor”, so Thölken. “Unser Wohlstand beruht bisher zum großen Teil auf Produktion. Wir sehen aber, dass digitale Plattformen eine immer größere Rolle in der Wertschöpfung spielen.” Geschäftsmodelle müssten sich hier stark wandeln. Gute Ansätze sehe man in der Industrie 4.0.

Der Sonderbeauftragte im Auswärtigem Amt, Dr. Hinrich Thölken, sieht in der Digitalisierungsfähigkeit einen entscheidenden Faktor für die internationale Wahrnehmung Deutschlands. (Foto: BS/Stiebel)

Um mithalten zu können, müssen aber auch die Rahmenbedingungen stimmen. Und die werden wesentlich auch durch Staat und Verwaltung gestaltet. Andere seien da deutlich schneller, räumt Thölken ein. “Kleine Länder wie Dänemark auf der einen und Autokratien auf der anderen Seite profitieren von kürzeren Entscheidungswegen und zentraleren Strukturen.” Mehr Tempo erfordere in Deutschland höhere Anstrengungen.

Das Auswärtige Amt befasse sich auch intern stark mit der Digitalisierung, so der Botschafter. Derzeit werde an einer Strategie für die nächsten Jahre gearbeitet. Dabei gehe es nicht nur darum, neue Technologien wie KI einzuführen, obwohl auch damit bereits im AA gearbeitet wird. Wichtig sei es vor allem, sich agil und flexibel aufzustellen, um im technischen Wandel besser zu bestehen und auch für junge, talentierte Kräfte als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. “Wir müssen die Digitalisierung nach innen leben, um auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten nach außen als seriöser Akteur und Mitgestalter wahrgenommen zu werden”, erklärt Thölken.

Die Vorstellung, dass Digitalisierung vor allem von den Technikern forciert werde, sei ein Irrtum. “IT-Abteilungen sind oftmals sehr zurückhaltend, was neue, disruptive Lösungen und Methoden angeht.” Vielmehr bestehe oft die Tendenz, funktionierende Modelle und Systeme so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Thölken: “Digitalisierung braucht immer einer Strategie und muss von Entscheidern zielgerichtet vorangetrieben werden.”

Digitalisieren heißt Standardisieren

Dem stimmt auch Swen Tintelott vom bundeseigenen IT-Dienstleister ITZBund zu: “Digitalisierung heißt weit mehr als die Einführung neuer Technologie in die Verwaltung.” Es müsse vor allem um Optimierung und Standardisierung von Prozessen gehen. Hier habe es in der Vergangenheit noch zu wenig Fortschritte gegeben. Das allgegenwärtige Thema Digitalisierung treibe die Ressorts auf Bundesebene aber zu mehr Zusammenarbeit. Als Leiter der Abteilung VI “PVS Bund” beim ITZBund verantwortet Tintelott ein großes Standardisierungsprojekt im Rahmen der IT-Konsolidierung. Das Personalverwaltungssystem PVSplus, das auf der früheren Lösung des Finanzministeriums basiert, soll für weite Teile der Bundesverwaltung ausgerollt werden. Im Einsatz ist es unter anderem schon im Auswärtigem Amt und bei der Bundeszollverwaltung.

Begonnen habe man im Bundesverwaltungsamt (BVA), dass Personaldienstleistungen für andere Behörden übernimmt. So konnte ein große Ablösungswelle ausgelöst werden. Um den Wechsel auch für folgende Kunden zu erleichtern und die Akzeptanz zu steigen, habe das ITZBund mit dem BVA Prozessmodelle zur Einführung sowie Mapping-Dienste zur Datenübertragung aus vorherigen Systemen entwickelt, so Tintelott. Wie der Abteilungsleiter berichtet, seien gerade im Zusammenhang mit Standardisierungs- und Zentralisierungsprojekten Ängste der Beschäftigten eine ernstzunehmende Herausforderung. “Die Mitarbeiter in den IT-Abteilungen fragen sich, was mit ihren Arbeitsplätzen passieren wird.” Hier versichert Tintelott, dass die Arbeit zumindest nicht weniger werde. “Mit der Digitalisierung entstehen ganz neue Rollen und Funktionen, wie die des Architekturmanagers, die durch Beschäftigte in den einzelnen Behörden wahrgenommen werden müssen.”

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here