Cyber-Sicherheit: Kernkompetenz der Streitkräfte?

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Fordert ein ressortgemeinsames Lagebild zur Cyber-Bedrohungslage: Dr. Peter Tauber, Parlamentarischer Staatssekretär im BMVg. (Foto: BS/Stiebel)

Staat und Industrie und damit die gesamte Daseinsvorsorge sind längst abhängig vom Funktionieren vernetzter IT-Systeme. Gleichzeitig etabliert sich der Cyber-Raum immer mehr als Aktionsraum für Kriminelle, aber auch staatliche Angreifer. “Die nächsten großen Konflikte werden vielleicht nicht mehr nur mit Panzern, sondern weitgehend im Digitalen ausgetragen”, spitzt es Dr. Peter Tauber, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin der Verteidigung, zu. Ob Deutschland darauf vorbereitet ist, lässt sich durchaus hinterfragen. Schließlich sind staatliche IT-Systeme und Kritische Infrastrukturen in den letzten Jahren mehrfach erfolgreich angegriffen worden.

Die Bundeswehr ist für die Cyber-Verteidigung im engeren Sinne zuständig. Im Kern liegt dabei der Schutz der eigenen IT-Systeme. Das umfasse auch Fahrzeuge und Waffensysteme. Dabei handele es sich um nichts anderes, als “fahrende oder fliegende IT-Systeme”, so Tauber bei einem Parlamentarischen Frühstück des Behörden Spiegel in Berlin. Um sich gegen Cyber-Bedrohungen resilient aufzustellen, müsse der Blick aber noch weiter gefasst werden. “Wir brauchen ein klares, gemeinsames Lagebild über alle Ressorts hinweg.” Auch international müsse noch besser zusammengearbeitet werden, forderte der Staatssekretär. Die jährliche NATO-Übung zur Cyber-Verteidigung “Locked Shields” sei einer von vielen Anknüpfungspunkten dafür.

Letztlich will Tauber die Frage, wie es um die Cyber-Resilienz Deutschlands bestellt ist, von der technischen Dimension lösen. Es müsse vielmehr darum gehen, unsere Werte und Prinzipien, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, auch im Digitalen gegen alle Angriffe zu verteidigen. Dem schloss sich auch Lars Kroll, Cyber Security Strategist bei Symantec Deutschland, an. Während Digitalisierung und Informationssicherheit in der Wirtschaft als Erfolgsfaktoren für Geschäftsmodelle verstanden würden, stehe bei der Bundeswehr mehr auf dem Spiel. “Cyber Security muss eine Kernkompetenz der Streitkräfte sein, denn es geht dort nicht nur um Aktienkurse, sondern um die Landeverteidigung und um Leben und Tod.” Das Problem: Die Gegenseite, also Militär sowie teils staatlich unterstützte Hackergruppierungen, hätten die Digitalisierung und den Aufbau von Cyber-Kompetenzen schon früher und deutlich schneller vorangetrieben, als es in Deutschland der Fall gewesen sei.

Heterogene Strukturen bremsen

Der Kompetenzaufbau ist aber nicht die einzige Herausforderung. IT-Sicherheit ist bei einer so großen, komplexen Organisation wie der Bundeswehr naturgemäß eine gewaltige Aufgabe. Historisch gewachsene IT-Strukturen bergen ihre Tücken beim Sicherheitsmanagement. Dazu kämen, so Kroll, teils “unfassbar lange Projektlaufzeiten” bei militärischem Gerät. So seien Tornado-Jets schon seit den 70ern im Einsatz. Hier setzte Mathias Nöhl vom Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie an. Bei der Rüstungsbeschaffung müsse mehr auf Plattformen gesetzt werden. “Ein modernes Artillerie-System integriert heute alles vom Radar über Sensorsysteme, den kompletten Datenaustausch bis hin zur Haubitze als eigentliches Wirksystem”, so Nöhl. Katar habe beispielsweise eine Komplettlösung aus Panzern, Führungssystemen und einem hochmodernen Simulationszentrum als vernetzte Plattformlösung beschafft und in wenigen Jahren ausgerollt.

Die Teilnehmer des Parlamentarischen Frühstück des Behörden Spiegel diskutierten über Herausforderungen bei der Beschaffung angesichts unterschiedlicher Innovationszyklen bei militärischem Gerät und digitalen Technologien. (Foto: BS/Stiebel)

In Deutschland sei soviel Agilität aufgrund der heterogenen IT-Landschaft kaum möglich, allein die Neuausstattung mit Funkgeräten im Rahmen von MoTaKo (Mobile Taktische Kommunikation) dauere ewig, kritisierte Nöhl. Dem entgegnete Generalleutnant Ludwig Leinhos, Inspekteur Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr, der Vergleich mit Projekten in Katar sei nicht zielführend. Man habe dort am “grünen Tisch” planen können. Aufgrund der deutlich längeren Innovationszyklen bei Fahrzeugen und Waffen im Vergleich zu Informationstechnik, würden auch dort in den nächsten Jahren vergleichbare Herausforderungen bei der Beschaffung entstehen.

Wie disruptiv digitale Technologien tatsächlich sein können, sehe man gut am Beispiel der Künstlichen Intelligenz, wie Nöhl fortfuhr. Diese werde die Streitkräfte als eine zentrale Technologie stark verändern. “Die Systeme sammeln und korrelieren Daten, ziehen intelligente Schlussfolgerungen und unterstützen damit die Entscheidungsfindung.” Die Möglichkeiten für die Lageanalyse und Führung auf dem “digitalen Gefechtsfeld” werden längst ausgelotet. Zwar sei dabei klar, dass für die Bundeswehr keine autonom agierenden Waffen in Frage kämen. Jedoch müsse man sich auch mit diesem Aspekt auseinandersetzen, um brauchbare Antworten zu haben, wenn andere Staaten solche Systeme einsetzen. Denn: “Der Technologiewandel wird immer dann zur Bedrohung, wenn wir ihm nur tatenlos zusehen”, schloss Nöhl.

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