BOS versus Kritische Infrastrukturen

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Im 450-MHz-Funkspektrum werden in Kürze kleine Frequenzspektren vergeben. Hier existieren Interessenskonflikte. (Foto: Shinonome Productions, https://stock.adobe.com/de/ )

Nach dem absehbaren Ende der aktuellen 5G-Auktion um Frequenzen in den Bereichen zwei GHz und 3,4 GHz bis 3,7 GHz steht nun in Kürze die Vergabe eines Minispektrums im 450-MHz-Bereich an. Ging es bei der 5G-Auktion um 41 Frequenzblöcke und ein -spektrum von 420 MHz, so stehen im 450-MHz-Bereich ab dem 1. Januar 2021 gerade mal 2 x 4,74 MHz zur Zuteilung an.

Die Nutzungsrechte für das 450-MHz-Spektrum liegen bis zum 31.12.2020 noch bei der Deutschen Telekom und der 450connect GmbH, einer Tochtergesellschaft des niederländischen Energie- und Telekommunikationsbetreibers Alliander. Die Frequenzbereiche 451,00 MHz bis 455,74 MHz und 461,00 bis 465,74 MHz sind aktuell in drei Zuteilungen von jeweils 2 x 1,25 MHz (gepaart) aufgeteilt. Davon entfällt ein Paar auf die Deutsche Telekom und zwei Paare entfallen auf 450connect. Die Deutsche Telekom, die ihre Zuteilung bis 2015 zur Anbindung der WLAN-Hotspots in den ICE-Zügen der Deutschen Bahn an das Internet nutzte, hat keinen Bedarf mehr an diesem Spektrum angemeldet. Bedarf bekundet hat dagegen die 450connect GmbH, die mit ihrer Zuteilung bereits regionale Funknetze in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen betreibt und seit Jahren in Kooperation mit Energieversorgern sukzessive ein überregionales Funknetz zur Steuerung der Stromnetze sowie zu deren schneller Wiederherstellung nach Stromausfällen aufbaut.

Im Mittelpunkt der Nutzung des Funkspektrums stehen die Gewährleistung der Stabilität der Netze auf der regionalen Verteilebene etwa durch Messung der Stromeinspeisung durch die Vielzahl dezentraler Solar- und Windkraftanlagen und die Möglichkeit der Notfallkommunikation im Falle eines Blackouts der Stromversorgung zum Beispiel durch Cyber-Attacken. Wegen der hohen Bedeutung einer sicheren Energieversorgung setzen sich der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e. V. (BDEW) in Kooperation mit dem Verband kommunaler Unternehmen e. V. (VKU) und auch der Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. (VDE) dafür ein, dass die von der Bundesnetzagentur (BNetzA) vorgeschlagene Nutzung der 450-MHz-Frequenz für die Zwecke der Kritischen Infrastrukturen (KRITIS) mit Schwerpunkt für die Energie- und Wasserwirtschaft nun auch umgesetzt wird. Die 450connect GmbH will das Netz nach erneuter Zuteilung der Frequenznutzungsrechte ab 2021 zügig zu einer nationalen Funknetzplattform für Energieversorger und andere KRITIS ausbauen. Diesem Vorhaben, einem Kooperationsmodell, haben sich zahlreiche Unternehmen der Energiewirtschaft angeschlossen, auch um damit der Energiewende zum Durchbruch zu verhelfen.

Arbeitsgemeinschaft soll Gutachten erstellen

In Konkurrenz dazu steht die Bedarfsanmeldung der Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Sie beansprucht das 450-MHz-Frequenzspektrum für den Aufbau eines breitbandigen (Daten-) Funknetzes für die BOS und die Bundeswehr in Ergänzung zum bestehenden Digitalfunknetz, das fast ausschließlich der Sprachkommunikation dient. Um eine Lösung der divergierenden Interessenslagen ringen auf der ministeriellen Ebene seither Bundesverkehrs-, Bundeswirtschafts-, Bundesinnen- und Bundesverteidigungsministerium.

Um eine fundierte und fachlich begründete Entscheidung treffen zu können, ist auf der Basis einer interministeriellen Abstimmung die aus der WIK-Consult GmbH und P3 communications GmbH bestehende Arbeitsgemeinschaft mit der Erstellung eines Gutachtens beauftragt worden. Das in drei Arbeitspakete gegliederte Gutachten, das eine faktenbezogene fachliche Gesamtdarstellung über die künftige Verwendung der im 450-MHz-Bereich frei werdenden Frequenzen liefern und als Entscheidungsgrundlage für die Vergabe dienen soll, wird für Ende Mai erwartet.


Hohe Flächenabdeckung möglich

Das Interesse an einer Nutzung des 450-MHz-Frequenzspek­trums stützt sich im Wesentlichen auf wirtschaftliche Überlegungen. Aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften ermöglicht das Frequenzspektrum eine hohe Flächenabdeckung und Gebäudedurchdringung bei einer deutlich geringeren Anzahl von Funkstandorten im Vergleich mit Spektren in höheren Bandlagen. Die damit einhergehenden geringeren Investitions- und Betriebskosten erleichtern den Aufbau und Betrieb eines flächendeckenden bundesweiten Funknetzes.


Das 450-MHz-Spektrum ist inzwischen für verschiedene 3GPP-Technologien wie zum Beispiel auch CDMA und LTE standardisiert und damit auch für Anwendungen auf der Basis von deren Nachfolgetechnologien ausgelegt. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass Anwendungen mit hohen Datenraten wie zum Beispiel Videoübertragungen aufgrund der langwelligen Frequenzen, des geringen zur Zuteilung anstehenden Frequenzspektrums (2 x 4,75 MHz) und der erforderlichen Antennentechnologie (2 x 2 MIMO) nicht möglich sind.


Spektrum für Energiewirtschaft geeignet

Der vergleichsweise geringe Bedarf der Energiewirtschaft an Spektrum – übermittelt werden zumeist kleinere Daten- und Kommunikationspakete – und die physikalischen Ausbreitungsbedingungen des 450-MHz-Bereiches unterstreichen die Eignung dieses Frequenzspektrums für die Energiewirtschaft und für Kritische Infrastrukturen. Bei den BOS besteht ein Bedarf von mindestens 2 x 15 MHz zur Erfüllung ihrer über die Sprachkommunikation hinausgehenden Breitbandkommunikation. Dieser Bedarf ist durch mehrere Studien belegt. Die bisherige Zuteilung von lediglich 2 x 8 MHz im 700-MHz-Band im Rahmen der Digitalen Dividende II, bei der insgesamt ein Spektrum von 270 MHz zur Versteigerung kam, verdeutlicht den Stellenwert des Themas “Sicherheit” in der politischen Realität.


Wenn es darauf ankommt, zeigt sich: Kommerz hat Vorrang. Dass sich die BDBOS nun überhaupt für das im 450-MHz-Bereich zur Zuteilung anstehende Minimalspektrum von 2 x 4,74 MHz ins Zeug legt, wohlwissend, dass sich dieses Spektrum aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften nicht für alle der erforderlichen breitbandigen Anwendungen eignet, ist kein Schritt der Vernunft, sondern eine Interessenplatzierung, nämlich aus der Befürchtung heraus, dass den Interessen der BOS auch in der Zukunft nicht entsprechend Rechnung getragen wird. Einige Vertreter der Polizei in den Ländern stehen dem Vorgehen distanziert gegenüber.

Eine Nutzung des gegebenenfalls den BOS zugeteilten Spektrums im 450-MHz-Bereich für Sprach- und Messenger-Dienste – wie neuerdings zu hören ist – wird nicht überall für erforderlich gehalten.

Viel läuft über Kommerzielle

Nahezu alle Länderpolizeien wickeln ihre inzwischen vielfältigen breitbandigen Kommunikationslösungen über die Netze der kommerziellen Mobilfunkbetreiber ab. Für die tatsächliche Mission-critical-Kommunikation präferieren die Länder eine alsbaldige Nutzung der zugeteilten 2 x 8 MHz im 700-MHz-Bereich. Die über 4.600 Standorte des BOS-Digitalfunknetzes bieten nicht nur eine 99,2-prozentige Netzabdeckung des Bundesgebietes für die Sprachkommunikation, sondern auch eine gute Voraussetzung für eine zügige Implementierung und Nutzung von LTE für die Breitbandversorgung der BOS.

In Ländern, die schon heute Probleme haben, die anstehende Finanzierung der Modernisierung des TETRA-Netzes sicherzustellen, kursiert auch die Vorstellung, als Startlösung zunächst einen kommerziellen Mobilfunkbetreiber mit dem Netzbetrieb des den BOS zugewiesenen 2-x-8-MHz-Spektrums im 700-MHz-Bereich zu beauftragen und den Aufbau eines dezidierten Breitbandnetzes sukzessive nach Verfügbarkeit der Mittel vorzunehmen. Unbeschadet davon könnte die BDBOS den über die zugeteilten 2 x 8 MHz im 700-MHz-Bereich hinausgehenden Bedarf der BOS an Spektrum vom Bundesverkehrsministerium vehement einfordern. Dabei, so Länderexperten, sollte der Fokus auf Frequenzen im angrenzenden 600-MHz-Bereich liegen. Nicht zu vergessen ist aber auch, dass die Finanzierung all der anstehenden Vorhaben noch sicherzustellen ist und dies erfahrungsgemäß eine gehörige Zeit in Anspruch nehmen wird.

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