Die unbeachteten, natürlichen Beschützer

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So wie auf dem Bild sieht die deutsche Moorlandschaft nicht aus. Die überwiegende Mehrheit ist entwässert und wird landwirtschaftlich genutzt. Dabei haben wiedervernässte Moore viele positive Auswirkungen. (Foto: Foto-stuemper.de, https://stock.adobe.com/de/ )

Wiedervernässte Moore bieten mehr als das klischeebehaftete Sumpfleichen-Potenzial. Genauso wie Auenlandschaften mindern sie die Gefahren durch Hochwasser. Zudem entlasten sie die Böden, sind gut für das Klima und robuster gegen Brände. Aber der Großteil der deutschen Moore ist entwässert und wird landwirtschaftlich genutzt. Modellkommunen und die Wissenschaft zeigen, wie die Reaktivierung vorangetrieben werden kann.

“Als Kommune mit anspruchsvollen Klimaschutzzielen sind auch die Treibhausgas-Emissionen aus den Zerfallsprozessen der Torfböden mit zu betrachten. Eine Wiedervernässung und die damit verbundene Renaturierung der Moore beenden die Zerfallsprozesse, im Idealfall kommt es zur Torfneubildung und damit zur dauerhaften CO2-Einlagerung”, erläutert der Greifswalder Oberbürgermeister Dr. Stefan Fassbinder (Bündnis 90/Die Grünen).

Greifswald will entsprechend dem vom Bundesumweltministerium geförderten Konzept “Masterplan 100 Prozent Klimaschutz” bis zum Jahr 2050 nahezu klimaneutral sein. Allein durch die Zersetzungsprozesse seien circa 30 Prozent der Treibhausgasemissionen in Mecklenburg-Vorpommern auf die trockengelegten Moorflächen zurückzuführen, da neben Kohlenstoff auch große Mengen Methan emittiert würden.

Der niedersächsische Landkreis Diepholz wiederum führt seit über 30 Jahren Moorentwicklungsprojekte durch. “Früher in erster Linie aus Gründen des Lebensraumschutzes, heute auch als Komponente des Klimaschutzes”, erläutert Detlef Tänzer, Fachdienstleitung für Kreisentwicklung. Aktuell ist der Landkreis an mehreren Moorprojekten federführend oder finanziell beteilig, wie “OptiMoor”, “Klimatools” oder “Moorland”.

Hochwasserschutz und Qualität

Doch nicht nur das Klima profitiere von der Wiedervernässung: In den Flächen werde Wasser zurückgehalten, was sowohl in Hochwassersituationen wie auch in längeren Trockenperioden für den regionalen Wasserhaushalt von Vorteil sei. “Das Wasser wird in den Torfflächen gefiltert und durch den Pflanzenwuchs werden ihm Nährstoffe entzogen, was die Qualität des in die Flüsse fließenden Wassers erhöht und Nitrateinträge in das Grundwasser verringert”, zeigt Fassbinder einen weiteren Vorteil auf.

Auch Auenlandschaften tragen zum Hochwasserschutz bei. So arbeitet etwa die Stadt Marburg an der Revitalisierung dieser Landschaften, weil Eindeichungen und Uferbefestigungen “aus heutiger Sicht weder nachhaltig noch auenerhaltend waren”, erläutert Patricia Grähling von der Stadtverwaltung. Insgesamt würden die kleinen und großen Maßnahmen schon viele Erfolge zeigen: Die Stadt Marburg habe Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wie den Biber oder teils bedrohte Fischarten neu geschaffen, den Retentionsraum vergrößert, das Landschaftsbild aufgewertet und kleinklimatische Verbesserungen erreicht.

Wissenschaftlich begleitet

Doch während die Renaturierung von Auen verhältnismäßig einfach ist, so ist der Aufwand bei Mooren deutlich höher. “98 Prozent sind in Deutschland entwässert. Sie werden meist landwirtschaftlich genutzt und sind als Moor meist gar nicht mehr erkennbar. Vor allem in Gebieten, die sowieso mit wenig Niederschlag konfrontiert sind, fließt das Wasser direkt aus der Landschaft. Um diesen Zustand zu ändern, müssten die Entwässerungssysteme, z. B. Gräben, rückgebaut werden”, erläutert Susanne Abel, Projektkoordinatorin vom Deutschen Moorschutzdialog des Greifswald Moor Centrums (GMC). Zudem verlieren entwässerte Moorböden kontinuierlich an Höhe. Dies sind ein bis zwei Zentimeter pro Jahr.

Greifswald selbst arbeitet momentan an Machbarkeitsstudien für die potenziellen Flächen im Stadtgebiet und deren Umland, wobei auch die benachbarten Flächeneigentümer tiefer gehend mitgeprüft würden. Grundsätzlich sei geplant, die Flächen weiterhin landwirtschaftlich zu nutzen.

Auch der Landkreis Diepholz hat ein Fachzentrum Moor und Klima mit aufgebaut und es fachlich und finanziell unterstützt. “Weiterhin betreiben wir ein Ankaufprogramm für Moorflächen und haben, im Zusammenhang mit der Stiftung Naturschutz im Landkreis Diepholz, erfolgreich Fördergelder für den Kauf von Moorflächen in der Größenordnung von über fünf Mio. Euro über die Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz (GAK) bewirkt”, erläutert Tänzer.

Aber um die Wiedervernässung der Moore voranzutreiben, müsste dieses Ziel sich mit klaren Vorgaben in den Strategieplänen der Bundesregierung wiederfinden.

Förderprogramme und Überzeugungsarbeit

Es bräuchte ebenso Förderprogramme, um die Landwirte bei der Einführung zur nassen Nutzung zu unterstützen, sagt Abel. Zudem müssten diese vorab schrittweise an die Vorteile der Wiedervernässung herangeführt werden, weil dies Risikobereitschaft und Innovationsfreudigkeit voraussetze. Dabei betont die Projektkoordinatorin: “Die Wiedervernässung ist nicht teuer, wenn sie mit anderen Klimaschutzmaßnahmen verglichen wird.” So koste die Einsparung von einer Tonne CO2 rund zehn bis 15 Euro, wenn der Landerwerb außen vor gelassen werde. Bei der Erzeugung von Biogas auf Maisbasis hingegen würden 267 bis 378 Euro fällig, hat Achim Schäfer, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Greifswald, herausgearbeitet.

Um die Flächen zu gewinnen, könnten die Kommunen für Landwirte ansprechende Gebiete gegen deren Moorflächen eintauschen. Ebenso könnte bei der Neuvergabe von Pachtflächen in besonders sensiblen Gebieten die nasse Nutzung vorgeschrieben werden. “Jedoch wird in den Verwaltungen deutlich: Es bräuchte mehr Personalkapazitäten, weil Moore viele Bereiche wie Naturschutz, Bau- und Raumplanung und Haushalt berühren”, zeigt Abel das personelle Problem auf. Sie betont außerdem, dass in Gebieten mit hohem Mooranteil Widervernässung eine große Veränderung der Landschaft und Landnutzung nach sich ziehe.

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