Projektbüros statt Einzelzimmer

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Die öffentliche Hand kann viel in Sachen Raumgestaltung unternehmen. Ob am Ende Besprechungsräume mit Wohnzimmerflair, wie hier in einem Verwaltungsgebäude einer Filmgesellschaft, eingerichtet werden, muss am Ende jede Kommune oder Behörde für sich entscheiden. (Foto: Lepel & Lepel)

Ein Blick auf die Inneneinrichtung von Unternehmen zeigt: Statt zahlreicher kleiner Büroeinheiten gibt es große, meist lichtdurchflutete Räume. Neben Schreibtischen existiert eine Vielzahl von anderen Sitzgelegenheiten, die manch einer eher im Wohnzimmer verorten würde. Sport- und Spielgeräte wie Tischkicker, Flipper, Poolbillard oder eine Tischtennisplatte runden das Bild ab, vereinzelt sind sogar schon Bars mit Cocktail-Angebot am Arbeitsplatz zu finden. Und die öffentliche Verwaltung? Muss sie diesen Trend mitmachen? Und kann sie das auch?

“Für große Firmen ist die Büro­gestaltung zu einer Art Visitenkarte geworden. Sie sollen offene Strukturen und flache Hierarchien verdeutlichen”, sagt Ingo Haerlin, Büroinhaber des Büros Design-in-Architektur in Darmstadt. Da Freizeit gerade bei den jüngeren Generationen eine immense Bedeutung habe, rücke diese bei der Bürogestaltung in den Fokus, um gerade junge Menschen anzulocken. In der öffentlichen Verwaltung sei der Wunsch nach einem eigenen, individuellen Büro hingegen sehr hoch ausgeprägt und die damit verbundene individuelle Gestaltung. Das sei mit einer Multi-Space-Strategie nicht zu vereinbaren, so das Mitglied im Bund deutscher Innenarchitekten (bdia).

Tisch und Papiermenge ist entscheidend

Für ihn ist der Trend zu offenen Bereichen übertrieben und in einigen Bereichen auch nicht realisierbar. Selbst aus dem Sillicon Valley, der Quelle neuer Ideen für die Arbeit von morgen, gebe es gerüchteweise wieder Tendenzen, dass Multi-Space-Büros durch kleinere Zellenstrukturen ergänzt werden. Gerade in Behörden, in denen viele vertrauliche Gespräche mit Einwohnern, Antragstellern bzw. Kunden geführt würden und auch der Datenschutz äußerst relevant sei, müsse es die dafür notwendigen Räumlichkeiten geben. “Entscheidend für die Verwaltungsarbeit ist nach wie vor der Tisch” so Haerlin. Dem entgegnet Monika Lepel, Inhaberin des Architekturbüros Lepel & Lepel: “Natürlich kann die öffentliche Verwaltung bei der Raumgestaltung viel unternehmen. Sie wird den Trend aufgreifen, weil sie es muss.” Damit meint die Innenarchitektin nicht die Anschaffung von Sport- und Freizeitgeräten oder einer Räumlichkeit für eine Happy Hour. Sondern sie stellt auf die veränderten Arbeitsprozesse durch die Digitalisierung ab. “Die Form der Arbeit wird sich nach der Menge des Papiers entscheiden”, ist Lepel überzeugt. Die typische Sachbearbeitung werde reduziert, stattdessen werde sich die Art der Aufgabenstellung ändern, die Projektarbeit weiter zunehmen. Und: Die Arbeit müsse nicht mehr dort angesiedelt sein, wo die Akten liegen. Schließlich habe jeder Mitarbeiter digital von jedem Ort Zugriff auf diese. Dass müsse sich auch in den Arbeitsorten widerspiegeln. Diese Ansicht teilt Alexander Handschuh, Sprecher des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB). Die Verwaltung befinde sich im Wandel von einer funktionsorientierten hin zu einer fallorientierten Struktur. Dies müsse sich auch in den Arbeitsorten widerspiegeln.

Drei Raumkonzepte für kreativen Workflow

Es müsse eine Antwort auf die zentrale Frage gefunden werden, so Lepel, wie die Beschäftigten in einen kreativen Workflow kämen. Dazu gebe es, je nach Typ und Aufgabe, drei Arten von Raumkonzepten. Das erste sei die Wohnküche, die durch eine entspannte, legere Atmosphäre gekennzeichnet sei und den Dialog fördere. Das zweite Konzept überschreibt die Innenarchitektin mit den Begriffen “Werkstatt” bzw. “Garage”: Hier seien alle notwendigen Arbeitsmittel vorhanden, um gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, wie Flipcharts, Whiteboards etc. Die dritte Variante sei hingegen eine Bibliothek oder Denkerzelle, in der ein ruhiges, konzentriertes Arbeiten möglich sei. Dabei muss es sich keineswegs um ein Einzelbüro handeln, der Raum könne auch die Form eines Lesesaals einer Universitätsbibliothek haben, mit mehreren verteilten Arbeitsplätzen.

“Überhaupt sind Einzelbüros vor allem ein Statussymbol, Zweierbüros sogar die Höchststrafe für einen Mitarbeiter”, sagt Lepel. Gerade in einem Zweierbüro sei effizientes Arbeiten nicht möglich. Der Faktor Zusammenarbeit sei zu gering, der Faktor Störung zu hoch. Und bei Einzelbüros? Neben dem Status würden sie eher von Menschen bevorzugt, die bei der Arbeit auf einen bestimmten Komfort Wert legten. Doch selbst die Räume von Führungskräften zeichneten sich dadurch aus, dass der Schreibtisch mit einem weiteren Besprechungstisch kombiniert sei.

Erste Beispiele

Allgemein lasse sich für die Verwaltung festhalten, dass Einzelbüros, in denen die Mitarbeiter residieren würden, diese individuell gestaltet seien. während gemeinsame Bereiche wie Flure oder Besprechungsräume leblos eingerichtet seien, so Lepel. Sie würde deshalb zwei Drittel aller Wände in einem Verwaltungsgebäude entfernen und vor allem die Flure in die Raumkonzepte integrieren. Erste Verwaltungen hätten dies bereits erkannt und würden reagieren. Unter anderem die Stadtverwaltung Köln, die bei ihrer Verwaltungsreform bei den Räumen ansetze. Oder auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die ebenfalls sogenannte Open-Office-Lösungen konzipiert habe. Kommunen und Behörden sollten beherzt an diese Aufgabe herangehen, wenn nicht, würden die sogenannten High-Performer bei den Nachwuchskräften nicht im Öffentlichen Dienst landen. r

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