Neues Buch des Evangelischen Militärbischofs

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Sigurd Rink: Können Kriege gerecht sein? Glaube, Zweifel, Gewissen – Wie ich als Militärbischof nach Antworten suche. Unter Mitarbeit von Uta Rüenauer, Ullstein 2019, 288 Seiten, ISBN-13 978-3-550-20004-5, 20,00 Euro (Grafik: BS/Ullstein)

“Dieses Buch ist riskant. Denn es handelt von einer Ethik im Ernstfall des Lebens.” Das schreibt der Evangelische Militärbischof, Dr. Sigurd Immanuel Rink, in seiner Einleitung zu “Können Kriege gerecht sein? Glaube, Zweifel, Gewissen – Wie ich als Militärbischof nach Antworten suche”.

Anfang der 1980-er Jahre demonstrierte Sigurd Rink noch als “überzeugter Pazifist”, wie viele seiner Generation – er ist Jahrgang 1960 –, gegen den NATO-Doppelbeschluss. Der Völkermord in Ruanda von April bis Juli 1994 brachte ihn dazu, seine Überzeugungen grundsätzlich in Frage zu stellen.

Seit er zum ersten hauptamtlichen Militärbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit Dienstsitz in Berlin ernannt wurde, reist er in dieser Funktion regelmäßig in Krisengebiete wie Afghanistan, Mali oder den Nahen Osten. Dabei erlebt er hautnah, wie gefährlich und seelisch belastend ein Militäreinsatz sein kann, und sieht die moralische Herausforderung, mit der die Soldaten und auch die Seelsorger konfrontiert werden.

In seinem Buch, das der Ullstein Verlag Ende Mai veröffentlicht hat, setzt sich der Autor mit den wichtigsten ethischen und politischen Aspekten militärischer Konflikte auseinander, vor allem mit der Frage: Kann es überhaupt einen gerechten oder zumindest gerechtfertigten Krieg geben?

Der Evangelische Militärbischof Dr. Rink schreibt in den “einleitenden Worten” zu seinem neuen Buch: “Die Deutschen sind Meister der Ausblendung.” Die Gesellschaft hierzulande blende nämlich gerne Gewalt und Krieg aus. Deswegen sei “uns die Polizei nicht ganz geheuer und erst recht nicht das Militär.” In einer “noch nicht erlösten Welt”, so der Geistliche und Theologe, gehöre das aber zur Realität und sei zwangsläufig Gegenstand politischer Entscheidungen.

Was hinter einem Kasernentor oder gar in einem Camp der Bundeswehr in Mali passiere, das wolle niemand so genau wissen. Deutsche Auslandseinsätze seien nur vertretbar, wenn sie dem Frieden dienten. Krieg sei ein “absolutes Versagen der Politik”, schreibt Bischof Rink.

Das christliche Gebot “Du sollst nicht töten!” habe Gültigkeit, aber es gelte eben auch: “Du sollst nicht morden lassen”, wie das der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Prof. Dr. Wolfgang Huber einmal formuliert habe.

Beim Genozid in Ruanda oder der Verfolgung der Jesiden im Irak durch die sunnitische Terrormiliz des sogenannten “Islamischen Staates” (IS) im Jahre 2014 sei die Völkergemeinschaft nicht oder zu spät eingeschritten. Es sei in manchen Situationen aber nötig, mit rechtserzwingender Gewalt dem Morden Einhalt zu gebieten und damit größeres Leid zu verhindern. Das Prinzip der Schutzverantwortung (“Responsibility to Protect” – R2P) in den deutschen Militäreinsätzen nennt der Autor eine ethische Herausforderung.

Der “Bischof für die Seelsorge in der Bundeswehr”, so die kirchlich korrekte Bezeichnung, der alle aktuellen 13 Auslandseinsatzgebiete der deutschen Streitkräfte besucht hat, würdigt in seinem durchaus unbequemen Buch die Seelsorger in den Streitkräften: Das strikte Seelsorge- und Beichtgeheimnis sowie ihre unabhängige Stellung in der militärischen Hierarchie schaffe ein einzigartiges Vertrauen zu den Soldaten, auch zu denen, die keiner Kirche angehörten. Die Betreuung werde stark in Anspruch genommen.

Bischof Rink plädiert am Ende seines Buches für eine verstärkte gesamtgesellschaftliche Fortentwicklung der Friedens- und Militärethik, die sich künftig intensiv mit autonomen beziehungsweise automatisierten Waffensystemen und der zunehmenden Digitalisierung im Militär auseinandersetzen müsse.

“Das militärische Engagement der Bundeswehr geschieht in unser aller Namen, in der Verantwortung der deutschen Gesellschaft. Wir müssen diese Verantwortung wahrnehmen”, appelliert Militärbischof Rink zum Schluss seiner Ausführungen.

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