Der Soldat – Eigentum des Staates?

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Militärdekan Dr. Klaus Beckmann (Foto: BS/privat)

G.I. – “Government Issue”. Woher diese Verballhornung US-amerikanischer Soldaten stammt, hat sich herumgesprochen: aus der Wäsche. Von Aufnähern, die Uniformstücke als “Eigentum des Staates” markieren. In deutschen Kasernen steht auf Wolldecken “Bund”.

Aber der Soldat selbst: Eigentum des Staates?

Den Soldaten zu vereinnahmen, war einmal deutsch-preußische Tradition. Er trug “des Königs Rock”. In der Weimarer Republik blieben Soldaten bürgerliche Rechte verwehrt, beim Wahlrecht angefangen. Auch dadurch wurde die Reichswehr zum “Staat im Staate”.

Das Konzept der Inneren Führung verlangt, den Soldaten nicht zu “privatisieren”, wohl aber, ihn individuell mündig sein zu lassen. Damit ist er Bürger und nicht “Eigentum des Staates”.

Demgemäß folgt die Bundeswehr einem ganzheitlichen Bildungsverständnis; Bildung ist Ergebnis individueller Anstrengung und Aneignung. Mit der “Abrichtung” von Gehorsamsmaschinen hat das nichts gemein.

Es gehört zum humanitären Kern unserer Armee, dass allen Verantwortlichen gewärtig ist, welch komplexen Situationen Soldaten in ihrem Dienst – zumal im Einsatz – ausgeliefert sein können. Weder Vorschriften noch moralische Prinzipien weisen dann “richtiges Verhalten” verlässlich. “Verantwortliches Handeln” wird so zu einer Grenzmöglichkeit, die den Einzelnen existentiell mit sich konfrontiert.

Die Einheitlichkeit der militärischen Erziehung, nach militärischer Systemlogik eigentlich erstrebenswert, wird in diesem Horizont bewusst durchbrochen. Nie ist der Mensch eindimensional, auch und erst recht der uniformierte nicht. Niemand “funktioniert” immer rational. Jeder hat seine Prägungen und Ängste, Sehnsüchte und Kränkungen, Verletzungen und Sorgen, Erfahrungen und Brüche, Stärken und Defizite. Es gibt im Handeln oft kein “richtig” oder “falsch”, “alternativlose” Entscheidungen können lebenslang zur Gewissenslast werden. Diesem “tiefenscharfen” Menschenbild will der von Militärgeistlichen erteilte Lebenskundliche Unterricht entsprechen. Er gewährt einen hierarchiefreien Raum, in dem ambivalente und widersprüchliche Gedanken, auch Gefühle, ihren Platz finden und “Unfertiges” abseits aller Beurteilung diskutiert werden kann.

Zur Entwicklung einer vieldimensionalen Persönlichkeit braucht es ein Umfeld, das freien Austausch ermöglicht. Die Rolle des Vorgesetzten stößt da an eine natürliche Grenze.

Dass totalitäre Systeme bildungspolitische Vielfalt nicht zulassen können, liegt schon historisch auf der Hand. Hatte es in der Wehrmacht bis 1943 einen von Feldgeistlichen verantworteten Lebenskundeunterricht gegeben, so wurde dieser in der Endphase durch die “Erziehungsarbeit” neu aufgestellter NS-Führungsoffiziere abgelöst. Wenngleich Militärpfarrer damals nicht unabhängig waren wie in der Bundeswehr, war der Einfluss kirchengebundener Akteure dem Regime doch unerträglich geworden. Die äußerlich Uniformierten sollten auch innerlich vereinheitlicht werden. In der Nationalen Volksarmee, die keine Militärseelsorge kannte, gab es eine ungute Linie ideologischer “Bestrahlung”.

In der Ablehnung des vieldimensionalen “bürgerlichen” Menschenbildes treffen sich heute radikale Linke mit vorgestrigen Soldatentümlern. Beiden scheint nicht geheuer zu sein, wenn Soldaten geistig auf eigenem, der Gewissenstreue verpflichteten Pfad unterwegs sind. Beide Extreme bringen “staatlicher Gewaltfunktionär” – was ein Soldat ja ist – und “verantwortlicher Bürger” nicht in Einklang. Selbst im Umfeld einer Bundeswehruniversität wurde vor ein paar Jahren einherphilosophiert, der deutsche Soldat müsse sich “der staatsbürgerlichen Umklammerung entwinden” zu Gunsten “professionsgemäßer Fokussierung”. Dazu diene eine strikt auf den “Auftrag” zentrierte militärische Ausbildung.

Auf der anderen Seite kann mancher Linke das rechtlich geschützte Agieren konfessioneller Vertreter im staatlichen Raum – im schulischen Religionsunterricht oder eben in der Militärseelsorge – nur als “traditionelle Privilegierung der Kirchen” deuten. So wird mit ideologischen Scheuklappen gefordert, Gefangenen- und Militärseelsorge sollten “durch Psychologen übernommen werden”, was mit dem Wegfall des im Kirchenrecht definierten Seelsorgegeheimnisses zu einem massiven Freiheits- und Individualitätsverlust der betroffenen Menschen führte. Der Mensch – verstaatlicht.

Den Konsens der demokratischen Mitte bringt der katholische Theologe und Reserveoffizier Christian Göbel auf den Begriff: Der Bundeswehr sei auch ein “Transzendenzcharakter” zu eigen, da ihre Führungsphilosophie das Militärpraktische von vornherein übersteige. Soldatische Tugenden und Fertigkeiten müssten stets im Kontext ihres ethischen und politischen Sinnes vermittelt werden.

Kurz gesagt: Der Soldat braucht Urteilsfähigkeit, denn Staatseigentum ist er nicht.

Der Gastbeitrag stammt von Dr. theol. Klaus Beckmann, Militärdekan im Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr, Berlin

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