Passend bauen

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Bund, Länder und Kommunen sollen wechselseitig ihre Online-Dienste nachnutzen können. Technische Wege dafür gibt es. Man muss sich aber noch auf standardisierte Schnittstellen einigen, damit Dienste und E-Government-Plattformen ohne großen Transferaufwand ineinandergreifen. (Foto: archmercigod, https://stock.adobe.com/de/ )

Die Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes (OZG) ist angelaufen. Auf die arbeitsteilige Entwicklung neuer elektronischer Services in Bund-Länder-Tandems hat man sich geeinigt und erste Ergebnisse in Form von Steckbriefen oder Klick-Dummies liegen vor. Bis eine gemeinsame Landschaft von Online-Dienstleistungen geschaffen ist, müssen aber noch einige technische Hürden genommen werden. Die Fäden laufen bei den E-Government-Plattformen von Bund, Ländern und Kommunen zusammen. Ein Fragezeichen steht derzeit noch beim Thema Nachnutzung von Services.

“Wenn in einem Land eine ­mustergültige Lösung für eine Verwaltungsdienstleistung mit entsprechender Breitenwirksamkeit ­vorliegt, werden wir diese auch gerne zur Nachnutzung übenehmen”, versichert der Amts­chef der Sächsischen Staatskanzlei und CIO (Chief Information Officer) des Freistaats Sachsen, Thomas Popp. “Eine komplette Neuentwicklung ist in solchen Fällen sicherlich nicht zielführend.” Auch wenn nicht immer ein fertiges Softwareprodukt übernommen werde, wolle man gegenseitig an den Projektergebnissen partizipieren, so Popp weiter. Konzeptionelle Vorarbeiten würden mittels des Föderalen Informationsmanagements (FIM) in standardisierter Form gesichert und dienten als Grundlage für Eigenentwicklungen.

E-Government-Plattformen fit machen

Dienste, Servicekonten, digitale Postfächer, Bürgerportale: Technisch wird am Ende alles bei den verschiedenen E-Government-Plattformen zusammenlaufen. Alle Länder brauchen solche Basis-Infra­struk­turen, die teils auch grenzübergreifend genutzt, gemeinsam entwickelt oder gar betrieben werden. Dort, wo schon länger Portale betrieben werden, sind auch schon Neuentwicklungen vonnöten gewesen. So in Hamburg, wo voraussichtlich bis Ende des Jahres mit der schrittweisen Überführung aller Dienste das alte HamburgGateway durch die neue Online
Service Infrastruktur (OSI) abgelöst wird.

“Ziel war es, mit der Neuent­wicklung der hohen Dynamik in der Digitalisierung ge­recht zu werden”, sagt der Projektleiter für die Plattform im Amt für IT und Digitalisierung der Hansestadt, Sebastian Berger. Das nach dem Projektstart beschlossene OZG habe die Beteiligten in diesem Ansatz noch bestätigt.

Modular konstruiert

Die Nachnutzung im Sinne der OZG-Umsetzung habe eine große Rolle gespielt. Dabei halfen moderne IT-Architekturprinzipien. “Integrationsfähigkeit hat in OSI eine hohe Priorität”, so Berger. “Überall, wo es Standards gibt, setzen wir sie ein.” Das System ist modular aufgebaut und setzt an vielen Stellen auf nicht plattformgebundene Komponenten wie Software-Bibliotheken und Container-Technologie.

“Ein Designsystem erlaubt die Anpassung der Benutzeroberfläche von Services mit Buttons, Textfeldern oder anderen Elementen aus einem Baukasten”, erklärt Berger. Auch die Sicherstellung der Barrierefreiheit sowie Plausibilitätsprüfungen oder Auto-Vervollständigen-Funktionen für Online-Formulare ließen sich über das System leicht aufsetzen. So werde schon bei der Einbindung von Fachverfahren externer Dienstleister verfahren.

Damit sind auch Grundlagen für eine Nachnutzung von Diensten aus anderen Ländern geschaffen, sofern diese auch auf modulare Prinzipien setzen. Garantiert ist die gemeinsame Nutzbarkeit im technischen Sinne jedenfalls unter den Dataport-Ländern. OSI ist mandantenfähig ausgerichtet und wird in Trägerländern des IT-Dienstleisters sukzessive ausgebaut. In Sachsen-Anhalt und Bremen soll es noch 2019 aufgesetzt werden. In Schleswig-Holstein wird das Produktivgehen der Plattform bereits vorbereitet. Auch die Kommunen des Landes sind an Bord. Demnächst soll Berlin als Nicht-Trägerland folgen. Unproblematisch dürfte die Nachnutzung im technischen Sinne auch zwischen Sachsen und Baden-Württemberg sein. In Fortsetzung einer längeren Vorgeschichte der Kooperation bilden die beiden Länder seit 2016 einen Entwicklerverbund. Eine gemeinsam in Auftrag gegebene Lösung für E-Government-Portale ist nun seit über einem Jahr bei den Partnern separat in Betrieb. Amt24 und service-bw haben unter der sichtbaren Oberfläche dieselben Funktionen. Die Weiterentwicklung durch den externen Dienstleister erfolgt nach einvernehmlichen Vorgaben.

Auf kommunaler Ebene hat das durch die AKDB (Anstalt für Kommunale Datenverarbeitung in Bayern) entwickelte Bürgerservice-Portal die größte Verbreitung. Über 1.300 Kommunen setzen auf die Plattform. Auch bei diesen Lösungen sind Modularität und einheitliche Strukturierung für einzubindende Dienste bereits umgesetzt.

Standards vonnöten

Eine für das Thema Nachnutzung entsprechend gerüstete Plattform allein beantwortet aber noch nicht alle Fragen. “Wir könnten einen Dienst zwar als Softwarepaket übernehmen, müssten dann aber trotzdem noch Komponenten zur Kommunikation innerhalb der Plattform schaffen”, erklärt Peter Röhl, Leiter des Bereichs Digitale Lösungen bei Dataport. Schließlich würden sich sowohl die technischen Back-ends als auch angrenzende Systeme, z. B. zur Authentifizierung oder Bezahlung, unterscheiden. Röhl: “Dafür müssten bis ins Detail standardisierte Schnittstellen geschaffen werden. Hier haben wir noch eine große und komplexe Aufgabe vor uns.” Dem schließt sich Berger an: “Wir müssen uns darüber bundesweit noch viel mehr Gedanken machen. Noch gibt es dafür keine befriedigenden Konzepte.” Technisch gebe es durchaus Lösungsmöglichkeiten, man müsse sich nur einigen.

Dasselbe gilt auch bei einem anderen Kernthema bei der OZG-Umsetzung. Für die verpflichtende gegenseitige Anerkennung von Servicekonten sind ebenfalls bereits technische Wege ausgelotet. Konkrete Anforderungen an die Interoperabilität sind aber noch nicht definiert worden.

Auf eine ganz andere technische Herausforderung macht Michael Diepold, Leiter der Stabsstelle Digitalisierung bei der AKDB, aufmerksam: “Wenn die OZG-Umsetzung gelingt und die Nutzung von Online-Diensten zur Regel wird – wovon wir ausgehen –, müssen die Infrastrukturen auch für hohe Leistungsspitzen bei einzelnen Services fit sein.” So bei der Beantragung von Wahlunterlagen, bei der in kurzer Zeit mit Online-Anfragen im fünf- bis sechsstelligen Bereich zu rechnen sei. Auch bei Dienstleistungen für Unternehmen dürften Systeme nicht in die Knie gehen, z. B. wenn ein großer Fuhrpark erneuert werde, betont Diepold. Wenn die Außerbetriebsetzung zum Stichtag nicht funktioniere, könnten wirtschaftliche Schäden durch unnötig anfallende Kfz-Steuer und den verzögerten Verkauf entstehen.

Ein Lösungsansatz auch hier: moderne IT-Architektur. “Mo­nolithen schaffen Betriebsprobleme”, so der Stabsstellenleiter. “Ein Container-basierter Ansatz erlaubt die automatisierte Zuschaltung zusätzlicher Kapazitäten bei Leistungsspitzen.”

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