Schönschrift für Obama

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Minimalismus pur: Fast wie zu Goethes Zeiten braucht es für die Kalligraphie nicht mehr als ein Tintenfass und einen Federhalter, um dem Papier Schönes zu entlocken. (BS/Harbeke)

Schwungvoll und präzise gleitet der Federhalter über hochwertigen Karton. Ästhetisch anmutende Bögen und Linien formen sich zu Buchstaben, Silben, einem brillant leserlichen Wort. Die Kalligraphin des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland, Brenda Dybowski, in ihre Arbeit versunken, bereitet das nächste Staatsbankett vor, schreibt akribisch in Englischer Schreibschrift die Namen der geladenen Ehrengäste, die später in Schloss Bellevue beim Bundespräsidenten dinieren werden, penibel auf Tischkärtchen. Sie ist Mitarbeiterin des Kalligraphischen Dienstes, der dem Referat 704, einem Referat des Protokolls, angegliedert ist.

Genauso wie 2013, als dem damaligen US-amerikani­schen Präsidenten, Barack
Obama
, im Schloss Charlottenburg ein Galadinner von Gastgebe­rin Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel gegeben wurde, wird sie wieder dabei sein, wenn der nächste Ehrengast sein Kommen ankündigt. Brenda Dybowski hat den Staatsakt noch lebhaft in Erinnerung, bezeichnet ihn als ein “faszinierendes Erlebnis.” Als Obama mit seiner Frau Michelle Deutschland seine Aufwartung machte, hatte sich Dybowski mit ihrer Kollegin Sabine Schwarz um die Organisation bemüht. Sämtliche Tischkärtchen und Menükarten, die die festliche Tafel schmücken, wurden im Vorfeld per Hand geschrieben oder mit einem PC-Programm gestaltet.

Die Kalligraphinnen sind jedes Mal vor Ort, um missliche Feh­ler zu verbessern und auf unerwartete Änderungen im protokollarischen Ablauf zu reagieren: “Auf einer hochoffiziellen Veranstaltung kann einiges passieren. Nicht selten geschieht es, dass falsch geschriebene Namen aus­getauscht werden müssen. Es war sogar schon einmal so, dass ein geladener Gast seine Partnerin ohne Einladung mitgebracht hat. Das wirft den ganzen Plan über den Haufen. Dann heißt es, schnell und besonnen zu handeln. Man möchte niemanden düpieren.”

Wirken im Verborgenen

Der Kalligraphische Dienst bleibt stets im Hintergrund, fernab des glamourösen Dinners, bei dem das politische Berlin mit Washington D.C. auf die deutsch-amerikanische Freundschaft anstößt. Und das habe einen triftigen Grund, wie Dybowski bemerkt: “Die Festi­vität gehört allein dem Staatsgast. Das Protokoll nimmt sich zurück, wahrt den Abstand, um die Qualität und den Komfort für die Würdenträger hochzuhalten.”

Doch die Haupttätigkeit Dybowskis, die mit ihrer Kollegin die einzige praktizierende Kalligraphin in einem Bundes­ministerium der Bundesrepu­blik Deutschland ist, findet im Auswärtigen Amt statt. In dem geschichtsträchtigen Gebäude am Werderschen Markt gelangt man über den von der Bundes­polizei bewachten Lichthof in die Räumlichkeiten der alten Reichsbank, deren hohe marmorne Wände und hölzerne Vertäfelungen eine imposante Aura verströmen. In Dybowskis Büro laufen die Fäden zusammen, die dazu beitragen, einen Staatsgast mit gebührenden Ehren zu empfangen. Hier gestaltet sie mit ihrer Schönschrift Dokumente mit Mehrwert für die Festivitäten und Anlässe, die der Bundespräsident, die Bundes­kanzlerin und der Bundes­außenminister ausrichten.

Talent für Musik und Kunst

Dybowski wurde als Kind aus­gewanderter Deutscher in Kanada geboren und kam 1973 als Zehn­jährige mit ihren Eltern nach Westberlin zurück. In ihrer Kindheit entwickelte die Angestellte im Öffentlichen Dienst ein sichtliches Talent für Musik und Kunst. Im Lette-Verein, einer Kunstschule, wurde sie nach der Mittleren Reife zur Grafikdesignerin ausgebildet, wo ihr auch das kalligraphische Rüstzeug nähergebracht worden war: “In den 80ern war das ja noch eine ganz andere Zeit. Kalligraphie war wirklich Handarbeit. Es gab keinen Computer, der unsere Arbeit erleichterte.” Dybowski, die Kinder und Enkel hat, beschäftigt sich in ihrer Freizeit leidenschaftlich mit Kochen und Radfahren: “Da bekomme ich meinen Kopf frei und spanne vom Alltag aus. Ich bin froh, nicht schreiben zu müssen. Inspiration als kalligraphi­sche Künstlerin brauche ich dann nicht mehr.”

Dybowski schildert ihren Beruf als ein “spannendes, aber auch stressiges” Arbeitsfeld mit hohen Anforderungen: “Manchmal werden wir von Aufträgen förmlich überschüttet.” Besonders in den Stoßzeiten Mai, Juni und Juli sei durch das sogenannte Rotationsprinzip allerhand zu tun. Denn zu diesem Zeitpunkt wechseln viele Mitarbeiter ihre Botschaften und neue Gesichter kommen ins Auswärtige Amt nach Berlin: “Wenn der deutsche Botschafter von Tel-Aviv nach Paris geht, müssen zahlreiche Urkunden angefertigt werden. Solche Wechsel, erfolgen in dieser Phase sehr häufig, so dass wir uns wirklich anstrengen müssen, um unser Pensum zu erfüllen.”

Alles eine Frage der Balance

Außerdem sei es eine große He­rausforderung, den alternierenden Mitarbeiterstab immer wieder neu zu informieren, ihn mit den Gepflogenheiten und Methoden des Kalligraphischen Dienstes vertraut zu machen: “Es wird enorm hektisch, wenn uns fehlerhafte Namenslisten erreichen und alle Daten überprüft werden müssen. Doch das lässt sich leider nicht immer verhindern.”

“Jede Kalligraphin schreibt nach Möglichkeit ein komplettes Essen allein”, erklärt Dybowski: “Auch wenn wir beide die Englische Schreibschrift nach allen Regeln beherrschen, hat doch jede von uns ihren individuellen Duktus. Wir müssen auf Einheitlichkeit achten. Denn es sähe komisch aus, fänden sich unterschiedliche Handschriften auf den Tischkarten der festlichen Tafeln vor. Absprache ist also wichtig. Wenn einer ausfällt, kann es schwierig werden. Doch wir sind ein gutes Team.”

Für ihren Job seien Konzentration und Ausgeglichenheit das Nonplusultra: “Rücken, Schultern und Hände sind immer stark beansprucht. Innehalten tut manchmal wirklich Not.” Aber zum Glück sei freies Arbeiten möglich, denn “Schuften im Akkord” schade dem Endprodukt. Es brauche eben seine Zeit, wenn Tinten trocknen und vorgezeichnete Hilfslinien ausradiert werden müssten.

Der Kalligraphische Dienst habe sich stark in seinem Wesen gewandelt. Seit den 90er-Jahren schreite die Technisierung unentwegt voran. Urkunden, Gästebuchblätter und Menükarten, die früher per Hand geschrieben worden seien, würden heute aufgrund der Fülle von Arbeitsaufträgen mittels Sondersoftware am Computer angefertigt. Das müsse nicht immer unbedingt ein Manko sein, bemerkt Dybowski: “Man hat einfach keine Zeit, alles mit Tinte und Feder zu schreiben. Früher war es oft frustrierender. Es gab Situationen, wo man sich beim letzten Buchstaben aufwendiger Urkunden verschrieben hat. Da kamen einem fast die Tränen, da der gesamte Text neu erstellt werden musste!”

Digitalisierung ”frisst” Papier

Einen Verfall der Schreibschrift befürchtet Dybowski jedenfalls nicht: “Der Bundespräsident, die Bundeskanzlerin und auch der Bundesaußenminister legen auf das Traditionsbewusstsein des Kalligraphischen Dienstes großen Wert.” Das einzige, was ihr Sorgen bereite, sei die Diskrepanz, gutes Papier zu beschaffen. Papier­fabriken erlebten wegen der fortschreitenden Digitalisierung ihren Niedergang. Hochwertiges Papier und Karton würden immer mehr zur Mangelware. Dank einer guten Quelle könne das Auswärtige Amt weiterhin seine Produkte von einer niederländi­schen Papierfabrik beziehen, die das wertvolle Material besorgen könne.

Ohne hochwertigen Karton ginge es einfach nicht, denn das Quali­tätsprodukt sei der Indikator für fein säuberliches und ästhetisches Schreiben: “Die Tinte darf nicht ausbluten, sondern muss mit der Faserstruktur des Kartons verschmelzen. Wenn man mit Tinte und Feder schreibt, sollte eine gute Bindung entstehen.”

Englische Schreibschrift – Maß aller Dinge

Der Kalligraphische Dienst verwendet ausschließlich die Englische Schreibschrift, welche nur in schwarz – unabhängig von der regierenden Parteienfarbe – verwendet werden darf. Sie charakterisiert die Amtsschrift, welche sowohl bei den handschriftlichen als auch bei den gedruckten Dokumenten Verwendung findet. Die bürokratische Philosophie des Hauses wurde Dybowski vom ersten Tag an vermittelt, als sie im Jahr 2000 im Auswärtigen Amt ihren Dienst antrat: “Der damalige Referatsleiter des Protokolls sagte zu mir: “Ihre Fantasie können Sie in der Kalligraphie aber nicht aus­leben, Frau Dybowski.”

Kreativität sei trotz der einge­schränkten Schriftauswahl das Credo des Kalligraphischen Dienstes. Ins­besondere die Recherche und Zusammenstellung formschöner Kartenmotive zeichne die Exzellenz des Referates aus. Da Bilder mehr als tausend Worte verrieten, würden es die weitgereisten Staatsgäste goutieren, wenn sie historische Aufnahmen des alten Berlins und seiner Umgebung sähen. Insbesondere Sabine Schwarz, Dybowskis Kollegin, suche immer wieder Glanzstücke des preußischen Kulturbesitzes, wie Schloss Sanssouci, heraus, welches Asiaten und Amerika­ner aufgrund seiner Geschichts­trächtigkeit gleichsam liebten.

Verschwiegenheit ist Trumpf

Auch wenn Dybowski betont, sich nach außen hin nicht besonders stark mit ihrer Arbeit identifizieren zu wollen, merkt man ihr an, dass sie sich freut, wenn sie erzählt, dass bei so manchem Staatsbankett ein positives Feedback in ihr Büro gedrungen sei. Vielleicht ist ihre Bescheidenheit aber auch tiefes Wesen des Protokolls, bei dem “Verschwiegenheit eben Trumpf” sei. So wie im September 2018, als der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in Deutschland weilte.

Mit der Ausrichtung der staats­tragenden Feierlichkeiten für den Ehrengast in Berlin waren Dybowski und ihre Kollegin eingespannt. Sie unterstreicht in diesem Zusammenhang die absolute Notwendigkeit der Zurückhaltung, die bei ihrem Beruf Grundvoraussetzung sei: “Wir bekommen die Gästelisten ausgehändigt und wissen, wer sich zum Staatsbankett einfindet, wer neben wem sitzt, welche Speisen gereicht, welcher Wein getrunken wird. Wenn solche intimen Informationen an die Öffentlichkeit dringen, wird die besondere Atmosphäre des Staatsbesuches unweigerlich gestört. Als Kalligraphin muss man achtsam sein, darf keine Interna verraten.”

Dybowskis Vorgesetzte, Refe­ratsleiterin Judith Urban, die zu unserem Gespräch kurz erscheint, hebt die Bedeutung des Kalli­graphischen Dienstes in einem Plädoyer für dessen Kunstfertigkeit hervor: “Ich bin stolz auf unser Kalligraphie-Team. Der Kalligraphische Dienst ist eine einmalige Einrichtung, um den Staatsgästen ein schönes Ambiente zu schaffen. Das wird von unserem Haus, dem Auswärtigen Amt, sowie dem Bundespräsidialamt und dem Bundeskanzleramt auch in Zukunft hochgehalten.”

Das Protokoll des Auswärtigen Amtes

Bei allen Staatsbesuchen möchte sich die Bundesrepublik Deutschland als tadellose Gastgeberin präsentieren. Um die Staatsbankette und Empfänge mit dem gebührenden Zeremoniell zu begleiten, hat das Auswärtige Amt die Gestaltung ritualisierter Festakte und Dankesbezeichnungen – von der Kranzniederlegung an der Neuen Wache bis zur Überreichung eines Rosenbouquets an die Präsidentengattin – professionalisiert. Mit den staatstragenden Akten und Gesten stärkt es das internationale Band zwischen den Nationen, leistet Annäherungsversuche an schwierige Partner, vertieft freundschaftliche Beziehungen. Für das aufwendige und kostenintensive Prozedere gibt es eine spezielle Abteilung, die wie keine zweite als Herzkammer fungiert: Das Protokoll des Auswärtigen Amtes (Abteilung 7) ist hauptverantwortlich für die Organisation von Staatsbesuchen. Es interpretiert sich dabei als die zentrale Instanz, welche “Atmosphäre und Rahmen für die Politik” schaffe, wie es auf seiner offiziellen Webseite heißt. Ihm steht der Protokollchef Konrad Arz von Straussenburg vor, der den Rang eines Botschafters einnimmt. Der Kalligraphische Dienst des Auswärtigen Amtes ist dem Protokoll als Referat 704 angegliedert, das Referatsleiterin Judith Urban anführt. Im Mittelpunkt des Protokolls steht die Planung und Durchführung der Besuche von Staatsoberhäuptern, Regierungschefs und Außenministern. Auslandsreisen des Bundespräsidenten, der Bundeskanzlerin und des Bundesministers des Auswärtigen werden ebenfalls von ihm gemanagt. Das Protokoll ist darüber hinaus mit der Betreuung diplomatischer und konsularischer Vertretungen beschäftigt und übernimmt Ordensangelegenheiten (Referat 701). Es veranstaltet internationale Konferenzen und Gipfeltreffen (Referat 702) und befasst sich mit Personalstatusfragen sowie der Ausstellung von Visen und Protokollausweisen (Referat 703).

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