Handlungsfähigkeit verbessern

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Jochen Stein ist Chef der Feuerwehr Bonn und steht an der Spitze der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland (AGBF Bund). (Foto: BS/Feuerwehr Bonn)

Wald- und Vegetationsbrände nehmen nicht nur hierzulande immer mehr zu. Auch im Ausland müssen Feuerwehren und Katastrophenschutzbehörden vermehrt solcher Einsatzlagen Herr werden. Hier kann Deutschland künftig im Rahmen des EU-Katastrophenschutzverfahrens Unterstützung bieten. Wie diese Hilfe exakt aussieht, erklärt Jochen Stein. Das Interview mit dem Chef der Bonner Feuerwehr, der zugleich Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland (AGBF Bund) ist, führten R. Uwe Proll und Marco Feldmann.

Behörden Spiegel: Die Bonner Feuerwehr hat – gemeinsam mit den Feuerwehren Leverkusen und Königswinter – das erste deutsche Modul für das EU-Katastrophenschutzverfahren vorgestellt. Wie kam es dazu, zumal dort Berufsfeuerwehren und Freiwillige Feuerwehren vertreten sind?

Stein: Es handelt sich um ein Pilotprojekt, das in Abstimmung mit dem nordrhein-westfälischen Innenministerium gestartet wurde. Es geht darum, die Handlungsfähigkeit im Europäischen Katastrophenschutzverfahren bei zunehmenden Vegetationsbränden auch mit deutschen Feuerwehrkräften zu verbessern. Die Einsatzkräfte der Einheit setzen sich aus Angehörigen der Freiwilligen Feuerwehren und der Berufsfeuerwehren zusammen. Potenzielle Einsatzgebiete im europäischen Ausland sollten maximal 2.000 Kilometer entfernt sein. Bei der Entwicklung der Vegetationsbrände halte ich Einsätze für durchaus wahrscheinlich. Die Einheit konnte relativ schnell aufgestellt werden. Sie ist bereits in der Einsatzmitteldatenbank CECIS der EU registriert und für die ersten EU-Übungen gemeldet.

Behörden Spiegel: Woraus besteht das Modul genau?

Stein: Der Kern des Moduls besteht aus vier Tanklöschfahrzeugen, mit jeweils fünf Einsatzkräften, die von allen drei Partnern gestellt werden. Die Feuerwehr Bonn stellt dazu die Logistik sowie eine Führungskomponente. Die vier Tanklöschfahrzeuge haben jeweils mindestens 2.000 Liter Löschwasser und ein mindestens geländefähiges Fahrgestell. Dazu kommen wenige Fahrzeuge für die Führung und Logistik. Außerdem kann ein Löschfahrzeug für den Katastrophenschutz und ein Tankfahrzeug mit sehr großem Löschwasservorrat ergänzt werden. Mit etwa zehn Fahrzeugen und 50 Einsatzkräften ist die Größe übersichtlich. Die Feuerwehrbereitschaften, die wir beispielsweise in Nordrhein-Westfalen haben, bestehen aus etwa 35 Fahrzeugen und 150 Einsatzkräften. Dabei kommt es vor allem auf Flexibilität, Beweglichkeit und Sicherheit für die Einsatzkräfte an. Schließlich gibt es bei Waldbränden in Südeuropa oft mehr als nur eine Einsatzstelle.

Behörden Spiegel: Was ist noch zu beachten?

Stein: Die Module, die vom jeweils betroffenen Staat angefordert werden, müssen im Ernstfallkomplett autark sein. Sie sind auf eine einwöchige Einsatzdauer vor Ort ausgerichtet. Dabei wird kein neues Personal nachalarmiert. Die Anforderung in Deutschland läuft über das Gemeinsame Melde- und Lagezentrum von Bund und Ländern (GMLZ) im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Sobald der betroffene Staat das Angebot angenommen hat und das Modul aktiviert wurde, muss es innerhalb von sechs Stunden abrücken.

Behörden Spiegel: Ist diese Frist zu schaffen?

Stein: In der Praxis ist die Frist unproblematisch, weil es einen ausreichend großen Vorlauf gibt. Bei Wald- und Vegetationsbränden entsteht die Betroffenheit über Tage, teilweise sogar über Wochen hinweg, sodass genug Zeit zur Vorbereitung bleibt.

Behörden Spiegel: Wie sieht es hinsichtlich der Anforderungen an die technische Kompatibilität der Einsatzmittel aus?

Stein: Die EU-Spezifikation schreibt dazu nur vor, dass die Kupplungssysteme der Schlauchleitungen und der Pumpen mit den sogenannten Storz-Kupplungen ausgestattet werden müssen. Das ist für uns in Deutschland kein Problem. Die haben wir ohnehin. In anderen europäischen Staaten sind aber andere Kupplungssysteme im Einsatz. Dort müssen dann unter Umständen Adapterstücke vorgehalten werden, um Kompatibilität herstellen zu können. Das ist aber auch schon alles.

Behörden Spiegel: Das hört sich nicht allzu schwierig an. Was muss noch getan werden?

Stein: Die Führungskräfte der gemeldeten Module müssen im EU-Katastrophenschutzverfahren ausgebildet und geschult sein. Dies gilt zumindest für den Teamleiter, seinen Stellvertreter sowie den Verbindungsbeamten zur örtlichen Einsatzleitung. Das ist eine Herausforderung bei der Aufstellung der Module. Die Kooperation der Partner bietet sich deshalb in der Form wie bei uns an. Bei der Feuerwehr Bonn hatten wir schon einige Führungskräfte, die im EU-Verfahren ausgebildet sind. Sonst kann es durchaus einige Jahre dauern, bis die Führungskräfte mehrerer solcher Module entsprechend ausgebildet wurden.

Jochen Stein nimmt als Referent auch am diesjährigen Europäischen Katastrophenschutzkongress des Behörden Spiegel am 27. und 28. August in Berlin teil. Weitere Informationen zur Anmeldung sowie zum Programm unter: www.katastrophenschutzkongress.de

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