Teilhabe hängt vom Wohnort ab

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Der "Teilhabeatlas Deutschland" zeigt die große Kluft bei den Lebensverhältnissen und die gleichzeitig divergierende subjektive Wahrnehmung dieser. (Foto: Free-Photos, pixabay.com)

Gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilen Deutschlands und damit Teilhabegerechtigkeit sind erklärte Ziele der Bundesregierung. Es ist nichts Neues, dass dieser Wunsch hinter der Realität in Form von sich dynamisch entwickelnden Großstädten und gleichzeitig schrumpfenden, unattraktiven Landstrichen zurückbleibt. Dass die objektive Lage der Bevölkerung in bestimmten Regionen aber nicht immer mit dem subjektiv empfundenen Lebensgefühl übereinstimmt, ist Ergebnis des “Teilhabeatlas Deutschland” vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot Stiftung.

Die Analyse aller 401 Landkreise und kreisfreien Städte “offenbart erhebliche Differenzen in den gesellschaftlichen Teilhabechancen ihrer Bewohner. Es macht einen großen Unterschied, ob sie in einer wirtschaftsstarken Stadt oder auf dem strukturschwachen Land leben, an der Küste im Norden, im Westen an Rhein und Ruhr, im Alpenvorland im Süden oder im Osten an Unstrut und Oder”, heißt es von den Studien-Autoren. Indikatoren waren dabei etwa die Quote von Sozialleistungsempfängern, die kommunale Steuerkraft, die Höhe der Einkommen, die Verfügbarkeit schneller Internetzugänge oder die Erreichbarkeit von Ärzten, Supermärkten und weiteren alltäglichen Dienstleistungen.

Demnach seien die Chancen in Baden-Württemberg, in Teilen Bayerns und im südlichen Hessen besonders gut. “Nördlich davon bieten nur vereinzelte Regionen ihren Bewohnern vergleichbare Teilhabechancen, im Osten lediglich der berlinnahe Landkreis Dahme-Spreewald”, fasst Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, zusammen. In fast allen ländlichen Kreisen, aber auch den meisten ostdeutschen Städten müssten die Menschen mit geringeren Teilhabechancen leben. Ebenso in einigen westdeutschen Städten; vor allem im Ruhrgebiet, aber auch im Südwesten von Rheinland-Pfalz, im Saarland sowie in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. “Deutlich erkennbar wird, wie wichtig eine differenzierte, diese Unterschiede aufgreifende Handlungsstrategie ist, gerade auch in der Politik”, betont Stefan Krämer, stellvertretender Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung.

Subjektive Wahrnehmung objektiver Bedingungen

Gemeinsam mit der Stiftung hat das Berlin-Institut 15 Regionen in allen Teilen der Republik besucht und fast 300 Einzelinterviews und Gruppengespräche mit Vertretern aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft geführt, um die erhobenen Daten mit den gefühlten Teilhabechancen abzugleichen. Ein wichtiges Ergebnis: je nach Wohnort haben die Menschen andere Erwartungen an ihr Umfeld. Die befragten Landbewohner seien sich meist des Nachteils bewusst, dass sie zum Arbeiten pendeln müssen und für manche Erledigungen auf die nächste größere Stadt angewiesen sind. Trotzdem äußerten sie, dass sie gern dort leben.

Diejenigen, die das Gefühl haben, ihre Region würde sich nach einer “langen Durststrecke” positiv entwickeln, schätzten ihre persönliche Lage optimistisch ein, so Studien-Mitautor, Manuel Slupina. Umgekehrt äußerten Befragte das Gefühl, abgehängt zu sein, wo sie den Niedergang als chronisch erleben und wenig Perspektiven sehen. Klingholz moniert, dass die Bundesregierung bis heute nicht definiert habe, wie Gleichwertigkeit überhaupt auszusehen hätte. Das mache es nahezu unmöglich, ungleichwertige Lebensverhältnisse zu benennen, geschweige denn, Gleichwertigkeit herzustellen.

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