Wider den Kannibalismus!

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Chefredakteur und Herausgeber R. Uwe Proll über das gezielte Abwerben von Fachkräften des Öffentlichen Dienstes in seinem Kommentar (Foto: Schnittfincke)

Was in der Wirtschaft seit jeher gang und gäbe ist, galt im Öffentlichen Dienst bisher als sakrosankt – das gezielte Abwerben von Fachkräften aus anderen Behörden. Einzelne Wechsel verbunden mit Aufstiegskarrieren gab es wohl, doch mittlerweile hat sich Kannibalismus breitgemacht.

Bis 2030 droht dem Öffentlichen Dienst ein Personalbedarf von 730.000 Personen, vor allem wegen des altersbedingten Ausscheidens, aber auch wegen der Schaffung neuer Planstellen. Allein die Bundesministerien erhielten in jüngster Vergangenheit fast 2.000 neue Stellen, die Bundespolizei wird es auf über 20.000 bringen, ebenso die Bundeswehr und die Deutsche Bahn. Länder und Kommunen ziehen nach. Sie alle konkurrieren zudem um den gleichen Bewerberpool.

Doch die Konkurrenz um Einsteiger ist das eine, die Abwerbung bereits Erfahrener aus anderen Behörden das andere. Die Bundesländer klagen hier übereinander, besonders über den Bund. Doch sie waren selbst Verursacher, als sie vor zehn Jahren die bundesweite Einheitlichkeit des Beamtenrechts infolge der Föderalismusreform kippten. Reiche Bundesländer mit besserer Besoldung werben per Stellenanzeige in anderen Ländern. Dort, wo es Bundes- und Landesbehörden dicht beieinander gibt, treten kannibalische Phänomene auf. Etwa bei IT-Spezialisten: A 12er aus Ländern werden auf A 15er-Stellen des Bundes gehievt. Findige fanden gar Ausgleichszahlungen bis zur Erreichung der versprochenen Besoldungsstufe. Dieser Kreativität will der Bund nun mit einem Besoldungsstrukturenmodernisierungsgesetz (BesStMG) Gestalt geben. Ist da ein Wechsel von IT-Spezialisten aus Kommunen, vor allem aber Ländern bepreist?

Wie wollen zudem die Behördenleiter ihren langjährigen IT-Fachkräften erklären, dass die Neuen auf einmal einen fetten Aufschlag bekommen? Das ist in der Sache zu kurz gesprungen, stiftet Ungerechtigkeitsgefühl und löst das Problem am Ende für den Öffentlichen Dienst nicht. Die über 100 Fachhochschuleinrichtungen des Bundes und der Länder sollten für Informationstechnologie fitter und attraktiver gemacht werden. Klar ist, die Behörden brauchen jetzt Polizisten und IT-Spezialisten und nicht erst nach drei Jahren Ausbildung. Vielleicht löst der Wirtschaftsaufschwung das Problem rascher, als manchen lieb sein wird.

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