Statt Elfenbeinturm Impulskraft für die Digitalisierung

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Dr. Andre Göbel ist Geschäftsführer der neu gegründeten DigitalAgentur Brandenburg GmbH. (Foto: DigitalAgentur Brandenburg)

In Brandenburg wurde die neue “DigitalAgentur Brandenburg GmbH” gegründet. Hauptaufgabe der Agentur ist die Unterstützung bei der Umsetzung der “Zukunftsstrategie Digitales Brandenburg”. Im Rahmen der Umsetzung der Digitalstrategie soll die Agentur zukünftig strategische Digitalisierungsprojekte und ‑maßnahmen zwischen der Landes-, Landkreis- und Kommunalebene koordinieren und als Organisations-, Wissens- und Steuerungseinheit systematisch vorantreiben.

Neben der koordinativen Aufgabe soll die Agentur zudem Kompetenzen und Informationen für die Querschnittsaufgabe Digitalisierung bündeln und damit die thematische Vernetzung voranbringen, um Brandenburg zu einer erfolgreichen Digitalisierung zu führen. Die 100-prozentige Tochtergesellschaft der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) erhält eine jährliche Förderung in Höhe von drei Millionen Euro vom brandenburgischen Ministerium für Wirtschaft und Energie. Der Behörden Spiegel sprach mit dem Geschäftsführer der neuen DigitalAgentur, Dr. André Göbel. Das Gespräch führte Dr. Eva-Charlotte Proll.

Behörden Spiegel: Warum braucht Brandenburg eine eigene DigitalAgentur?

Göbel: Eigentlich braucht nicht nur Brandenburg eine DigitalAgentur, sondern alle Bundeländer und auch der Bund brauchen eine solche Institution, die Kommunalebene, Vereine, Verbände mit der Landes-, der Bundes- sowie der EU-Ebene miteinander verbindet. Dahinter steckt der simple Wunsch, Investitionen in IT und Digitalisierung gemeinsam abzustimmen. Das spart Kosten, vermeidet die Wiederholung von Fehlern und schweißt unterschiedliche Akteure im Markt und Akteure der Gebietskörperschaften zusammen. Dies wird viel zu selten gemacht, wo doch Deutschland aufgrund der föderalen Strukturen bereits sehr viel Geld ausgegeben hat.

Behörden Spiegel: Was werden die zukünftigen Aufgaben und erste Projekte der DigitalAgentur Brandenburg sein?

Göbel: Die künftigen Aufgaben der DigitalAgentur werden darin liegen, Projekte in unterschiedlichen Intensitätsstufen zu unterstützen. Die DigitalAgentur wird Projekte oder Denkanstöße initiieren, Angebote schaffen um Projekte zu begleiten oder zu beraten, Kooperationen anzustoßen und auch Projekte und Programme koordinieren. In seltenen Fällen kann die DigitalAgentur die alleinige Projektleitung übernehmen. Die DigitalAgentur wird in erster Linie als ein weiches Instrument im Land platziert, um die Zusammenarbeit von Land und Kommunen in gemeinsamen Digitalisierungsfragen zu stärken und so zu platzieren, dass Kommunen das Land bei der Umsetzung seiner Digitalisierungsstrategie unterstützen können aber auch vice versa. Da wir in Deutschland die Konnexitätsfrage berücksichtigen müssen, geht Digitalisierung in diesem Bereich nur gemeinsam, wenn man sich vertraut und gemeinsame Ziele hat und die Projekte voneinander kennt. Dafür ist Kommunikation wichtig. Digitalisierung scheitert selten an der Technik, sondern meistens an der Organisation und der politischen Steuerung dahinter.

Behörden Spiegel: Wie sieht dies in der Praxis aus?

Göbel: Kommunen können bei technischen oder methodischen Fragen auf die DigitalAgentur zukommen. Wir werden konkrete Projekte, wie beispielweise die Schul-Cloud Brandenburg durch eine Programmkoordination unterstützen. Hier werden die bestehenden Partner aus Bildungsministerium, dem Hasso-Plattner-Institut und dem Landesinstitut für Schule und Medien (LISUM) gemeinsam koordiniert, dass die Pilotphase zur Etablierung der Schul-Cloud an 54 Pilotschulen ein Erfolg wird. Nächstes Jahr werden weitere 46 Schulen dazukommen. Damit werden 100 Schulden die geförderte Pilotphase abschließen. Pilotphase heißt, dass man einen abgegrenzten Förderzeitraum hat. Die DigitalAgentur trägt dazu bei, darüber nachzudenken, was nach der Förderphase geschieht. Es muss beantwortet werden, wie ein künftiges Betreibermodell der Schul-Cloud aussehen kann, wie die Zusammenarbeit mit weiteren konkreten Bundesländern beim Einsatz der Schul-Cloud fortgeführt wird, wie die Weiterentwicklung sichergestellt wird und wie der Rollout auf die restlichen 800 Schulen erfolgt, ohne dass es fünf bis sechs Jahre dauert. Der Bereich Bildung zeigt die Komplexität von Digitalisierung exemplarisch auf: Wir haben nicht nur die Investition in die Technologie, sondern auch die Breitbandanbindung der Schulen sowie die Fragen didaktischer und pädagogischen Weiterbildung. Was nützt es, Technik in der Schule zu haben, wenn den Lehrerinnen und Lehrern der Freiraum fehlt, sich selbst und mit der Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler vertraut zu machen.

Behörden Spiegel: Werden auch klassische Aufgaben der Verwaltungsdigitalisierung zu den Aufgaben der DigitalAgentur gehören?

Göbel: Bislang nicht. Der Gesellschaftervertrag sieht Projektinitiierung, -begleitung und impulsgebende Elemente der Digitalisierung vor und klammert explizit Bereiche der Verwaltungsmodernisierung und Aufgaben im Zusammenhang mit dem Auf- und Ausbau von E-Government aus. Dies liegt in der Zuständigkeit des Ministeriums des Inneren und für Kommunales.

Behörden Spiegel: Deutschland hatte bis vor einigen Jahren keine Erfahrung mit DigitalAgenturen. Derzeit entstehen in vielen Bereichen neue Organisationseinheiten, die die Digitalisierung vorantreiben sollen. Welche Vorteile bringt das Agentur-Modell und die Nähe zur ILB mit sich und was die neuen institutionellen Gründungen an Vorteilen?

Göbel: Häufig sind bestehende Agenturen aus der Umbenennung alter Breitbandkompetenzen hervorgegangen. Das Agentur-Modell, wie Brandenburg es etabliert, zeigt durch die GmbH-Form nach außen, dass man kein immanenter Teil der Landesverwaltung ist und in der Rolle der neutralen Koordinierung steht. Dies hat gegenüber Kommunen Vorteile. Die GmbH ist dabei irreführend. Es wird unterstellt, dass die Leistungen der DigitalAgentur teuer sein könnten, weil es ein Wirtschaftsunternehmen sei. Das stimmt an dieser Stelle nicht ganz. Wir haben einen betriebswirtschaftlichen Mitteleinsatz, aber wir sind als Tochtergesellschaft der Landesbank institutionell zu 100 Prozent durch das Wirtschaftsministerium gefördert. Insofern ist es nicht typisch eine Consulting-GmbH, sondern es ist eine Landesinstitution, die gemeinwohlbezogene Aufgaben übernimmt. Damit sind die Leistungen der DigitalAgentur für die abrufenden Kommunen oder Landesinstitutionen, Vereine, Verbände mit übergreifenden Projekten im Sinne der Digitalisierungsstrategie des Landes kostenfrei. Wir erbringen keine produktspezifische oder vertriebsorientierte Beratungstätigkeit, sondern stellen uns in heterogenen Projektgruppen zur Koordinierung oder fachlich-technischen Begleitung zur Verfügung. Insgesamt kommen sehr große Projektvorhaben auf uns zu: Das ist die Umsetzung des Digitalpakts Schule, die pilothafte Einführung der Schul-Cloud, Smart City und Smart Region Umsetzungsvorhaben. Dazu gehört ebenso das Angebot der Begleitung in Bundeswettbewerben zu 5G und der Breitbandversorgung. So hat Cottbus einen tollen Erfolg vermeldet, nämlich die Aufnahme in das Modellprojekt Smart Cities des Bundes. Solche großen Programme stellen eine gewisse Komplexität dar, denen vor allem kleinere und mittlere Kommunen nicht immer gewachsen sind. Und dafür ist das Angebot der DigitalAgentur da.

Behörden Spiegel: Was sind Ihre Planungen zum Thema Smart Village?

Göbel: Wichtig ist erstmal, dass wir Angebote schaffen. Ein Beispiel: Die Studie des Berlin-Institus für Bevölkerung und Entwicklung und des Vereins Neuland 21 hat 18 Projekte zu neuen Arbeitsformen untersucht. Die Dichte der gefundenen Modellprojekte ist in Brandenburg mit dem Berliner Speckgürtel hoch. Hier entwickelt sich entlang des Siedlungssterns Berlins eine tolle Digital-Worker-Community. Dazu Unterstützungsmöglichkeiten anzubieten und die Landesstrategie auf solche Communities auszurichten, gemeinsame Angebote mit den Landes- und Kommunal-Wirtschaftsförderungen zu schaffen, ist etwas ganz Wichtiges. Die künftige Landesregierung wird sich ein Regierungsprogramm geben, was an den gesellschaftlichen Herausforderungen der digitalen Transformation nicht vorbeikommen wird. Die Digitalisierung wird in zahlreichen Regierungsaspekten eine Rolle spielen müssen. Die DigitalAgentur ist allerdings nicht dafür da, die politischen Programme der Parteien zu kommentieren oder zu unterstützen. Dennoch hat sie den Kernauftrag, die Digitalstrategie der Landesregierung umzusetzen.

Behörden Spiegel: Andere Länder, wie Dänemark, Großbritannien und die USA zeigen, wenn eine DigitalAgentur aufgestellt ist, kann sie den digitalen Wandel rasant vorantreiben. Gab es Vorbilder bei der Ausgestaltung der rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Brandenburg?

Göbel: Ich kenne kein vergleichbares Modell in Deutschland. Im Unterschied zu anderen Agenturmodellen außerhalb Deutschlands, unterscheiden sie sich in einem wesentlichen Punkt: Diese Institutionen haben sehr viel eigenes Geld, um Projekte konkret anzuschieben und zu finanzieren. Für die DigitalAgentur gibt es hier eine Einschränkung, denn die Mittel im sächlichen Bereich sind im Wesentlichen für technische Projektorganisation, Kommunikationsarbeit, Veranstaltungen und methodisches Projektmanagement sowie Unterbringungs- und Reisekosten zu tragen. Der Schwerpunkt der Finanzierung der DigitalAgentur liegt im Personalbereich. Das heißt nicht, dass weniger Geld zur Verfügung steht, letztlich muss man das aus einem gesamten Landeshaushalt sehen und dann ist es eine Frage der politischen Steuerung, wo man die Gelder bereitstellt. Aktuell lautet die Maßgabe, dass die Gelder in den Fachressorts bleiben. Das ist auch gut so. Damit entscheiden die Fachressorts über die fachliche Notwendigkeit von IT-Investitionen. Unsere Rolle wird sein, die Notwendigkeiten für IT-Investitionen in die Digitalisierung und für neue Services in Kommunen, Vereinen, Verbänden oder dem Land deutlich zu machen, mit anderen die Konzepte zu erarbeiten und den Fachressorts Empfehlungen zu erarbeiten, wieviel Geld für eine sinnvolle Realisierung nach Kosten-Nutzen-Abwägung notwendig wäre. Häufig werden in Deutschland und weltweit schon für diese Phase der Vorplanung externe Berater teuer eingekauft, die jedoch keinen gemeinwohl-verpflichtenden Arbeitsauftrag wahrnehmen, sondern ein Geschäftsinteresse verfolgen. Unsere Professionalität besteht darin, hinreichend gute Projektplanungen und fachliche Spezifikationen vorzubereiten, die einer Mehrwerte-stiftenden Digitalisierung Brandenburgs zu Gute kommt.

Behörden Spiegel: Wie viele Beschäftigte hat die DigitalAgentur und wieviel Beschäftigte braucht man, um die künftigen Aufgaben bewältigen zu können?

Göbel: Die DigitalAgentur hat derzeit vier Mitarbeiter. Um die zweite Frage beantworten zu können, müsste man eine abschließende Liste von Projekten aus dem Kommunal- und Landesumfeld haben und die gibt es derzeit nicht. Wir werden entlang unserer Kapazitäten schauen, welche Unterstützungs- und Digitalisierungsprioritäten wir in Abstimmung mit der Landesregierung setzen. Die Personenzahl ist auf 20 gedeckelt, die bis spätestens Ende 2020 aufgebaut werden. Dementsprechend muss eine klare Priorisierung erfolgen.

Behörden Spiegel: Wie arbeitet die DigitalAgentur intern?

Göbel: Wir werden anders agieren, als es vielleicht erwartet wird. Die DigitalAgentur wird sich paritätisch aufstellen. Viele verschiedene Technologien sollen zum Einsatz kommen, um eine typisch heterogene Infrastruktur in der mobilen digitalen Kollaboration der Mitarbeitenden zu nutzen und zu reflektieren. Wir müssen sicherstellen, dass wir im gesamten Land unsere Arbeit erledigen können und vor Ort bei unseren “Kunden” wirken können. Das heißt nicht, dass wir gleichzeitig an stets festen Punkten, zum Beispiel in den Mittelzentren sind, sondern durch Pup-up-Büros dort präsent sind, wo grade Unterstützung benötigt wird. Dies muss natürlich auf technisch sehr gutem Stand erfolgen, der die digitale Kollaboration nicht nur als Arbeitsinstrument ermöglicht, sondern zeigt, wohin sich digitales Arbeiten in der Zukunft hin entwickelt. Damit ist die DigitalAgentur auch ein Reallabor für moderne Technologien in der öffentlichen Arbeitswelt.

Behörden Spiegel: Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Göbel: Die DigitalAgentur wird selbst nach agilen Methoden arbeiten, das heißt wir strukturieren unsere tägliche Arbeit nach Kanban-Boards und können sehr individuell Externe auf unsere Plattformen einbinden. Wir zeigen, wie man in Pop-up-Büros an multimedialen Bildschirmen mit Stift und Fingereingabe und einer natürlichen Art der Zusammenarbeit – als ob man sich gegenüber an einer Glaswand stünde – wie man simultanes ortsunabhängiges Zusammenarbeiten ermöglichen kann. Dies reduziert Reisekosten, schafft eine Effizienz in der Terminfindung und wirkt als zeitliche Beschleunigung zur Umsetzung von Digitalisierungsprojekten in Flächenland. Obendrein können diese Arbeitsergebnisse dann auch zeitunabhängig und individuell weiterbearbeitet werden. Denn nicht selten hat man erst nach einem Termin den besten Einfall.

Behörden Spiegel: Die Agentur gehört zur Zukunftsstrategie Digitales Brandenburg. Wie arbeitet die Agentur mit anderen öffentlichen Einrichtungen insbesondere den Kommunen und dem ländlichen Raum zusammen?

Göbel: Da steht die DigitalAgentur noch ganz am Anfang. Wir müssen jetzt die Regierungsbildung abwarten und sehen, welche landespolitischen Prioritäten gesetzt werden. Aufgabe ist es dann auf die Kommunen zuzugehen und entsprechende Angebote gemeinsam zu konzipieren. Es soll kein Elfenbeinturm als Besonderheit der Landesregierung gebaut werden, sondern als gemeinschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden. Die DigitalAgentur wird nicht das Schema-F-Angebot konzipieren, sondern ein offenes Ohr haben, wo es in der Umsetzung von Digitalisierungsprojekten zwischen Vereinen, Verbänden, kommunalen Gebietskörperschaften und dem Land hakt und entsprechende Prioritäten ableiten, wie sich die DigitalAgentur sinnstiftend positionieren kann, damit sie eine bestmögliche Wirkung für die weitere Digitalisierung des Landes mit sich bringt. Die Digitalagentur soll keine Insellösung schaffen, sondern als integraler Bestandteil der Digitalisierungsgemeinde in Brandenburg vernetzt sein und sich auch überregional vernetzen. Es heißt ja nicht, dass wir nur in Brandenburg die besten Lösungen entwickeln. Die DigitalAgentur muss so aufgestellt sein, dass sie überregionale Lösungen für Brandenburg bewerten und bei einer regionalen Integration fachlich, technisch und konzeptionell unterstützen kann. Und wenn wir dann noch dazu beitragen, tolle Digital-Projekte Brandenburgs auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt und adaptierbar machen, möchte ich für den Anfang unserer Arbeit gerne zufrieden sein.

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