Der Staat sollte mehr von Start-ups einkaufen

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Es reicht nicht, eine Idee zu haben, sie muss auch Realität werden. Mit dem Cyber Innovation Hub hat die Bundeswehr eine Einheit geschaffen, um Innovationen aus der Start-up-Welt schneller in die Hand ihrer Soldaten zu bringen. (Foto: BS/Bundeswehr Cyber Innovation Hub)

Die Politik konzipiert regelmäßig neue Förderinstrumente für Innovationen. Doch bei allen guten Bemühungen wird das Wesentliche oft übersehen: Entscheidend ist nicht, wie viel erfunden wird, sondern wie viel umgesetzt wird. Wenn der Innovationsstandort Deutschland erhalten bleiben soll, reicht es nicht, Anreize für Innovation zu setzen. Bei 44 Prozent Staatsquote ist der öffentliche Sektor ein bedeutender Marktteilnehmer, der auch für den eigenen Bedarf Innovationen nutzen muss.

Nicht nur die Investitionssumme in den Start-up-Sektor steigt stetig. Dem durchschnittlichen Start-up steht auch immer mehr Venture Capital zur Verfügung. Damit schwindet der Zugang zu Kapital als Wettbewerbsvorteil großer Unternehmen.

Das Rüstungsunternehmen, von dem die Bundeswehr in 20 Jahren vitale Technologien zur Verteidigung unseres Landes beziehen wird, wurde höchstwahrscheinlich noch nicht gegründet. Ähnlich dürfte es sich in anderen Branchen verhalten, z. B. im Energie- und Umwelt-, Mobilitäts- oder Finanzsektor. Fakt ist, dass das Start-up-Ökosystem zu einem Kerntreiber disruptiver Innovationen geworden ist. Selbstverständlich spielen auch traditionelle Akteure noch eine wichtige Rolle. Die volkswirtschaftliche Bedeutung von Start-ups nimmt aber zu, wie unschwer an der Entwicklung von Venture-Capital-Investitionen zu erkennen ist.

Unser aller Anspruch sollte ein moderner und effizienter Staat auf der Höhe der Zeit sein. Der öffentliche Sektor muss daher effektiven Zugang zu den Innovationen der Start-up-Szene haben. Die langwierigen und komplexen Entscheidungs- und Beschaffungsprozesse des öffentlichen Sektors stehen diesem Ziel jedoch entgegen.

Auch von der Arbeitsweise profitieren

Wer glaubt, der Erfolg von Start-ups gehe zurück auf “drei Nerds, die die richtige Idee zum richtigen Zeitpunkt hatten”, oder auf die erhöhte Risikobereitschaft von Gründern und Investoren, unterschätzt das Start-up-Ökosystem gewaltig. Sicher gibt es, wie in jeder Branche, die unterschiedlichsten Ausprägungen. Die besten Start-ups sind jedoch hochprofessionelle Umsetzungsmaschinen. Mit der Agile-Bewegung sind Organisations- und Zusammenarbeitssystematiken entstanden, die unter ungewissen, sich schnell ändernden Rahmenbedingungen tradierten Organisations- und Kollaborationsformen weit überlegen sind.

Der öffentliche Sektor ist gut beraten, stärker von den Erfahrungen und der Kultur des Start-up-Ökosystems zu lernen, denn die heutige Verwaltungspraxis verkörpert oft genau das Gegenteil der Agile-Kultur und ist nicht mehr zeitgemäß. Damit ist nicht gemeint, dass alles, was der Staat macht, schlecht ist. Schon gar nicht ist damit gemeint, dass die Bediensteten des Staates unfähig seien. Im Gegenteil: Es geht darum, ihr vorhandenes Potenzial freizusetzen und effektiver zu nutzen.

Der Erfahrungstransfer wird nachhaltig erst dann gelingen, wenn wir die Karrieresilos zwischen Staat und Start-ups (und anderen Bereichen) zugunsten einer höheren Durchlässigkeit zwischen Karrierewegen überwinden. Hierbei sind Konzerne übrigens keine Vorbilder. Denn obwohl sie jedes Jahr Hunderte von Start-ups kaufen, gelingt es ihnen kaum, Gründertalente über die obligatorische Lock-up-Periode hinaus im Unternehmen zu halten.

Der Staat muss ein guter Kunde werden

Der Vertriebszyklus für B2B-Produkte (“business to business”) beträgt in Deutschland zwei bis drei Jahre. Das ist im Vergleich zu den USA oder Israel langsam – und ein Problem. Der Vertriebszyklus für B2G-Produkte (“business to government”) beträgt fünf bis zehn Jahre. Das ist bei einer Staatsquote von ca. 44 Prozent ein gewaltiges Problem. Um dieses Problem anzugehen, gründete das Verteidigungsministerium den Cyber Innovation Hub.

Unsere Wirtschaftskraft liegt u. a. in unseren Exporten, durch die wir im Verhältnis zur Größe unseres Landes einen überproportionalen Wohlstand genießen. Produkte in der Frühphase – Innovationen – lassen sich nicht so einfach exportieren. Sie müssen dort entstehen, wo die Leitkunden (“Early Adopters”) sitzen. Denn die hohe Nutzerzentrierung und schnelle Iterationen zwischen Anbietern und Kunden sind zentrale Erfolgsfaktoren für Innovation. Dies gilt besonders für die prägende Startphase, bis die ersten zehn bis 20 Millionen Euro Umsatz erreicht sind. Wenn es in den USA leichter ist, ein Start-up aufzubauen, dann nicht, weil es dort weniger Gründungsbürokratie oder Abgaben gibt. Neben Marktgröße und Verfügbarkeit von Kapital sind primär die kürzeren Vertriebszyklen in B2B- und B2G-Märkten ausschlaggebend.

Im Verwaltungshandeln ist nicht etwa die fehlende Innovationsbereitschaft der Beamten und Soldaten, sondern die komplexe Gesamtprozesskette aus Bedarfsfeststellung, Bereitstellung von Haushaltsmitteln und Beschaffung das zentrale Innovationshemmnis. Der Staat muss lernen, ein “guter Kunde” zu werden und Innovationen effektiver umzusetzen.

Hieraus leiten sich drei relevante Key Performance Indicators (KPI) ab:
• der Anteil aller staatlichen Beschaffungsvorgänge, die durch Start-ups bedient werden, in Relation zum Anteil von Start-ups an der Schaffung neuer Arbeitsplätze;
• der Anteil von Start-up-Gründerinnen und -Gründern in den Führungsetagen der Ministe­rien und Ämter;
• die Entscheidungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit von innovativen Projekten, von der Idee bis zur Realisierung.

Zusammenarbeit mit ­Start-ups intensivieren

Die konsequente Orientierung an Start-ups und diesen drei Kennzahlen würde nicht nur der Start-up-Szene zugute kommen, sondern dem Innovationsstandort Deutschland insgesamt. Denn die Idee wäre nicht, Quoten und Subventionen für Start-ups zu schaffen. Wer die Zusammenarbeit mit Start-ups erleichtert und intensiviert, senkt für alle Marktteilnehmer bürokratiebasierte Marktschranken und fördert den Wettbewerb um die besten Ideen. Im Ergebnis muss der Staat auch in eigener Sache zeitnah und effizient Zugang zu den besten Innovationen und Produkten haben. Nur genau das ist heute nicht der Fall.

Die Autoren des Gastbeitrags sind Marcel “Otto” Yon, CEO, und Anja Theurer, CFO des Bundeswehr Cyber Innovation Hubs, der ersten Digital Innovation Unit eines Bundesministeriums.

Mit der Initiative “Staat-up” engagieren sich die Autoren für den Einzug der agilen Kultur in den öffentlichen Sektor, die Befähigung von “Public Intrapreneurs” als Treiber von Veränderung und die Förderung der ­direkten Zusammenarbeit zwischen Staat und Start-ups. Die Autoren vertreten ihre persönliche Meinung, nicht die des BMVg. Kontakt: mitgestalten@staat-up.net

Serie des Bundeswehr Cyber ­Innovation Hubs im Behörden Spiegel

Weitere Beiträge in der Serie “Staat-up” finden Sie hier.

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