Anpassung der sanitätsdienstlichen Fähigkeiten von NATO und EU

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Generaloberstabsarzt Dr. Ulrich Baumgärtner (Foto: BS/ Kdo SanDstBw, Dittrich)

Während der letzten zwei Jahrzehnte waren die Sanitätsdienste von NATO und EU weltweit erfolgreich an Stabilisierungsoperationen beteiligt. Die Überlebensraten von Verwundeten betrugen durch die hohen sanitätsdienstlichen Standards bei solchen Einsätzen bis zu 95 Prozent. Eine wesentliche Voraussetzung hierzu war die ständige Verfügbarkeit von Luftfahrzeugen für alle Phasen des Verwundetentransports (AIRMEDEVAC). Patientinnen und Patienten konnten direkt vom Ort der Verwundung mit MEDEVAC-Hubschraubern in entsprechende Sanitätseinrichtungen der Ebene 2 und 3 und danach transportstabil zur abschließenden Versorgung auf Einrichtungen der Ebene 4 geflogen werden.

Sanitätsdienst als verlässlicher Partner

Die Sanitätsdienste der an den weltweiten Einsätzen beteiligten Nationen haben umfangreiche medizinische Daten zur Patientenversorgung ausgewertet. Die Ergebnisse zur “Golden Hour” belegen eindeutig, dass die Sterblichkeitsrate in direktem Zusammenhang mit der Möglichkeit einer schnellen Erstversorgung, der Wirkung von Fremdkörpern, den verletzten Körperteilen und einem schnellen Transport stehen. Die Sanitätsdienste waren allen diesen Herausforderungen bisher gewachsen. Als durchhaltefähiger, verlässlicher und immer einsatzbereiter Bestandteil der Streitkräfte war der Sanitätsdienst somit auch eine wesentliche Voraussetzung einer erfolgreichen Operationsführung.

Die sicherheitspolitische Lage hat sich verändert

Im Licht der veränderten sicherheitspolitischen Lage und aktueller internationaler Bedingungen müssen sich die Sanitätsdienste der NATO und EU zukünftig auch verstärkt auf die Landes- und Bündnisverteidigung vorbereiten. Intensive Gefechtshandlungen mit erhöhtem Verwundetenaufkommen, reduzierte Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von AIRMEDEVAC und eine hohe taktische und operative Mobilität sind in diesem Zusammenhang denkbare Szenarien. Basierend auf den Erfahrungen der letzten beiden Jahrzehnte und entsprechend der anerkannten Doktrin ist die sanitätsdienstliche Unterstützung für die Landes- und Bündnisverteidigung daher so auszuplanen, dass die medizinische Versorgung den Standards der evidence based Medicine folgt. Somit müssen die Sanitätsdienste von NATO und EU über angepasste mobilere Fähigkeiten und höhere Kapazitäten verfügen. Sanitätsdienstliche Fähigkeiten der Ebene 1 und 2 im präklinischen Bereich für die Brigaden, Feldlazarette (MTF Ebene 3) mit höherer Intensiv- und Pflegekapazität und ausreichende taktische und strategische Verwundetentransportkapazitäten haben hier höchste Priorität, um besser für die zukünftigen Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung vorbereitet zu sein und den geforderten Versorgungsstandard zu gewährleisten. Dies bedingt für den Sanitätsdienst der Bundeswehr eine materielle Anpassung und teilweise Erneuerung der mobilen Sanitätseinrichtungen und Verwundetentransportmittel sowie einen deutlichen personellen Aufwuchs, um den geänderten Herausforderungen bis 2031 gerecht werden zu können.

Neue Aufgaben erfordern koordinierte internationale Zusammenarbeit

Zusätzlich sind alle Anstrengungen zu unternehmen, um die Effizienz sanitätsdienstlicher Versorgungskonzepte und Beschaffungen durch multinationale Kooperationen zu erhöhen. Die veränderte Sicherheitslage innerhalb der NATO erfordert wirksame operative sanitätsdienstliche Koordinierungsfähigkeiten und weitere organisatorische Lösungen, um die neuen Aufgaben der NATO zu erfüllen und Handlungsbereitschaft zu gewährleisten.

In diesem Sinne wurden kürzlich die beiden internationalen sanitätsdienstlichen Initiativen “Multinational Medical Coordination Centre” (MMCC) und das “European Medical Command” (EMC) im Rahmen der “Permanent Structured Cooperation” (PESCO) der EU in einer Einrichtung als MMCC/EMC am Standort Koblenz aufgestellt. Am 4. September 2019 haben die 14 Mitgliedsstaaten des MMCC/EMC in einer feierlichen Zeremonie dessen Initial Operating Capability erklärt.

MMCC/EMC als Leuchtturmprojekt

Die Aufgabe des MMCC/EMC ist es, die Sanitätsdienste der NATO und der EU als Koordinator zu unterstützen. Die Erfahrungen bei der Bewältigung von Großschadensereignissen oder der Ebola-Krise haben gezeigt, dass die Abhängigkeiten zwischen gesundheitlichem Bevölkerungsschutz und äußerer sowie innerer Sicherheit immer größer werden. Deshalb ist eine zukünftige Kernaufgabe des MMCC/EMC die Zivil-Militärische-Zusammenarbeit, insbesondere mit den Organisationen und Institutionen der EU-Nationen und EU-Einrichtungen. Dabei reicht das Aufgabenspektrum von der grenzübergreifenden Krisenbewältigung bis hin zur Bündnis- und Landesverteidigung. Ein besonderer Schwerpunkt liegt bei den Themen medizinischer ABC-Schutz sowie bei der Koordination des strategischen, supranationalen Verwundeten- und Krankentransports. Zum Wohle der uns anvertrauten Soldatinnen und Soldaten soll sich das MMCC/EMC zu einem Leuchtturmprojekt in der Zusammenarbeit der Sanitätsdienste von NATO und EU entwickeln.

Generaloberstabsarzt Dr. Ulrich Baumgärtner, Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, ist Verfasser des Gastbeitrages.

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