Digitale Innovation nachhaltig gestalten

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Wie Digitalisierung und Umwelt in Einklang zu bringen seien, diskutierten die Ideengeber nach Präsentation ihrer Thesen im Haus der Geschichte. (Foto: BS/Lukas Schäfer)

Als die großen Hype-Themen der Gegenwart stehen Klimaschutz und Digitalisierung in einem merkwürdig ambivalenten Verhältnis. Zwar gelten digitale Technologien als ressourcensparend, immerhin ist ihr Betrieb nicht mehr auf analoge Träger wie zum Beispiel Papier angewiesen, ihre Produktionsbedingungen sind es hingegen ganz und gar nicht. Nicht nur benötigen sie jede Menge Energie, auch seltene Metalle wie Cobalt und Tantal müssen unter schwierigen Bedingungen in Krisenländern abgebaut werden. Es scheint, als ließen sich Natur und Digitaltechnik aktuell noch auf keinen grünen Nenner bringen. Wie sie sich künftig besser ausbalancieren lassen oder – mehr noch – wie digitale Strategien selbst zur einer umsichtigen Klimastrategie beitragen können – darüber diskutierte man auf dem elften Bonner Netzwerkabend, einer Veranstaltung der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg und des Amts für Wirtschaftsförderung der Bundesstadt Bonn.

Dass Produktion und Betrieb digitaler Geräte nicht sonderlich energiesparend sind, dürfte hinlänglich bekannt sein. Dass eine einzige Transaktion via Blockchain aber ebenso stromintensiv ist wie der Betrieb eines Kühlschranks für ganze sieben Jahre, dürfte doch so manchen in Erstaunen versetzen. Pfleglicher Umgang mit Ressourcen sieht anders aus. Nichtsdestoweniger sei es in der aktuellen Situation falsch, in Hysterie zu verfallen und die Digitalisierung als Klimakiller zu verteufeln, meint Prof. Dr. Tobias Kollmann von der Universität Duisburg-Essen. Für ihn handelt es sich lediglich um Kinderkrankheiten, die schon in nicht allzu ferner Zeit beseitigt werden könnten. Mehr noch: In Anbetracht der Tatsache, dass digitale Techniken absehbar nur noch größeren Raum in unserem Leben beanspruchen würden, könne eine Antwort auf die Klimafrage einzig mit digitalen Lösungen erfolgen. Was derzeit noch fehle, sei der Wille, dies auch in ein politisches Programm umzumünzen.    

Es besteht Handlungszwang

Zwar liegt mit dem “Zukunftsvertrag” seit 2015 eine Nachhaltigkeitsagenda der UN vor, ein Blick ins Papier offenbart aber, dass Digitalisierung kein einziges Mal vorkommt. Das sei so nicht hinnehmbar, erklärt Marie Müller-Koné vom Bonn International Center for Conversion (bcc) und fordert Regulierungen für mehr Transparenz in der Herstellung von IT-Produkten: “Was wir brauchen, ist ein Lieferkettengesetz, das Licht ins Düster digitaler Produktion bringt. Mit anderen Worten: Richtlinien, die klar vorgeben, unter welchen Umständen die Beschaffung von Ressourcen für IT-Erzeugnisse verboten ist.” Inakzeptabel sei beispielsweise der Handel mit Kriminellen oder Regimen, in denen Kinderarbeit zur Normalität gehöre. Unternehmen, die solche Kollateralschäden trotzdem billigend in Kauf nähmen, müssten mit strengen Sanktionen bedacht werden. Auf lange Sicht – und im Sinne der Nachhaltigkeit – müsse man daraufhin arbeiten, Wirtschaftskreisläufe zirkulär auszurichten.   

Förderung grüner Start-ups

Ein zentrale Rolle könnten hierbei Start-ups einnehmen, die sich vornehmlich auf Innovationen im grünen Sektor konzentrieren. Das habe auch die deutsche Unternehmenslandschaft erkannt, sagt Axel Menneking vom “hub:raum” Investmentfond der Deutschen Telekom AG. Um grünen Technologien die Startbedingungen zu erleichtern, bräuchte es aber insgesamt mehr Wagniskapital, schließt er an. Dieses sei in Deutschland zwar nach wie vor rar gesät, zarte Anfänge eines Umdenkens seien inzwischen allerdings zu verspüren. Menneking sieht vor allem die Politik in der Pflicht, diese Tendenz zum Dauertrend auszuweiten: “Um den Anschluss – zumal im grünen Sektor – nicht zu verlieren, müssen transparente Förderprogramme her, um jungen Unternehmen den Weg durch das gefürchtete Valley of Death zu bahnen.” Dasselbe Umdenken äußere sich aber auch an anderer Stelle, gibt Stephan Grabmeier, Purpose Innovation Contributor, zu verstehen. Nachhaltigkeit und Verpflichtung gegenüber den Ressourcen der Welt seien mittlerweile in den etablierten Unternehmen angekommen. Und das nicht nur als Teil des Bandrings, der Außendarstellung, sondern als eine Kernkomponente der Corporate-identity. “Unternehmen heute noch als reine Gewinngeneratoren zu betrachten, würde vielen unter ihnen nicht gerecht. Vielmehr stellen sie die Sinnfrage ins Zentrum ihres Tuns. Mitarbeiter sollen sich mit einer Firma identifizieren, was aber nur möglich ist, wenn sie in ihren Werten übereinstimmen”, so Grabmeier. Aus dem Grund würden Arbeitnehmer heute, statt beispielsweise für Öl- oder Tabakfirmen tätig zu sein, lieber in klima- und gesundheitssensible Bereiche wechseln. Alles in allem günstige Zeichen also, dass auch Digitaltechnik und Naturschutz schon bald an einem Strang zögen.  

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