Therapeutenmangel hausgemacht?

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Bundesländer nach möglicher zukünftiger Schulgeldpflicht im 1. Quartal 2020, Quelle Heilmittelwirtschaftbericht 2019, up unternehmen praxis (Foto: www.up-aktuell.de)

Die Szenarien bezüglich der Grundversorgung durch Gesundheitsfachkräfte und Therapeuten werden mittlerweile nicht nur für den ländlichen Raum erstellt, mit dem Blick auf die steigenden Fallzahlen in der Patientenversorgung rücken auch die Ballungszentren in den Fokus. Wie gelingt es künftig die Versorgung schnell wachsender Städte sicherzustellen?

Das Ergebnis der Studie des Masterstudienganges Therapiewissenschaften der Hochschule Fresenius „Ich bin dann mal weg – Ausstieg aus den Therapieberufen“ aus 2017 unter 984 Teilnehmern aus den Gesundheitsberufen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie war alarmierend: Deutschland droht in den kommenden Jahren ein gewaltiger Mangel an Fachkräften im Gesundheitswesen. Von rund 1.000 Therapeuten ist tatsächlich jeder Vierte schon jetzt aus seinem Beruf ausgestiegen, fast die Hälfte denkt darüber nach. In den nächsten zehn Jahren werden zudem zahlreiche Praxisinhaber und festangestellte Therapeuten in Rente gehen. Gelingt es diese Lücke schnell zu schließen?

Wie bei allen Mangelberufen geht es um niedrigschwellige Zugänge und gezielte Nachwuchsförderung, gute Ausbildungsbedingungen sollten die Regel sein.  Klingt gut, allerdings erscheint beim Blick auf die bundesdeutsche Landkarte ein gewaltiger Flickenteppich. Die einen bekommen Ausbildungsvergütungen, die anderen müssen teilweise oder sogar komplett die Ausbildungsgebühren vorfinanzieren. Das ist immer schwerer zu vermitteln. Fakt ist: wenn nicht ausreichend Ausbildungsnachwuchs bereitsteht und die Hürden durch hohe finanzielle Belastungen einen Einstieg in den Therapeutenberuf erschweren oder verhindern, dann muss nachjustiert werden. Im Beschluss 8.7 forderte so auch die GMK eine bundeseinheitliche Regelung im Rahmen des „Gesamtkonzepts Gesundheitsfachberufe“ für die Schulgeldfreiheit in den nichtakademischen Gesundheitsfachberufen. Bis Ende 2019 soll diese vorgelegt werden.

Wie schaut es in der Praxis aus? In einigen Bundesländern konnten engagierte Akteure aus Politik, Verwaltung, Gesundheitswirtschaft und Wissenschaft eine Entlastung der Ausbildungsteilnehmer in den Gesundheitsfachberufen erwirken. Das Schulgeld wurde und wird hier zum Teil oder ganz aus Ländermitteln finanziert. Der Norden hat es vorgemacht: Schleswig-Holstein ist Vorreiter in puncto Schulgeldfreiheit. Seit Januar 2019 übernimmt das Land die Schulgelder für die Ausbildungen Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie komplett. Das ist ermutigend, doch obwohl in den vergangenen Monaten durchaus Bewegung in die Sache kam, ist der aktuelle Status für die übrigen Bundesländer sehr unbefriedigend und nicht gerecht im Sinne einer Gleichstellung für alle. Hinzu kommt, dass es in den meisten Engpassberufen im Gesundheitsbereich zu einem deutlichen Anstieg der Vakanzzeit gekommen ist.

Am Beispiel der praxisorientierten klassischen Logopädieausbildung in Berlin wird dies überdeutlich. Die Ausbildungsdauer beträgt drei Jahre. Während dieser Zeit ist bis auf wenige Sonderfälle an den Ausbildungseinrichtungen das Schulgeld zu entrichten. Die für die Ausbildung aufzuwendende Summe kann sich dabei auf bis zu 20.000 Euro summieren.

Beginnend bei der Schluck-, Sprech-, Sprach- oder Stimmtherapie, über den Einsatz im klinischen Umfeld, Pflege oder Rehabilitation bis zur Kinder- und Erwachsenentherapie – das Berufsbild ist vielschichtig und anspruchsvoll, der Bedarf an Therapien steigt kontinuierlich. Der Blick in die Statistiken belegt: immer weniger Therapeuten pro Einzugsgebiet vs. steigende Patientenzahlen durch Zuzug und Anstieg der Störungsbilder sind schon jetzt die Regel, Tendenz steigend. Alleine bei den Schuleintrittsuntersuchungen hat sich die Zahl der Kinder mit erheblichen Sprachauffälligkeiten in den letzten Jahren verfünffacht, zusätzliche Faktoren wie Bilingualität beeinflussen die Nachfrage ebenfalls und fordern komplexe therapeutische Ansätze. Die durchschnittlichen Wartelisten in den Praxen ergeben derzeit eine Zahl von bis zu sechs Wochen. Bis zum Jahr 2028 werden zwischen 10 bis 20 Prozent der derzeitigen Logopäden in Rente gehen, dazu kommt eine Abbrecherquote von etwa zehn Prozent der Ausbildungsteilnehmer pro Jahr. Die Bedarfslücke wird also sprunghaft steigen. Um den Bedarf an Neuzugängen für den Logopädieberuf zu decken, bräuchte es sehr viel mehr und vor allem für alle zugängliche Ausbildungsplätze. Obwohl das Interesse an diesem Berufsfeld groß ist, die derzeitigen Kosten und damit verbundenen hohen Belastungen können sich nicht alle fachlich geeigneten Interessenten oder einkommensschwache Haushalte leisten. Fazit: viele potentielle Kandidaten stehen dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht zur Verfügung.  Dabei zählen die Logopäden laut Fachkräfteengpassanalyse der Arbeitsagentur längst zu den Mangelberufen. Das lässt sich an den Vakanzzeiten ableiten. Die aktuelle Wartezeit, bis neue Stellen in den Praxen oder Kliniken neu besetzt werden können, hat sich auf mittlerweile bis zu 180 Tage im Durchschnitt erhöht. Offene Stellen in der Sprachtherapie stiegen um 8,3 Prozent, die Zahl der Arbeitssuchenden ging um 9,7 Prozent zurück. In solchen Fällen hilft auch das Motto „Berlin zieht immer“ nur noch bedingt. Denn unabhängig vom Schuldgeld, das sich im Bereich zwischen 400 und 500 Euro pro Monat bewegen kann, sind Lebenshaltungskosten und hohe Mieten ein weiterer Grund für angehende Therapeuten, sich in anderen Bundesländern umzuschauen und zu wechseln. Gute Beispiele gibt es ja genug. Seit dem ersten August 2019 ist die Ausbildung in Niedersachsen kostenlos, auch in Bayern greift der Gesundheitsbonus, die Gesundheitsfachschulen erheben kein Schulgeld mehr. In Nordrhein-Westfalen werden rückwirkend zum ersten September 2018 schon 70 Prozent des konkret erhobenen Schulgeldes von Schulen, die nicht unter das Krankenhausfinanzierungsgesetz fallen, finanziert.

Gerecht ist das System genauso wenig wie zielführend. Eine aktuelle Umfrage aus dem Jahr 2019 unter angehenden Logopäden, die die Ausbildung selbst finanzieren, ergab: Als ungerecht  wird empfunden, dass die finanzielle Belastung der logopädischen Ausbildung im Vergleich zu anderen Disziplinen wie Physio- und Ergotherapie   am höchsten ist und die monatliche Belastung dementsprechend hoch.  61 Prozent gaben an, neben der Ausbildung zu arbeiten, um das Schulgeld zu finanzieren. 82,8 Prozent arbeiten am Wochenende, 34,5 Prozent arbeiten im Schichtdienst, 10,3 Stunden im Durchschnitt arbeiten die Schüler pro Woche parallel zur Ausbildung.

Für die künftigen Therapeuten ein frustrierender Zustand. So ist die Ausbildung an der Berliner Charité zum Oktober 2018 mittlerweile rückwirkend kostenfrei, bei anderen freien Trägern gibt es Sonderregelungen ab 2020, an einigen Schulen müssen die Logopäden in spe weiterhin die Ausbildung noch komplett finanzieren.

Wann hier Änderung in Sicht ist? Noch herrscht der Eindruck, das Land Berlin wartet auf eine Bundesregelung statt zu handeln. Viel Zeit zu verlieren gibt es allerdings nicht. Die Herausforderungen hinsichtlich der wachsenden Stadt und ihrer künftigen Bevölkerungsstruktur, in der Kinder- und Erwachsenenversorgung sowie im klinischen Sektor sind zu groß.  

Gret Beccard, freie Journalistin für Wirtschaftsthemen (D/A/CH), ist Verfasserin des Gastbeitrages.

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