Im ganzen Land wollen Kommunen in die Luft gehen

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Auch in Koblenz gab es zunächst starke Proteste gegen die Seilbahn zur Bundesgartenschau 2011. Als sie dann wieder abgebaut werden sollte, hatte sie so große Sympathien gewonnen, dass die Bevölkerung sich nachdrücklich für ihren Erhalt einsetzte. (Foto: 591360. pixabay.com)

Dass der Verkehr sich wandelt und für eine nachhaltige Zukunft wandeln muss, ist schon lange keine Neuigkeit mehr. Politik, Verwaltung und Gesellschaft müssen immer mehr Herausforderungen ins Auge sehen, die ein Weiter sowie bislang perspektivisch schlicht unmöglich machen werden. Das prominenteste Problem ist sicherlich der Klimawandel, der alle Verkehrsteilnehmer zu saubereren Lösungen drängt, doch auch die immer volleren Straßen sowie aus allen Nähten platzende ÖPNV-Systeme zwingen Kommunen zu neuen Ideen für den Verkehr von morgen. Eine Möglichkeit ist dabei der Weg in die Luft – und zwar ohne Flugtaxi, dafür aber mit Stahlseil gesichert.

Einige solcher Gefährte gab und gibt es bereits in Deutschland, beispielsweise in Köln über den Rhein, in Berlin durch das Gelände der Internationalen Gartenausstellung (IGA) sowie in Kiel, wo eine Seilbahn knapp 20 Jahre lang ein dortiges Großkaufhaus mit dem hauseigenen Parkhaus auf der anderen Seite des alten Bootshafens verband. Was es bislang allerdings noch nicht gab, ist eine Seilbahn mit reiner Zweckbindung als Alternative im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Diese Lösungsmöglichkeit wird aber immer häufiger diskutiert, etwa in der ehemaligen Bundeshauptstadt Bonn. Auf dem dortigen Venusberg liegen eine Reihe von Krankenhäusern, nicht zuletzt die Uniklinik. Durch die zugebaute Lage und die Enge des bewaldeten Berges ist die Park- und Verkehrssituation allerdings seit Jahren ausgelastet. Seit einiger Zeit gibt es in der Stadt daher die Idee, eine Seilbahn zu bauen, die vom Venusberg über das ehemalige Regierungsviertel verläuft und mit Haltestellen am neuen UN Campus sowie dem Posttower bis nach Ramersdorf auf der anderen Rheinseite führen könnte. Auf diese Weise sollen Besucher oder Mitarbeiter der Einrichtungen auf dem Venusberg entweder über gut angebundene ÖPNV-Knotenpunkte wie den UN-Campus oder via Park-and-Ride-Station in Ramersdorf in den Zubringer einsteigen können. Um die Machbarkeit einer solchen Baumaßnahme zu evaluieren, hat die Stadt Bonn bereits im Frühjahr eine Kosten-Nutzen-Analyse in Auftrag gegeben, die seit dem Spätsommer vorliegt und aktuell in Teilen vom Stadtrat diskutiert wird. Öffentlich gemacht habe die Stadt das Dokument allerdings noch nicht, weil man noch mit dem Land Nordrhein-Westfalen und dem Bund in Abstimmungsgesprächen sei, bei denen es unter anderem auch um eine mögliche finanzielle Förderung des Projektes gehe. Aktuell ist ein Ausgang der Geschichte in der Bundesstadt offen.

In der Praxis bewährt

Als prüfenswertes Verkehrsmittel sehen auch verschiedene Kommunalverbände den “angeleinten” Weg durch die Luft. Aus dem Verkehrsdezernat des Deutschen Städte- und Gemeindebundes heißt es zu dem Thema, dass es durchaus als Baustein eines breit aufgestellten ÖPNV integriert werden könne. So sei es durch diverse touristische und vor allem alpine Projekte ein technisch und praktisch absolut bewährtes Konzept, das in Kommunen mit den entsprechenden topografischen Rahmenbedingungen gerade auch von den Kapazitätsmöglichkeiten her eine interessante Alternative zum herkömmlichen Straßen und Schienenverkehr sein könne. Dabei spiele auch zusätzlich immer noch ein touristischer Faktor mit in das Gesamtbild, sodass eine Seilbahn durchaus eine Anziehung für auswärtige Menschen bieten könne. Ein Beispiel für eine nach diesen Charakteristika gelungene Integration einer Seilbahn in das Stadtbild gibt die Stadt Koblenz. Dort wurde die Seilbahn mit der weltweit größten Förderkapazität ursprünglich für die dortige Bundesgartenschau (Buga) im Jahr 2011 errichtet, um innerhalb des Stadtgebietes eine Verbindung zwischen der Altstadt am Deutschen Eck und der auf der anderen Rheinseite sowie auf 180 Höhenmetern gelegenen Festung Ehrenbreitstein zu schaffen. Aufgrund heftiger Proteste aus der Bevölkerung war das Konstrukt so ausgelegt, dass man es nach der Buga wieder hätte abbauen können; allerdings waren die Bürger der Stadt anschließend so begeistert von der schnellen Verbindung auf die Anhöhe am anderen Ufer, dass die Seilbahn bis heute steht und sogar von der UNESCO attestiert bekam, dass sie das Welterbe “Mittelrheintal” nicht beeinträchtige, sondern im Gegenteil sogar erstmals eine vernünftige Verbindung aus der Stadt zur Festung ermögliche.

Auch der Deutsche Städtetag sieht solche Projekte als Möglichkeit für eine “sinnvolle Ergänzung für den Öffentlichen Nahverkehr”, wie Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy erklärt. Die Hauptgemeinsamkeit der Seilbahnprojekte in Koblenz, Berlin und auch Köln: Sie “sind für Gartenausstellungen gebaut worden und werden nun nachgenutzt”. Aber auch in anderen Kommunen gebe es Potenziale, vor allem in jenen “Städten, die aufgrund ihrer geografischen Lage eine Alternative zu den etablierten Nahverkehrsmitteln brauchen.” Dabei sei aber wichtig, dass diese nicht mehr nur privat betrieben und kommunal gefördert würden, so Dedy: “Wichtig ist, dass sie auch sinnvoll in das Tarifsystem vor Ort integriert werden können. Der Deutsche Städtetag hat deshalb den Bund gebeten, urbane Seilbahnen, die Nahverkehrsaufgaben erfüllen, in den Förderkatalog zum Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz aufzunehmen.” Gerade bei der angesprochenen Integration in die gegebenen Strukturen des ÖPNV hakt es derzeit noch deutlich. Zwar prüft die Berliner BVG derzeit, die für die Internationale Gartenausstellung (IGA) 2017 errichtete Seilbahn in ihr System zu übernehmen, allerdings ist diese nicht frei zugänglich und führt zudem lediglich über besagtes IGA-Ausstellungsgelände, das seitdem als “Gärten der Welt” Naherholung für die Berliner Bevölkerung bietet. Und auch in Köln und Koblenz gibt es die Seilbahnfahrt nur gegen separate Tickets.

Dabei spricht für die kommunale Seite vieles für den Einsatz von Seilbahnen. So liegt allein die Bauzeit deutlich unter der von Schienensystemen: Während Bahnen unter Tage oder neue Straßenprojekte im Regelfall mehrere Jahrzehnte von der Idee über die Planung bis zum Bau benötigen, können spezialisierte Seilbahnbauer eine Stadtbahnlinie in knapp zwei Jahren hochziehen, wenn keine allzu großen Hürden zu überwinden sind. Und auch die Kosten sind nur mit einem Bruchteil von denen einer neuen U-Bahn-Trasse zu verorten.

Vorbehalte trotz vieler Pluspunkte

Doch bei aller vermeintlicher Aufbruchsstimmung gibt es auch einige Vorbehalte gegen die Verkehrslösung, über den Stau hinweg zu schweben. In Köln scheint das geplante “Rheinpendel”, das insgesamt 21 Haltestellen entlang des Rheines bieten soll, beispielsweise schon allein deswegen zum Misslingen verdammt, da nicht nur das Koblenzer Rheintal, sondern auch der Kölner Dom zum UNESCO-Welterbe gehört und man dort bereits vor einigen Jahren durch den Bau eines Hochhauses auf der anderen Rheinseite kurz davor stand, diesen Status – und damit viele Millionen Euro Fördergelder – entzogen zu bekommen. Noch einmal wird die UNESCO sich in einer Diskussion mit der Stadt wohl nicht gnädig zeigen, wenn bereits Tatsachen vonseiten der Kölner Stadtplaner geschaffen wurden. Ein weiterer Kritikpunkt kommt regelmäßig aus der Bürgerschaft selbst. Während Pendler die Seilbahnen als nervenschonende Lösung sehen, den Straßen- und Schienenverkehr zu umgehen, wehren sich die Anlieger der Strecke. Hauptargument gegen einen Bau von Trassen durch die Stadt ist dabei die möglicherweise erfolgende Verletzung der Privatsphäre der darunter lebenden Bürger, da die Gondeln in einer nur geringen Höhe über den Häusern fahren würden. Zudem komme, neben der temporären Beeinträchtigung durch neue Großbaustellen, eine Verunstaltung des Stadtbildes mit dazugehöriger Abwertung von Immobilien sowie eine Lärmbelästigung durch die Reibung der Stahlseile dazu. Auch die Zerstörung von Wald- und Naturflächen wird kritisch gesehen. All diese Einwände führten beispielsweise im rheinischen Wuppertal dazu, dass ein durch die Politik geplantes und ausgiebig beworbenes Seilbahnprojekt in einer Bürgerbefragung in diesem Jahr mit mehr als 60 Prozent der Stimmen deutlich abgelehnt wurde und das Ende der Bemühungen bedeutete. Ein Votum dieser Größenordnung, das insgesamt knapp 83.000 Nein-Stimmen bedeutet, stellt im Vergleich auch eine neue Petition in Bonn in den Schatten, wo kurz vor der Veröffentlichung der Machbarkeitsstudie noch einmal Druck für den Bau der kommunalen Seilbahn auf den Venusberg gemacht werden sollte. Die Zahl der Unterschriften: gut 5.000 Stück. Ob dies reichen wird, um Schwung in das Projekt zu bringen, bleibt abzuwarten.

Mehr Informationen zum Fuhrparkmanagement findet man im aktuellen Behörden Spiegel auf den Seiten 30 bis 31.

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