Selbst erlebte duale Karriere

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Prof. Dr. Martin Elbe in seinem Büro am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam. Im Bücherregal stehen zahlreiche Publikationen mit Beiträgen von ihm. (Foto: BS/Portugall)

Der Blick aus dem Büro von Dipl.-Kfm. Dipl.-Soz. Prof. Dr. rer. pol. Martin Elbe geht auf einen idyllischen Park am Ufer der Havel. Er sitzt – standesgemäß – in der Potsdamer Villa Ingenheim, wo sich seit 2013 das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) befindet. Die Villa ist ein traditionsreiches Gebäude im Westen der brandenburgischen Landeshauptstadt (Baubeginn 1825 und benannt nach Graf Gustav von Ingenheim). Prof. Elbe forscht dort als ziviler Sozialwissenschaftler und Projektleiter.

Elbe realisiert sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte zu Personal und Organisation der Bundeswehr für das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg). Darüber hinaus hat er sein Themenfeld erweitert um Grundlagen wie “Methoden der empirischen Sozialforschung”, aber auch um Spezialthemen wie “Sport” und “Gesundheit”.

Ansonsten bearbeitet Prof. Elbe seine etablierten Forschungsfelder: duale Karrieren ehemaliger Offiziere, Personalmanagement, Führung und Organisation. Dazu sind in diesem Jahr bereits zwei Bücher erschienen: zum einen im September – von ihm herausgegeben – “Duale Karriere als Institution” sowie zum anderen, zwei Wochen später – mit ihm und dem Wissenschaftlichen Direktor Dr. Gregor Richter als Herausgeber – “Personalmanagement in der Bundeswehr”.

Der AMS

Darüber hinaus kooperiert er eng mit dem Arbeitskreis Militär und Sozialwissenschaften e. V. (AMS). 2020 wird zu einer Kooperationsveranstaltung zwischen ZMSBw und AMS “Gesundheit des Militärs” von ihm ein Tagungsband herausgegeben. In dieser Form hat sich mit dem Thema hierzulande kaum jemand wissenschaftlich auseinandergesetzt. Natürlich gibt es das Sanitätswesen. Hier geht es aber um eine “umfassende, interdisziplinäre Gesundheitsperspektive” im Sinne von “Public Health des Militärs” – um diesen “Terminus technicus” zu gebrauchen. Die letzte Jahrestagung des AMS beschäftigte sich mit dem Thema “Philosophie des Militärs”, und nun ist dieser Tagungsband vorzubereiten.

Seit 2017 ist Prof. Elbe Vorsitzender des AMS. Der 1971 gegründete Verein versteht sich als “überparteiliches und organisatorisch unabhängiges Informations- und Kommunikationsforum für sozialwissenschaftliche Fragestellungen in Bezug auf Militär und Sicherheitspolitik”.

Wissenschaftler mit Leib und Seele

Aktuell arbeitet Prof. Elbe mit zwei Kollegen (dem Leitenden Wissenschaftlichen Direktor Dr. Heiko Biehl und dem Wissenschaftlichen Oberrat Dr. Markus Steinbrecher) an einem zweibändigen Kompendium des ZMSBw zur “Empirischen Sozialforschung in den Streitkräften”. Die Kollegen sind beides Beamte, Prof. Elbe arbeitet als wissenschaftlicher Angestellter am Zentrum.

Die Verbeamtung verpasste er knapp. Seit September 2016 am Zentrum tätig, hatte er im Mai 2017 einen Antrag zur Übernahme in das Beamtenverhältnis gestellt. Das schien auch problemlos zu funktionieren, die vorgeschriebene medizinische Untersuchung hatte er bereits bestanden. Dann wurde im August 2017 neu geregelt, dass Bundesbeamte, die älter als 50 Jahre sind, nicht mehr verbeamtet werden können. Pech gehabt. Auf seine Arbeit hat dieser berufsrechtliche Unterschied jedoch keine Auswirkung.

Prof. Elbes wissenschaftlicher Output kann sich sehen lassen: Er ist Autor beziehungsweise Herausgeber von bisher elf Büchern. Außerdem hat er 89 Artikel beziehungsweise Aufsätze in Fachzeitschriften, Lexika und Readern veröffentlicht. Er hält zahlreiche Vorträge auf nationalen und internationalen wissenschaftlichen Konferenzen. Für Mitte März 2020 plant Elbe am ZMSBw bereits erneut eine Tagung, nun zum Thema “Sport des Militärs” – auch wieder mit anschließendem Tagungsband. Aus wissenschaftlicher Perspektive ebenfalls ein neues Thema in Deutschland.

Seit 1997 ist Prof. Elbe in der Wissenschaft tätig. Was ihn am ZMSBw besonders freut: “Hier kann ich mein bisheriges Forschungsprofil, d. h. meine fachlichen Themengebiete, voll umfänglich realisieren.”

Ein praktisches Beispiel: Anfang 2017 kam aus dem Ministerbüro des BMVg der Forschungsauftrag für das Potsdamer Zentrum, eine Karriereanalyse zum Thema “Duale Karriere ehemaliger Offiziere” zu erstellen. Genau zu diesem Thema konnte Prof. Elbe auf eine Studie zurückgreifen, an der er bereits in den Jahren 2001/2002 beteiligt war.

Veröffentlicht worden war diese unter dem Titel “Kaderschmiede Bundeswehr? Vom Offizier zum Manager. Karriereperspektiven von Absolventen der Universitäten der Bundeswehr in Wirtschaft und Verwaltung”. Die Herausgegeberschaft hatte der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Rainer Marr inne, der bis 2007 an der Bundeswehr-Universität in München (UniBwM) forschte und lehrte.

Schon früh in seinem Berufsleben, d. h. lange vor seiner Forscherlaufbahn, kam Martin Elbe mit der Bundeswehr in Berührung.

Soldat

1988 ging der junge Mann als Offizieranwärter zur Bundeswehr und wurde beim Heer Zeitsoldat für zwölf Jahre (SaZ 12). In dieser Zeit studierte er Wirtschafts- und Organisationswissenschaften an der UniBwM.

Im Studium lernte er Dr. Siegfried Schneider im Fach EGA (Erziehungs- und Gesellschaftswissenschaftliche Anteile) kennen. Dieser kam vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr (SwInstBw) in München –­
einem Vorläuferinstitut des ZMSBw. Dessen Themen gefielen ­Martin Elbe so sehr, dass er nach dem Studium an das SwInstBw versetzt werden wollte.

Nach seinem ersten Abschluss an der UniBwM als Diplom-Kaufmann im Jahre 1994 wurde seinem Versetzungswunsch ans SOWI (wie das Institut intern hieß) jedoch nicht entsprochen. Stattdessen absolvierte Elbe zwei Jahre im Truppendienst bei der elektronischen Kampfführung (EloKa). In seinem letzten Jahr bei der Bundeswehr wurde er dann an den Lehrstuhl für Organisationspsychologie von Prof. Sonja Sackmann PhD versetzt. Ende 1997 schied er auf eigenen Wunsch vorzeitig aus der Bundeswehr, im Rang eines Hauptmanns, aus.

Weiterqualifizierungen

Bereits während seines Wehrdienstes finanzierte der Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD) zur Eingliederung in den zivilen Arbeitsmarkt unter anderem eine Weiterbildung zum Qualitätsmanagement-Auditor (QMA).

Noch bevor er die Streitkräfte verließ, hatte er an der zivilen Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München ein Zweitstudium der Soziologie und Sozialpsychologie aufgenommen, welches er 1999 als Diplom-Soziologe abschloss. Dieses Studium dauerte nur zwei Jahre, da Teile seines Erststudiums anerkannt worden waren.

Seine Bewertung: “Das Zweitstudium hat meinen soziologischen Blick geschärft und mir das Verstehen, als wissenschaftliche Perspektive, nahegebracht.” Mit diesem “geschärften Blick” war er – nun als Zivilist – von 1999 an wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Prof. Marr an der Bundeswehr-Universität in München, wo er 2001 bei Prof. Sackmann mit der Dissertation “Wissen und Methode. Grundlagen der verstehenden Organisationswissenschaft” zum “Doctor rerum politicarum” (Dr. rer. pol.) promoviert wurde. Das Zweitgutachten übernahm Prof. Marr. Ab 2001 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl der Organisationssoziologin Prof. Dr. Andrea Maurer an der UniBwM.

Professor

In den folgenden zehn Jahren war er Professor an privaten Fachhochschulen in Deutschland: Ende 2005 hatte er einen Ruf auf die Professur für Organisation und Personalmanagement an die Fachhochschule für angewandtes Management (heute: Hochschule für angewandtes Management) erhalten. Im Jahr darauf erfolgte dort die Ernennung zum FH-Professor am damaligen Hochschulstandort in Erding bei München. Anschließend war er dann Professor für Organisation und Personalmanagement an der Hochschule für Gesundheit und Sport und schließlich, bis 2016, für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Berlin.

Durch diese zehnjährige Forschungs- und Lehrtätigkeit hatte Elbe die Voraussetzung erfüllt, den Titel “Professor” nicht mehr nur als Berufsbezeichnung führen zu dürfen, sondern fortan als persönlichen akademischen Titel auf Lebenszeit.

Erfahrungen

Prof. Elbe hat auch das privatwirtschaftliche Berufsleben kennengelernt. Nach der Realschule absolvierte er zunächst von 1983 bis 1986 bei der Siemens AG in München eine Ausbildung zum Industriekaufmann und arbeitete in diesem Bereich.

2000 war er kurzzeitig Leiter der Zertifizierungsstelle für Personal der TÜV Süd-Akademie in München und arbeitete mehrere Jahre lang (teilweise haupt-, teilweise nebenberuflich) als Organisationsberater.

Auch verbandsmäßig ist Prof. Elbe tätig: Neben dem Arbeitskreis Militär und Sozialwissenschaften war er von 2012 bis 2016 Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Betriebliche Weiterbildungsforschung (ABWF). Er ist außerdem Mitglied des Deutschen Bundeswehrverbandes (DBwV), der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und der “European Research Group on Military and Society” (ERGOMAS). Darüber hinaus ist er auch Initiator der Initiative “Verstehende Organisations- und Persönlichkeitsentwicklung”.

Privates

Geboren wurde Martin Elbe 1965 in München. Dort ist er mit drei Geschwistern aufgewachsen und hat fast 40 Jahre lang in der bayerischen Landeshauptstadt gelebt. Die Folge: “Ich liebe Berge, Seen und die bayerische Landeshauptstadt”, so der Wissenschaftler.

Mittlerweile wohnt er in Berlin, ist verheiratet mit der Ärztin Dr. Katrin Elbe und hat ein Kind. Seine Hobbys sind Skilanglauf und Kunst. Als Ausgleich für Forschung und Lehre in geschlossenen Räumen macht er ausgesprochen gerne Gartenarbeit an der frischen Luft.

Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) zählt zu den Ressortforschungseinrichtungen des Bundes im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg). Es versteht sich als dessen Dienstleister für militärhistorische Grundlagenforschung sowie militärsoziologische und sicherheitspolitische Auftragsforschung.

Dazu erforscht es einerseits die deutsche Militärgeschichte – mit Schwerpunkt auf dem Zeitalter der Weltkriege sowie der Militärgeschichte der Bundesrepublik und der DDR in ihren Bündnissen – nach den Methoden und Standards der allgemeinen Geschichtswissenschaft unter Berücksichtigung der Wechselbeziehungen zwischen Militär, Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Öffentlichkeit. Andererseits leistet es mit seinen sozialwissenschaftlichen Forschungsbereichen einen Beitrag zur Fortentwicklung der Militärsoziologie und der Sicherheitspolitik sowie zur wissenschaftsbasierten Politikberatung. Dabei stehen geschichts- und sozialwissenschaftliche Forschungen in einem wechselseitigen Austausch. Das Zentrum arbeitet auf der Grundlage der grundgesetzlich garantierten Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre sowie der von der Bundesregierung anerkannten Exzellenzkriterien wissenschaftlicher Forschung.

Der Doppelcharakter als zentrale Forschungseinrichtung des Bundes und als militärische Dienststelle der Bundeswehr steht hierzu nicht in Widerspruch. Forschungsfelder und Rahmenbedingungen können zwar bedarfs­orientiert vorgegeben werden, nicht jedoch die Wahl der Methoden sowie die Forschungsergebnisse und deren Darstellung. Die Forschungsarbeit trägt internationalen Standards ihrer jeweiligen Disziplin Rechnung und wird durch adäquate Verfahren zur Qualitätssicherung fortlaufend evaluiert. Damit wirkt das ZMSBw am wissenschaftlichen Diskurs über die Rolle der Streitkräfte in Staat und Gesellschaft bestimmend mit.

Das ZMSBw dient damit sowohl dem BMVg und den Streitkräften als auch der Fachwissenschaft und der Öffentlichkeit. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden dem BMVg als Informationen, Entscheidungshilfen und Beratungsleistungen zur Verfügung gestellt. Das Zentrum begleitet und unterstützt die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Die Arbeitsergebnisse werden von Fachverlagen oder im Zentrum selbst veröffentlicht und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Sozialwissenschaftliche Forschungsberichte der letzten 50 Jahre können unter der Rubrik Veröffentlichungen von der Internet-Seite (www.zmsbw.de) heruntergeladen werden. Die Nutzung neuer Medien (z. B. Online-Datenbanken zu relevanten militärhistorischen und sozialwissenschaftlichen Themen) für Forschung und Lehre, die historische Bildung und die Einsatzunterstützung soll weiter verstärkt werden.

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