Wie lässt sich die Verwaltungsdigitalisierung beschleunigen?

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Rund 300 Teilnehmer kamen in den Lübecker Media Docks zum 19. Kongress “Innovatives Management” ­zusammen. (Foto: BS/MACH AG)

Wie kann die Modernisierung im öffentlichen Bereich schneller gelingen? Dieser Frage gingen im Rahmen des diesjährigen Kongresses “Innovatives Management” in Lübeck rund 300 Führungskräfte aus Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft nach. Am Ende der verschiedenen Diskussion stand auch hier die Erkenntnis, dass in der Kooperation ein wesentlicher Faktor für eine möglichst rasche und erfolgreiche Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung liegt.

Wie gelingt die Digitalisierung von 575 Verwaltungsleistungen laut Onlinezugangsgesetz (OZG)? Wie lässt sich der Verkehrsfluss in Städten optimieren? Wie sieht die Zukunft der Verwaltung in Zeiten von Quantencomputing und Bot Economies aus? Dass die Antworten in der smarten Umsetzung von digitalen Prozessen zu finden sind, zeigten die unterschiedlichen Beiträge deutlich. Digitalisierung ist demnach der Motor, der heute Takt und Tempo in Gesellschaft und Verwaltung vorgibt. In deutschen Verwaltungen lässt jedoch insbesondere die Geschwindigkeit der Digitalisierung noch “viel Luft nach oben”. Dies belegten zuletzt verschiedene Statistiken, die Wolfgang Kubicki, Vizepräsident des Deutschen Bundestags und stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP, in seinem Impuls zitierte. Dass die Kommunikation im Bundestag zum Großteil immer noch papierbasiert oder per Fax erfolgt, ist für ihn nicht mehr zeitgemäß und mit Blick auf die Umwelt auch nicht akzeptabel.

Kubicki sieht eine “große Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands” in der Tatsache, dass die deutsche Verwaltung nicht zu den “digitalen Vorreitern” zähle. Unternehmen und Bürger erwarteten heutzutage unkomplizierte Verwaltungsservices, die rund um die Uhr ortsunabhängig genutzt werden könnten. Die Digitalisierung biete hier große Chancen, um durch nutzerfreundliche Angebote ein Höchstmaß an Ansprechbarkeit zu gewährleisten. Hier müssten Staat und Verwaltung mit gutem Vorbild vorangehen, mahnte Kubicki. Zentrale Erfolgsfaktoren sieht er im Ausbau der digitalen Infrastruktur, in der Entwicklung einer ganzheitlichen und zentral verantworteten Digitalisierungsstrategie sowie in der mentalen Vorbereitung der Mitarbeiter in den Verwaltungen. Für Ina-Maria Ulbrich, Staatssekretärin im Ministerium für Energie, Infrastruktur und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern, steht fest: “Die Digitalisierung wird die Kultur in den Verwaltungen massiv verändern”. Der notwendige Wandel erfolge jedoch zu langsam, da Verwaltungen noch zu stark in Zuständigkeiten und Abhängigkeiten dächten. Ulbrich forderte daher auf, die Sicht der Bürger und Unternehmen einzunehmen, um das Vertrauen in den Staat wiederherzustellen.

Rolf Sahre, Vorstandsvorsitzender der MACH AG, ist, inspiriert von seinen Reisen ins Silicon Valley, fest davon überzeugt: “Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung gelingt besser und schneller, wenn Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung eng zusammenarbeiten und miteinander kooperieren.” Daher gründete er gemeinsam mit der Universität zu Lübeck und mit Unterstützung der Landesregierung Schleswig-Holstein das Joint Innovation Lab (JIL). Prof. Dr. Moreen Heine, Head of Joint Innovation Lab und Professorin für E-Government und Open Data Ecosystems an der Universität zu Lübeck, bestätigte die Zusammenarbeit in Netzwerken, wie sie im Joint Innovation Lab praktiziert wird, als sehr aussichtsreich, da “die heutigen Herausforderungen in der öffentlichen Verwaltung keiner mehr allein lösen kann”. Als Erfolgsfaktoren der Zusammenarbeit sieht Prof. Heine den Willen zur gemeinsamen Umsetzung sowie die Offenheit und Bereitschaft, Wissen auszutauschen. Für Jan Lindenau, Bürgermeister der Hansestadt Lübeck, entstehen durch Kooperationen “völlig neue Lösungsansätze und Produkte”. Begeistert beschrieb er die derzeitige Zusammenarbeit von Technischer Hochschule, Universität, Wirtschaft und Stadtwerken in Lübeck, um Fragen der Mobilität und Echtzeitdatennutzung gemeinsam anzugehen.

Zukunftsbild für öffentliche Verwaltung

Der renommierte Zukunftsforscher Sven-Gabor Janszky nahm die Teilnehmer mit auf eine Reise in die Zukunft. Er skizzierte zwei Vorstellungen von Zukunft: Pessimisten, die z. B. Angst davor hätten, dass KI zu Jobverlusten führe, stünden Optimisten gegenüber, die in der Zukunft viele Chancen und neue Möglichkeiten sähen, die das Leben besser machten. In der Folge entstehe ein “Reality Gap”, den es zu gestalten gelte. Technologie-Optimisten investierten bereits heute Millionen in Innovationen, die nach menschlicher Unsterblichkeit strebten, weil sie fest an diese Vision glaubten. Der Verwaltung hingegen fehle ein visionäres Zukunftsbild. Technologisch betrachtet, sieht Janszky die Zukunft in Quantencomputern, die durch Analyse riesiger Datenmengen immer besser darin würden, zukünftige Ereignisse vorherzusagen. Er ist sich sicher, dass Menschen Maschinen zukünftig mehr vertrauen würden als anderen Menschen oder sich selbst. Zusätzlich würden Bots Aufgaben wie Terminvereinbarungen für Menschen übernehmen. Der Zukunftsforscher forderte: “Wenn Zukunft vorhersagbar wird und Bots den Alltag prägen, müssen Verwaltungen klären, wie sie damit umgehen und welche Aufgaben und Rollen sie in Zukunft übernehmen.” Doch dass Menschen aufgrund dieser Entwicklung arbeitslos werden, ist für Janszky unwahrscheinlich, wenngleich Experten ihr Geld zukünftig eher als Coach verdienten, die andere befähigten, etwas zu tun.

Weiterhin werde sich das Verständnis von Daten ändern: Während heutzutage zum Großteil statische Daten wie Namen und Adressen in Tabellen festgehalten würden, sieht Janszky in Echtzeitdaten bzw. dem Zugang zu Echtzeitdaten-Ökosystemen die “Öllampen” der Zukunft. Gleichzeitig sei es bereits heute möglich, Computer durch menschliche Gedanken zu steuern und Emotionen zu messen. Verwaltungen müssten sich fragen, was das für sie bedeute und welcher Nutzen sich daraus ergebe. Für Janszky steht am Ende etwas Positives, wobei die Ethik-Frage für viele Entwicklungen noch zu beantworten sei. Schlussendlich trage jeder Entscheider in der Verwaltung Verantwortung, die Lücke zwischen beiden Zukunftsrealitäten zu gestalten, denn darin liege die Chance, die Welt für zukünftige Generationen besser zu machen.

OZG als Turbo

Zurück in die Gegenwart führten Diskussionen rund um die aktuellen Herausforderungen zur Umsetzung des OZG. Stephan Noller verglich das Onlinezugangsgesetz mit der Mondlandung als einen guten Ansatz, der “wirklich etwas bewegen” werde in Deutschland. Dr. Ariane Berger, Referentin für E-Government und Verwaltungsorganisation im Deutschen Landkreistag und Mitglied des IT-Planungsrates, teilt diese Ansicht und sieht in der Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes mit Laboren, in denen Kommunalvertreter auf Landes- und Bundesmitarbeiter träffen, eine “echte Revolution”. Beschleunigen lässt sich Digitalisierung laut Noller durch positive Rahmenbedingungen, wie sie z. B. aktuell durch die Blockchain-Strategie der Bundesregierung entstünden. Zudem seien Start-ups gute Vorbilder, die zeigten wie schnelles Arbeiten in kurzen Zyklen funktioniere und wie aus Fehlern gelernt werde. Entscheidend sei, die Mitarbeiter zu identifizieren, die etwas bewegen wollten und diese in ihren Vorhaben zu unterstützen. Dabei müsse es Verwaltungen gelingen, den Experimentierstatus zu überwinden und Lösungen zu entwickeln, die in der Fläche verlässlich funktionierten.

Der Behörden Spiegel war Medienpartner der Veranstaltung.

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