Die Digitale Transformation der Bundeswehr passiert – jetzt!

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BrigGen Jens-Olaf Koltermann (Foto: BS/Bundeswehr)

Noch immer stellen sich viele Menschen vor, dass die Digitalisierung der Bundeswehr irgendwann in der Zukunft beginnt. In Wirklichkeit ist die Digitale Transformation aber ein unaufhaltbarer Prozess, der heute schon mehr und mehr unseren militärischen Alltag prägt. Die Digitalisierung schreitet unweigerlich voran und verändert die Welt hier und jetzt – teilweise in disruptiver Form. Diese Entwicklungen nicht aufzugreifen und mitzugestalten ist keine Option. Dabei meint die Digitalisierung nicht die Abbildung analoger Prozesse. Vielmehr fordert und fördert die Digitale Transformation den Kulturwandel einer Organisation hin zu einer Digitalkultur, in der sowohl bestehende Verfahren als auch die Beschäftigten das Ausschöpfen des digitalen technologischen Potenzials unterstützen. Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt und gehen diese Aufgabe entschlossen und kreativ an.

Die Bundeswehr erwartet von den eigenen Digitalisierungsaktivitäten und -fähigkeiten Effizienz- und Effektivitätsgewinne im gesamten Geschäftsbereich; dies schließt natürlich und besonders die Streitkräfte ein. Der digitale Wandel ist kein Selbstzweck. Die Chancen und Potenziale der Digitalisierung sind danach auszurichten, welchen Beitrag sie zur Ausgestaltung des Markenkerns “Einsatz” und damit zur Auftragserfüllung der Bundeswehr bringen. Wir müssen unsere Chancen aktiv gestalten, ansonsten verlieren wir das Heft des Handelns.

Organisatorisch und konzeptionell haben wir die erforderlichen Grundlagen geschaffen. Neben den Strategischen Leitlinien zu Digitalisierung und Cyberverteidigung, wurde letztes Jahr in meiner Unterabteilung die Umsetzungsstrategie Digitale Bundeswehr erarbeitet. Darin beschrieben sind die Ziele und konkreten Schritte für die Digitale Transformation der Bundeswehr, die unter dem Leitprinzip der zentralen Steuerung bei dezentraler Umsetzung vorangetrieben werden. Als zentrales Element wurde das Leitungsboard Digitalisierung unter Leitung der Ministerin als strategischer Steuerer des Veränderungsprozesses eingesetzt. Für die dezentrale Umsetzung der Digitalen Transformation haben alle Abteilungen im Ministerium sowie die militärischen Organisationsbereiche und nachgeordneten Dienststellen Koordinatoren benannt, welche die Digitalisierung in ihrem jeweiligen Verantwortungsbereich eigenständig steuern. Sie sind Initiatoren, Berater, Treiber, Vorbilder und Garanten für die Umsetzung aller Digitalisierungsaktivitäten und Maßnahmen zur Erhöhung der Digitalisierungsfähigkeit.

Auch potenzielle Gegner nutzen bereits länger digitale Technologien für die Entwicklung neuer Fähigkeiten. Ob Spionage, Datenmanipulation oder Verbreitung von Desinformationen: staatliche und nichtstaatliche Akteure richten ihre Cyberaktivitäten gegen die Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland. Konflikte der physischen Welt verlagern sich zunehmend in den Cyber- und Informationsraum und stellen damit eine neue Qualität der Bedrohungslage dar. Um das höchst mögliche Maß an Cybersicherheit zu erreichen, arbeiten wir in Deutschland gesamtstaatlich zusammen, um ein auf allen Ebenen vernetztes Handeln zu erreichen. Das Cyber-Abwehrzentrum ist Schlüsselelement der gesamtstaatlichen Cyber-Sicherheitsarchitektur. Hier wird die Zusammenarbeit der relevanten Behörden, wie Bundeswehr, Polizeibehörden und Nachrichtendienste, orchestriert. Die Bundeswehr trägt mit einer eigenen Lage wesentlich zur Erstellung des gesamtstaatlichen Cyber-Lagebildes bei.

Um Cybervorfälle nach Möglichkeit erst gar nicht entstehen zu lassen, müssen wir die eigene Kontrolle und Sicherheit über die gespeicherten, verarbeiteten und übertragenen Daten bzw. Informationen sicherstellen. Dies erfordert den Aufbau einer angemessenen Digitalen Souveränität. Sie ist entscheidend für die Bundeswehr, um auch künftig die Einsatzfähigkeit unserer Streitkräfte gewährleisten zu können. Eine nötige Voraussetzung hierfür ist die eigene Forschung und Innovationsfähigkeit, wie wir sie durch das Forschungsinstitut CODE oder den Cyber Innovation Hub realisieren. Beispielsweise untersucht der Cyber Innovation Hub u.a. Startups im Bereich der Künstlichen Intelligenz, um diese Technologie für die Bundeswehr nutzbar zu machen. Daneben besteht über den Zugang von CODE zum IBM-Quantencomputer die Möglichkeit technisches Wissen in diesem Bereich für die Bundeswehr aufzubauen. Mit dem engen Kontakt zur Industrie und anderen Wissenschaftseinrichtungen sowie der Lehre an der Universität selbst, leistet das Institut CODE darüber hinaus einen erheblichen Beitrag zum Aufbau der digitalen Kompetenzen in der Bundeswehr.

Digitalisierung ist für die Bundeswehr keine Zukunftsmusik – wir haben die Herausforderungen erkannt und gestalten den Transformationsprozess im Bundesministerium der Verteidigung und in der Bundeswehr mit dem Ziel, den inhärenten Risiken aktiv zu begegnen und die Chancen der Digitalisierung für uns nutzbar zu machen.

Brigadegeneral Jens-Olaf Koltermann, Unterabteilungsleiter CIT I im BMVg, hat den Gastbeitrag verfasst.

1 Kommentar

  1. All ich vor 2 Jahren meinen PSM 1 Professional Scrum Master gemacht habe wurde ich auf die Lebensgeschichte von Jeff Sutherland aufmerksam.

    Oft wird Scrum im IT Bereich im zivilen Leben durch die Rugby Analogie erklärt. Ich würde hier gerne eine andere Perspektive beleuchten.

    Da Jeff Sutherland, einer der Mitbegründer des agilen Scrum Framework, in Amerika an einer Militär Akademie war, über 10 Jahre Kampfpilot war und dann auch noch in der Medizin tätig war wurde mir persönlich bewusst das Scrum mehr durch militärische Taktik und Strategie beinflusst wurde als durch die Regeln eines Ball Ballspiels.

    Auch sein reiches Leben mit vielen unterschiedlichen Lebens Erfahrungen im Militär, der Medizin und dann Schlussendlich in der IT, hat es ihm ermöglicht sich selbst als Mensch ein sehr hohes agiles Mindset zu erarbeiten und zu leben.

    Besonders die Rolle des PO ist höchst strategisch. Durch eine tiefe Markt Beobachtung von Itteration zu Itteration in jedem Sprint werden neue Entwicklungen immer wieder aufgenommen um das Ziel des Sprints neu zu definieren. In der schnellen Produkt Entwicklung gibt es nur sich bewegende Ziele und dafür braucht man einen extrem flexiblen Geist.

    Warum ist Scrum so effektiv? Es basiert auf der dezentralen Selbstführung und kleinen Projekt Teams genauso wie es bei Sondereinsatzkräften ist, wie z.B. den Navy SEALS in den USA oder dem KSK in Deutschland.

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