Die NATO und der Klimawandel

0
369
Michael Rühle, Leiter des Referats für Hybride Herausforderungen und Energiesicherheit im Internationalen Stab der NATO. (Foto: BS/privat)

Der Klimawandel wird von der Mehrheit der Bevölkerung in den westlichen Industriestaaten inzwischen als die größte Bedrohung angesehen – noch vor Cyber-Angriffen und dem internationalen Terrorismus. Der Grund hierfür ist nicht schwer auszumachen. Den meisten Experten zufolge werden steigende globale Temperaturen zu einem Anstieg des Meeresspiegels führen und immer häufiger extreme Wetterereignisse wie Stürme, Überschwemmungen, Dürren und Waldbrände verursachen. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Umweltveränderungen und Konflikten ist zwar schwer herzuleiten, doch die Vermutung, dass der Klimawandel zu Nahrungs- und Wasserknappheit, Pandemien, Massenmigration und humanitären Katastrophen führen wird, erscheint zunehmend realistisch.

Der Klimawandel wird auch den Einsatz von Streitkräften nachhaltig beeinflussen. Sie werden künftig häufiger zu humanitären Hilfseinsätzen herangezogen werden. Weitere Folgen für die Streitkräfte sind die Verwundbarkeit militärischer Installationen in Küstennähe, sowie die Auswirkungen von Überschwemmungen, Waldbränden und extremen Temperaturen auf Material, Logistik und Übungspraxis. In dem Maße schließlich, in dem klimatische Veränderungen auch Regionen betreffen, die bisher nahezu unzugänglich waren (zum Beispiel die Arktis), werden Streitkräfte künftig auch in diesen schwierigen Gegenden operieren müssen.

Die NATO ist nicht der vorrangige Adressat, wenn es um den Klimawandel geht. Diese Rolle spielen andere internationale Akteure, insbesondere solche, die Grenzen für CO2-Emissionen festlegen können. Als transatlantische Sicherheits- und Verteidigungsorganisation ist die NATO jedoch ein zentrales Forum für die Diskussion über die sicherheitspolitischen Auswirkungen des Klimawandels. Darüber hinaus beschäftigt sich die NATO durch ihre zahlreichen Ausschüsse und Agenturen mit vielen nicht-militärischen, sicherheitsrelevanten Themen, die für die Klimafrage relevant sind.

Von besonderem Interesse sind vor allem drei Aspekte der NATO-Agenda: die strategische Analyse, die Förderung bestimmter Forschungsvorhaben und Initiativen zur Steigerung der Energieeffizienz in den Streitkräften. Analysen über die sicherheitspolitischen Konsequenzen des Klimawandels gibt es zwar reichlich, doch eine NATO-eigene, kollektive Bewertung steht bisher noch aus. Ebenso fördert die NATO seit Jahrzehnten klima-relevante Forschung, doch auch hier könnte man neue auf die spezifischen Bedürfnisse des Bündnisses zugeschnittene Vorhaben initiieren. Die Energieeffizienz in den Streitkräften zu verbessern ist schon seit Langem ein Anliegen vieler Mitgliedsstaaten, denn Streitkräfte, die weniger Diesel verbrauchen, benötigen einen geringeren logistischen Aufwand und verringern gleichzeitig ihren CO2 Ausstoß. Erste Erfolge gibt es bereits, zum Beispiel bei der Integration von erneuerbaren Energien in Feldlagern. Doch es existieren weitaus mehr Möglichkeiten, energieeffiziente und interoperable Technologien in die Streitkräfte einzuführen, ohne dabei an Kampfkraft einzubüßen.

Das Bündnis befasst sich also bereits auf vielfache Weise mit den Auswirkungen des Klimawandels. Ein schärferes öffentliches Profil zu diesem Thema – etwa durch die Hervorhebung der Bemühungen zur Verringerung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe in den Streitkräften – ist daher durchaus vorstellbar. Ein Signal der NATO, dem Klimawandel mehr Aufmerksamkeit zu schenken, würde sich zudem in die Logik anderer Initiativen einfügen, wie zum Beispiel in den neuen “Green Deal” der EU, der darauf abzielt, die Union bis 2050 klimaneutral zu machen. Vor Übertreibungen allerdings sollte man sich hüten. Hartgesottene Klima-Apokalyptiker werde sich mit dem Verweis auf “grünere” Streitkräfte kaum beeindrucken lassen. Dies umso weniger, als Streitkräfte auch weiterhin große Mengen an fossilen Treibstoffen verbrauchen werden.

Ein “Narrativ” der NATO zum Thema Klimawandel darf deshalb nicht in Versuchung geraten, den wichtigsten Beitrag der NATO zur Sicherheit, nämlich die Verhütung militärischer Konflikte durch kollektive militärische Macht, herunterzuspielen. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, dass die Verbündeten auch bei Fragen der militärischen Sicherheit Umweltbelange berücksichtigen, und dass auch die Streitkräfte in dieser Debatte sich nicht auf die Rolle des unbeteiligten Zuschauers zurückziehen können. Dies wäre ein zwar bescheidener, aber gleichwohl wichtiger Beitrag zur Klimadiskussion. Militärische Sicherheit und die Sicherheit der Umwelt sind beide von existenzieller Bedeutung; sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Dieser Gastbeitrag stammt von Michael Rühle, Leiter des Referats für Hybride Herausforderungen und Energiesicherheit im Internationalen Stab der NATO.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here