Die Katastrophe liegt im Boden

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Aufgrund der regen Bautätigkeit wird die Zahl der Kampfmittelfunde in Deutschland wahrscheinlich weiterhin steigen. (Foto: BS/Feldmann)

Zahlreiche Städte im gesamten Bundesgebiet kämpfen noch heute mit den Altlasten der Kampfhandlungen des Zweiten Weltkrieges. Immer wieder müssen Verwaltung wie etwa in Dortmund mehrere Tausend Menschen evakuieren. Dort mussten Anfang des Jahres circa 14.000 Menschen ihre Wohnungen verlassen, da zwei 250 Kilogramm-Fliegerbomben gefunden worden waren.

Diese Meldungen dürften auch in den nächsten Jahren nicht weniger werden. Durch den weiteren Zuzug in die großen Städte und der damit verbundenen Bauaktivität ist mit vermehrten Bombenfunden zu rechnen. Seit Jahren steigen die Anfragen zur Luftbildauswertung und weiterführenden Räumungen im Rahmen von Bautätigkeiten an die zuständigen Kampfmittelbeseitigungsdienste. Allein in Nordrhein-Westfalen erhöhte sich die Anzahl der Anfragen von 31.153 im Jahr 2017 auf 34.046 im Jahr 2018. Damit wird ein jahrelanger Trend fortgesetzt. Aber nicht nur die Zahl der Anträge steigt, sondern auch die Fläche, die geprüft werden muss.

Der lange Atem des Zweiten Weltkrieges

Auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden Bomben und anderen Sprengkörper nicht ungefährlicher. Im Gegenteil. Man befürchtet, dass die Kampfmittel weiter korrodieren und die Bomben sowie die Zünder noch unberechenbarer werden. Zudem sind Umweltfolgen, wie das Austreten giftiger Schadstoffe aus den Bomben, zu befürchten.

Historiker gehen davon aus, dass während des Zweiten Weltkrieges 1,3 bis 1,4 Millionen Tonnen Bomben bei Luftangriffen auf das Gebiet des damaligen Deutschen Reichs abgeworfen wurden. Da die meisten Fliegerbomben weniger als eine Tonne wogen, wird die Anzahl der Sprengkörper auf eine zweistellige Millionenzahl geschätzt. Zehn bis 15 Prozent der abgeworfenen Kampfmittel sollen nicht detoniert sein und liegen seitdem teilweise metertief unter der Erde. Zusätzlich befinden sich noch Waffen und andere Munition in den Böden. Auch davon geht eine erhebliche Gefahr aus.

Uneinheitliches Vorgehen bei den Räumdiensten

Die Gefahrenabwehr, damit auch die Beseitigung von Kampfmitteln, fällt in die Zuständigkeit der Länder. Dies hat zur Folge, dass sich bundesweit ein uneinheitliches Bild bei der Herangehensweise und der Organisation ergibt. Während einige Länder die Dienste bei der Polizei ansiedeln, gliedern andere diese Landesvermessungsstellen an oder beauftragen externe Dienstleister. Zusätzlich gibt es keine deutschlandweiten gesetzlichen Regelungen zur Beseitigung, der Finanzierung und der materiellen Anforderung an die Kampfmittelräumung. Die Kosten der Beseitigung von alliierten Kampfmitteln tragen die Länder. Der Bund kommt nur für die Räumung reichseigener Kampfmittel sowie auf bundeseigenen Liegenschaften auf.

Als Konsequenz der föderalen Aufgabenverteilung gibt es auch keine bundesweite Übersicht zu Kampfmittelfunden, Entschärfungen und Beseitigung. Betrachtet man alle Jahresbilanzen zusammen ergibt sich für das Gebiet der Bundesrepublik folgendes Bild: Allein im Jahr 2018 wurden Kampfmittel mit einem Gesamtgewicht von 1.370 Tonnen in Deutschland entschärft. Bei diesen Zahlen ist jedoch zu beachten, dass es keine einheitliche Definition von Kampfmittel in den Landesgesetzen gibt. Für das Jahr 2019 liegen noch keine vollständigen Daten vor.

Aufgrund der uneinheitlichen Herangehensweise der Länder wurde auf der letzten Sitzung der Innenministerkonferenz (IMK) eine Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft “Kampfmittelräumung” initiiert. Dort sollen Lösungen zur Verstärkung des Informationsaustausches und zur besseren fachlichen Abstimmung bei technischen Verfahren, Qualitätsanforderungen für Mitarbeiter der Kampfmittelbeseitigung und des Forschungsbedarfs gefunden werden. Auf der nächsten IMK-Tagung in Erfurt sollen erste Ergebnisse präsentiert werden.

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