“Wenn nicht jetzt, wann dann?”

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Vorsitzender der Vitako, Co-Vorsitzender des NEGZ und insgesamt sieben Jahre Direktor des DIVSI – Matthias Kammer hat schon einige wichtige Institutionen in der digitalen Verwaltungslandschaft geleitet. Seit wenigen Monaten ist er nun als Gründungsgeschäftsführer der Forschungsgenossenschaft govdigital aktiv. (Foto: Dirk Hasskarl)

Die Blockchain als erstes Großprojekt, aber auch Künstliche Intelligenz und sonstige innovative Schlüsseltechnologien auf dem Schirm. Zur Erforschung dieser Themen und zur gemeinsamen Schaffung sicherer Infrastruktursysteme haben sich Ende vergangenen Jahres insgesamt zehn kommunale IT-Dienstleister zusammengeschlossen, um die Genossenschaft “govdigital” ins Leben zu rufen. Die neue Einrichtung läuft unter dem Dach der Bundes-Arbeitsgemeinschaft Vitako und hat im Februar seinen ersten Workshop durchgeführt. Über die Ziele und Herausforderungen von govdigital, aber auch in den Kommunen, spricht Wim Orth mit dem Gründungsgeschäftsführer der Genossenschaft, Matthias Kammer.

Behörden Spiegel: Herr Kammer, seit Ende letzten Jahres sind Sie Geschäftsführer der Genossenschaft „govdigital“, die insgesamt zehn IT-Dienstleister gemeinsam gegründet haben. Was sind die Ziele der Genossenschaft?

Kammer: Die öffentlichen IT-Dienstleister möchten mit diesem Schritt neue Technologien wie Blockchain oder KI für die öffentliche Hand vorantreiben und eine sichere und vertrauenswürdige Netzwerkinfrastruktur für Anwendungen schaffen. Ziel ist es, notwendige Infrastruktur wie Server und Datenbanken in zertifizierten Rechenzentren zur Verfügung zu stellen und zu betreiben. Auf Basis dieser Infrastruktur können kommunale genauso wie Landes- und Bundesbehörden Anwendungen für die öffentliche Hand entwickeln und anbieten.

Die Genossenschaft nutzt dazu das Wissen und die Fähigkeiten ihrer Mitglieder, um diese gemeinsame Betriebsplattform zu entwickeln.

Behörden Spiegel: Neben der Künstlichen Intelligenz ist die Blockchain aktuell eines der Schlüsselthemen bei der Digitalisierung von Staat und Verwaltung – ein guter Zeitpunkt, eine solche Genossenschaft zu gründen?

Kammer: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Insbesondere bei Blockchain stellt sich doch ein Henne-Ei-Problem: Wer fängt an? Die Mitglieder unserer Genossenschaft wollen als erstes eine wichtige Voraussetzung schaffen, nämlich eine sichere, vertrauenswürdige und verlässliche Infrastruktur. Wenn man keine Infrastruktur hat, wird es auch keine Anwendungen geben. 

Dass die neue Genossenschaft zur richtigen Zeit kommt, zeigen nicht nur erste Förderprogramme in Ländern wie Nordrhein-Westfalen. Neben der Bundesregierung mit ihrer beschlossenen „Blockchain-Strategie“ will auch die EU mit ihrer KI-Strategie digitalisierte Verwaltungsdienstleistungen auf Blockchain- und KI-Basis explizit vorantreiben.

Behörden Spiegel: Der Großteil der Kontakte zwischen Bürgern bzw. Unternehmen und Behörden spielt sich in den Kommunen ab. Wie kann die Blockchain gerade diesen dabei helfen, die Verwaltung serviceorientierter aufzustellen?

Kammer: Da gibt es verschiedene Beispiele. Der direkte Kontakt mit der Kommune erfolgt ja häufig über Genehmigungen und Bescheinigungen in Schriftform. Dieses Problem adressiert das OZG und will digitale Alternativen schaffen. Dafür kommt die Blockchain z. B. als Basistechnologie in Betracht, auf der Informationen sicher und unveränderbar ausgetauscht werden können, Genehmigungen und Bescheinigung zu erteilen.

Die Kommunen speichern Informationen über Bürger und Unternehmen in Form von Registern, die einem Blockchain-Ledger oder digitalen Hauptbuch grundsätzlich sehr ähnlich sind. Deshalb bietet sich Blockchain als technische Alternative auch zur oft diskutierten Registermodernisierung an.

Weiterhin existieren in den Registern zahlreiche personenbezogene Bürgerdaten, die im erweiterten Sinn zur digitalen Identität zählen. Über die Blockchain und Konzepte der Self Sovereign ID könnten diese Informationen Bürgern zugänglich gemacht werden und so zur Digitalisierung letztendlich entscheidend beitragen.

Viele kommunale Verwaltungsprozesse laufen schrittweise ab, bis sie vollkommen erledigt sind. Zwischenstände können für die Bürger hilfreich sein, wenn sie darüber informiert sind und darauf reagieren können. Die Blockchain würde in diesem Fall den Status und zusätzliche Statusinformationen speichern und damit als sichere Vermittlungsschicht dienen.

Eine weitere Idee ist es, Blockchains zu nutzen, um das gemeinschaftliche Zusammenleben zu fördern. So stellen sich Kommunen schon länger die Frage, wie ehrenamtliche Tätigkeiten möglichst unbürokratisch anzuerkennen und zu vergelten sind. Beseitigt jemand Grafitis oder reinigt Grünstreifen, können „Gemeinde-Coins“ etwa auf Grundlage von Blockchain ausgegeben und später gegen Vergünstigungen eingetauscht werden.

Behörden Spiegel: Die Blockchain wird besonders häufig bei sicherheitskritischen Anwendungen und Prozessen angewandt. Davon gibt es in der Verwaltung ja zu genüge – ein weiterer Grund pro Blockchain?

Kammer: Nur weil ein Verfahren sicherheitskritisch ist, heißt das noch nicht, dass es für die Blockchain geeignet ist. Ein Verfahren bei dem es um Echtzeit, schnelle Reaktionen und flüchtige kurzlebige Informationen geht, ist beispielsweise denkbar ungeeignet. Es ist bekannt und gerade das Prinzip von Blockchains, dass Inhalte nicht oder nur ganz schwierig zu löschen sind. Anwendungen für die Blockchain sind daher besonnen auszuwählen, es braucht allemal passende Blockchain-Konzepte.

Behörden Spiegel: Trotz aller Euphorie ist die Blockchain ein relativ neues technologisches Phänomen, dessen Risiken noch nicht vollends analysiert sind; zudem ist sie enorm energieintensiv. Wie wollen Sie die Unwägbarkeiten der Blockchain wie z.B. das Thema Energieverbrauch angehen?

Kammer: Zuallererst ist die „Chain“ als solche nicht neu. Bitcoin läuft seit über zehn Jahren und hat viele Erfahrungen mit sich gebracht: Die Blockchain ist eine neue Kombination längst bekannter und bewährter Konzepte und Technologien.

Der Energieverbrauch hängt nun maßgeblich vom Blockchain-Konzept und dem ausgewählten Konsensverfahren ab. Der hohe Stromverbrauch vieler öffentlicher Blockchains entsteht vor allem deshalb, weil ihnen der Konsensmechanismus „Proof of Work“ (PoW) zugrunde liegt. Damit wird eine zentrale Vertrauensinstanz ersetzt und auf eine größere Menge von Akteuren verteilt, die sich untereinander aber nicht „kennen“. Die daher notwendigen „Vertrauensnachweise“ erfordern jedes Mal immense Rechenleistungen, wenn die Blockchain verlängert werden soll (bekannt als „Schürfen“) – das ist aus unserer Sicht klimatechnisch nicht tragbar. Es gibt allerdings andere, sichere Verfahren wie “Proof of Stake” oder “Proof of Authority”, in denen ein Knoten nicht mehr Energie in Anspruch nimmt als ein herkömmlicher kleiner Webserver. So lässt sich der Verbrauch laut der „Stiftung Neue Verantwortung“ um bis zu 99 Prozent reduzieren.

Dem govdigital-Netzwerk kommt zudem die Vertrauenswürdigkeit der beteiligten Akteure zugute: In einer von öffentlichen IT-Dienstleistern betriebenen (nicht öffentlichen) Infrastruktur muss ohnehin kaum Energie aufgewandt werden, um innerhalb des Systems Vertrauen zu erlangen.

Behörden Spiegel: Eine Frage noch zu govdigital selbst: Für die neue Einrichtung wurde bewusst das Modell einer Genossenschaft gewählt. Welche Gründe haben hierfür den Ausschlag gegeben?

Kammer: Das Modell der Genossenschaft ist für das Ziel unserer Unternehmung maßgeschneidert, es ist öffentlich und kommunal geprägt. Die Mitglieder begegnen sich auf Augenhöhe, gleichzeitig können – bei relativ geringem bürokratischen und finanziellen Aufwand – jederzeit Interessenten hinzustoßen. Um bundesweit auf allen Ebenen der öffentlichen Hand zu agieren, ist es wichtig, keine Zutrittsbarrieren für kleinere Akteure aufzubauen. Daher die Wahl der Rechtsform Genossenschaft.

Behörden Spiegel: Neben der Blockchain-Forschung beschreiben Sie sich selbst als technologieoffenes Haus. Das heißt, es wird auch an anderen Schlüsseltechnologien geforscht?

Kammer: Als govdigital werden wir unser Interesse und unsere Aktivitäten auf verschiedene Technologien richten. Einige Mitglieder forschen bereits selbst im Blockchain-Bereich. Daneben sehen wir vor allem auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz (KI) Potenzial, um vor allem einfache öffentliche Leistungen und Services zu automatisieren, zu verbessern und damit fortzuentwickeln. Ein Beispiel dafür sind sicherlich Chatbots, an deren Entwicklung eines unserer Mitglieder rundum den Bürgerservice beteiligt ist. Hier geht es darum, Verwaltungen zu entlasten und Kapazitäten ggf. erweitern zu können. Mehrere unserer Mitglieder befassen sich zudem mit den spezifischen Belangen des KI-Einsatzes im öffentlichen Sektor. Es gilt weiterhin, Fragen zu Datenhoheit und -souveränität, Transparenz, Normen und Standards und zur Kontrolle von Algorithmen zu beantworten. Diese Aktivitäten sollen natürlich auch für die Arbeit der govdigital genutzt werden.   

Behörden Spiegel: Zu Ihrem ersten Workshop haben Sie sich in München im neuen Digital Lab der AKDB getroffen. War dies ein einmaliger Austausch oder soll an dieser Stelle weiter kooperiert werden?

Kammer: Das „Digital Lab“ der AKDB war der ideale Ort für den Auftaktworkshop und gleichzeitig die erste gemeinsame Arbeitssitzung von Vorstand und Aufsichtsrat der govdigital. In dieser inspirierenden Kreativschmiede wird die AKDB mit Partnern zukünftig neue Projekte sowie kreative Ideen und Lösungen entwickeln.

Natürlich war dies kein einmaliger Austausch, sondern – wie der Name schon sagt – der Auftakt eines regelhaften Austauschformats. Vorstand und Aufsichtsrat treffen sich in gemeinsamen Sitzungen ebenso wie die Mitglieder auf den Generalversammlungen. Die nächsten Treffen sind bereits terminiert und finden nunmehr erst einmal mittels Web-Konferenzen statt. Parallel existieren weitere Arbeitsgruppen, in denen sich unsere Mitglieder auf Arbeitsebene konkret um den Fortgang der Projekte kümmern.

Behörden Spiegel: Sie sind aktuell zu zehnt als Gründungskonsortium. Aber offen für neue Partner sind Sie bestimmt auch, oder?

Kammer: Neue Mitglieder sind selbstverständlich gerne gesehen! Die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass das aufnahmewillige Mitglied einen positiven Beitrag für den Genossenschaftszweck leisten möchte und eine juristische Person des öffentlichen Rechts ist. Kurzum: Ja wir sind offen für neue Mitglieder und freuen uns nun, dass wir alsbald bereits weitere Mitglieder bei uns begrüßen werden dürfen – eine sehr erfreuliche Entwicklung! 

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