Dem französischen Beispiel folgen

1
572
(Foto: BS/Nicole Schnittfincke)

Ein Papier jagt das andere. Da gibt es welche mit den vier Horrorszenarien, die sich das Bundesinnenministerium (BMI) und seine Berater ausgedacht haben. Dann Dokumente über die Möglichkeiten des Ausstiegs aus Regierungssicht, jetzt in einem bewusst beschwichtigenden Ton: 18 Seiten der Leopoldina, der sogenannten Nationalen Akademie der Wissenschaften. Dieser gehören in der absoluten Mehrzahl Naturwissenschaftler, die klassische Medizin ordnet sich da ja zu, an. Vertreten sind auch einige Gesellschaftswissenschafter. Den Wirtschaftswissenschaften traut man in der Nationalen Akademie wenig zu. Denn da ist nur ein Vertreter verzeichnet. Dennoch plädiert die Leopoldina in ihrem aktuellen Gutachten für eine Rückkehr zum Normalbetrieb. Allerdings aus der Argumentation heraus, dass die psycho-sozialen Schäden eingedämmt werden müssten. Wirtschaftliche Schäden werden in sehr abstrakter Form erkannt. Doch die psycho-sozialen Schäden werden durch die zu erwartende Massenarbeitslosigkeit, die Insolvenzwelle und die Senkung der privaten Einnahmen in Zukunft deutlich zunehmen.

Ist es aber nicht wirklich zu kurz gegriffen die möglichen Folgen von gerade einmal drei Wochen Daheimbleiben  und geschlossenen Geschäften und Fitness-Clubs – also ein paar psycho-soziale Störungen  oder womöglich auch nur Irritationen – zu hoch zu spielen, statt das enorme Risiko einer noch mächtigeren Rückkehr des Virus zu sehen? Widerspruch kommt zurecht von der Helmholtz-Gemeinschaft. Den dortigen Experten zufolge sollte der Normalbetrieb weiter ausgesetzt werden. Jeder Rückfall und ein zweiter Lockdown wären eine Katastrophe, die irreparable Schäden bei Gesellschaft und Wirtschaft hinterlassen würde.

Daher spricht alle Vernunft dagegen, Solo-Selbstständigen (ein in dieser Krise völlig neu aufgetauchter Begriff) oder anderen Kleinstbetrieben eine Widereröffnung zu erlauben. Es wäre für uns alle gut, wenn wir Frankreichs Beispiel folgen: Shutdown bis kaum noch ein Risiko besteht.

Das aktuelle Dokument der Leopoldina können Sie wie mehr als hundert andere auf dem Dokumenten-Kanal unseres neuen behoerden.blogs einsehen.

1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Proll,

    seit Jahren lese ich Ihre Publikation, als Berater für den öffentlichen Dienst. Ihr Beitrag „dem französischen Beispiel folgen“ aus dem letzten Newsletter veranlasst mich jetzt erstmals eine Reaktion zu schreiben. Ich bin nämlich heilfroh, dass wir nicht dem französischen Beispiel folgen, sondern Risiken sachlich abwägen und breit diskutieren. Es ist nämlich mitnichten so, dass nur ein paar Soloselbständige und Fitnessstudios von dem Lockdown betroffen sind. Ganze Branchen werden hier in den Ruin getrieben: Reiseveranstalter, Gastronomen, Hoteliers, Diskothekenbetreiber, Kultur-Veranstalter und Künstler, Profisportler, Messbauer, Schausteller und viele mehr. Millionen werden in Arbeits- und später vermutlich auch Wohnungslosigkeit getrieben (auch wenn die Politik gerade das Gegenteil beteuert). Kinder und Frauen werden häuslicher Gewalt ausgesetzt. Die Selbstmordraten steigen. Nicht lebensnotwendige (andere) Behandlungen werden verschoben und somit die Gesundheit von vielen Menschen zumindest leicht beeinträchtigt, mit aber teilweise nicht absehbaren Langzeitauswirkungen. Und weltweit werden nach Schätzungen der WHO über 100 Millionen Menschen mehr als ohnehin schon vom Hungertod bedroht sein. Gleichzeitig zeigen Beispiele wie Schweden, Japan, Südkorea und weitere, dass auch ein vernünftiges Maß an Vorsichtsmaßnahmen ausreichen kann, den Virus soweit einzudämmen, dass das Gesundheitssystem nicht kollabiert. Zumindest wenn man in einem Land wie Deutschland lebt, dass sein Gesundheitssystem noch nicht völlig ruiniert hat (wie UK, USA und andere). Niemand kann heute genau sagen, wie sich das Virus entwickelt. Vielleicht ist alles nur Panikmache, vielleicht kommt es auch noch schlimmer. Wesentlich genauer aber können wir die negativen Auswirkungen des Lockdown benennen. Die Zahl von 25.000 Toten der letzten Grippewelle werden wir vielleicht noch erreichen, aber da hat niemand auch nur den leisesten Gedanken an einen Lockdown verschwendet. Über 3.000 Tote und hunderttausende Verletzte im Straßenverkehr halten wir für normal. Sie arbeiten (wie ich) in einer weitgehend digitalisierten Branche auf einem sicheren Posten und maßen sich an, die Zerstörung von Millionen Existenzen in die Worte, Zitat: „… ein paar psycho-soziale Störungen oder womöglich auch nur Irritationen …“ zu fassen. Ich bin gelinde gesagt entsetzt.

    Mit freundlichen Grüßen

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here