Digitalisierung darf nicht Brandbeschleuniger des Klimawandels werden

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Martin Wimmer ist seit April 2019 IT-Beauftragter und Chief Digital Officer (CDO) im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). (Foto: BS/BMU)

Anfang März stellte Bundesumweltministerin Svenja Schulze die Umweltpolitische Digitalagenda ihres Hauses vor. Deren Ziel ist es, die Digitalisierung einerseits in umweltverträgliche Bahnen zu lenken und andererseits die Chancen der Digitalisierung für den Umweltschutz zu nutzen. Über die bessere Nutzung von Umweltdaten, Green IT und den Einsatz von KI- und Blockchain-Technologie sprach der Behörden Spiegel mit Martin Wimmer, dem IT-Beauftragten und Chief Digital Officer (CDO) im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU). Das Interview führte Guido Gehrt.

Behörden Spiegel: Wie können Umweltdaten zukünftig noch besser genutzt werden?

Wimmer: Umweltdaten können nicht nur der Bundesregierung als Entscheidungsgrundlage für eigene Vorhaben dienen, sondern auch Unternehmen sowie Bürgerinnen und Bürgern. Die Daten können dabei im Sinne eines Monitorings genutzt werden, um einen Überblick zu erhalten, was gerade in dem jeweiligen Bereich passiert. Sie können andererseits auch als Basis für weitere umweltpolitische Maßnahmen dienen. Auch wenn man an den Einsatz Künstlicher Intelligenz denkt, sind Daten die elementare Grundlage. Wir haben gerade hierzu im vergangenen Jahr ein Förderprogramm in Höhe von 27 Millionen Euro aufgesetzt, um den KI-Einsatz im Umweltbereich weiter voranzutreiben.

Behörden Spiegel: Umweltdaten liegen nicht nur beim Bund, sondern insbesondere auch bei Ländern, Kommunen, der Wirtschaft etc. Wie kann man auch diese Daten einbinden?

Wimmer: Wir wollen hierzu ein Umwelt- und Naturschutzinformationssystem (Projekttitel: UNIS-D) schaffen. Im Projektbeirat, der die Erstellung der Machbarkeitsstudie begleiten wird, sitzen Vertreter von Bund, Ländern und Kommunen unter der Leitung des Umweltbundesamtes an einem Tisch. Im Rahmen dieser Gespräche zu den fachlichen, rechtlichen, technischen Rahmenbedingungen einer Umweltdaten-Cloud wird es dann auch um die Einbindung der nicht staatlichen Daten gehen.

Behörden Spiegel: Ein Thema, welches das BMU schon lange vorantreibt, ist Green IT. Inwieweit haben sich die Rahmenbedingungen hier geändert?

Wimmer: Hier muss man zweierlei unterscheiden. Einerseits gibt es die Initiative Green IT des Bundes tatsächlich bereits seit 2008. Hier konnte im Bereich des Bundes der Energieverbrauch gegenüber 2008 um fast 60 Prozent verringert werden. Im IT-Rat wurden nun neue Ziele definiert und beschlossen, wonach bis 2024 der Energieverbrauch jedes Jahr um weitere zwei Prozent reduziert werden soll. Hier ist die IT des Bundes also bereits gut aufgestellt, mit einem starken Maßnahmenpaket, das auch Wirkung zeigt.

Andererseits richtet sich Green IT aber natürlich auch nach außen, an IT-Dienstleister, Betreiber von Rechenzentren usw. Hier wurde bereits in der Vergangenheit der Blaue Engel für Rechenzentren entwickelt. Aktuell arbeitet die Bundesregierung an einem weiteren Blauen Engel speziell für die Rechenzentren, die im Cloud-Betrieb laufen. Wir arbeiten zudem an einem Blauen Engel für Software, denn auch die macht einen Riesenunterschied bei einer effizienteren Energienutzung der Endgeräte.

Behörden Spiegel: Inwieweit spielt dies bei Ausschreibungen dann auch eine Rolle?

Wimmer: Natürlich ist der Nachhaltigkeitsaspekt bereits heute in der Beschaffung entsprechend geregelt. In den Architektur- oder Beschaffungsrichtlinien sind Nachhaltigkeitsziele längst verankert. Vor diesem Hintergrund ist die IT-Konsolidierung und die Tatsache, dass es künftig mit dem ITZBund nur noch einen Generalunternehmer für die IT des Bundes geben soll, aus Sicht des BMU natürlich sehr unterstützenswert. Nachhaltigkeitsziele lassen sich im konsolidierten Betrieb, insbesondere auch mit Blick auf die Beschaffung, einfacher umsetzen und besser kontrollieren.

Behörden Spiegel: Die IT-Konsolidierung ist also auch unter Nachhaltigkeitsaspekten zu begrüßen?

Wimmer: Absolut. Wir haben diesen Beschluss aktiv unterstützt und sehen in der Betriebskonsolidierung große Vorteile.

Behörden Spiegel: Wie blickt man im BMU auf den Einsatz innovativer Technologien wie KI- oder Blockchain-Technologie?

Wimmer: Durchaus sehr positiv. Das KI-Fördermittelprogramm hatte ich bereits angesprochen. Eines von zahlreichen Beispielen in diesem Bereich ist die vom BMU geförderte “Flora Incognita App”, die zur Pflanzenbestimmung Künstliche Intelligenz einsetzt. Natürlich kann man moderne Technologien wie KI oder Blockchain auch für Zwecke der Umwelt, des Naturschutzes und des Strahlenschutzes einsetzen. Keine Frage.

Allerdings darf man an der Stelle nicht vergessen, dass diese neuen Technologien auch negative Folgen für die Umwelt haben können. Ein Beispiel: Die Produktion von Bitcoins hat im Jahr 2018 mehr Energie verbraucht als die komplette Volkswirtschaft unseres Nachbarlandes Dänemark. Dies zeigt, dass die Digitalisierung sowohl Klimaretter als auch Brandbeschleuniger für den Klimawandel sein kann, je nachdem wie wir sie nutzen und regulieren.

Bei dieser zentralen Herausforderung soll die im März veröffentlichte Umweltpolitische Digitalagenda des BMU den richtigen politischen Rahmen setzen, um Technologie nicht zum Brandbeschleuniger des Klimawandels, sondern zum Problemlöser werden zu lassen.

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