Nach der Krise ist vor der Krise

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Prof. Dr. Dr. Michael Lauster (Foto: BS/privat)

Erinnern Sie sich noch an Roland Emmerichs Film “Independence Day”? Eine außerirdische Lebensform landet in riesigen Raumschiffen auf der Erde und droht, die Menschheit auszurotten. Nach anfänglichen nationalen Alleingängen schließt sich die Menschheit zusammen und besiegt die Bedrohung in einer gemeinsamen Anstrengung. In der Fortsetzung sind alle Konflikte beigelegt und die Menschheit hat sich zu einer weltumspannenden Gemeinschaft zusammengeschlossen, die gemeinsam die globalen Herausforderungen angeht. Soweit die Hollywood-Utopie – aber wie sieht das wirkliche Leben aus?

Wir erleben derzeit eine Melange aus großartigen mitmenschlichen Aktionen über Grenzen und Kontinente hinweg und kleinlichen nationalen Egoismen. Gleichzeitig werden, ungeachtet des jeweiligen politischen Systems, die Freiheitsrechte in einem zumindest in demokratischen Staaten bislang ungekannten Ausmaß eingeschränkt. Auslöser dafür ist nicht eine technologisch hochüberlegene außerirdische Rasse, sondern ein auf einem chinesischen Tiermarkt aus dem Innern einer Fledermaus entflohenes submikroskopisches Virus, das noch nicht einmal als Lebensform eingeordnet wird. Das Virus nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf Grenzen, Herkunft und Stand oder Lebensalter. Wir sind durch die Globalisierung auch global betroffen, und unsere Gesellschaft ist empfindlich geworden gegen die Störung ihrer weltumspannenden Verbindungen. Um ein Mantra der schon längst aus der Mode gekommenen Chaostheorie zu zitieren: der Flügelschlag eines Schmetterlings auf der Chinesischen Mauer kann an einem anderen Ort einen Orkan auslösen. Selbst Dinge, die an entlegensten Orten der Erde passieren, haben inzwischen Auswirkungen auf alle Menschen weltweit.

Bei allen negativen Begleiterscheinungen von Corona gibt es aber einen interessanten Aspekt: das Virus hält uns einen Spiegel vor und zeigt uns, wie wenig wir in der Lage sind, strategisches Denken zu entwickeln. Wir sind zwar sehr gut darin, weltweite Netzwerke zu etablieren, wenn es aber um die langfristige Sicherung und Resilienz unserer internationalisierten Wertschöpfungsketten geht, obsiegen Gier und Engstirnigkeit in weiten Bereichen. Globalisiertes Denken, wie es die Ökonomie schon vor Jahrzehnten vorgemacht hat, ist noch längst nicht selbstverständlich in (über-)staatlichem Handeln. In Krisenzeiten verfallen wir gerne wieder in tradierte Klischees aus der Zeit der Kleinstaaterei.

So wenig man die Zukunft vorhersagen kann, eines ist gewiss: dies wird nicht die letzte globale Krise sein. Etliche kommende sind bereits jetzt absehbar: in weniger als einer Generation werden wir zehn Milliarden Menschen auf dem Planeten sein. Die Deckung des Bedarfs an Nahrung, sauberem Wasser und sicheren Lebensumständen wird alle unsere Kraft kosten; daneben werden wir die Folgen von Migrationsströmen in bislang ungekannter Höhe zu bewältigen haben.

Die durch das Bevölkerungswachstum erzeugte Schwerpunktverschiebung vom europäisch-amerikanisch-atlantischen hin zum pazifisch-indisch-afrikanischen Raum wird das (sicherheits-)politische und ökonomische Gefüge nachhaltig erschüttern; welche Rolle Europa und Amerika in dieser neuen Gemengelage spielen werden, wird sehr stark davon abhängen, wie einig man sich in den strategischen Zielen werden kann.

Die Klimaveränderungen, deren erste Anzeichen wir bereits heute spüren, werden in den nächsten Dekaden Auswirkungen haben, die derzeit noch gar nicht exakt prognostiziert werden können. Und schließlich: Corona wird nicht der letzte seiner Art sein.

Alle vorgenannten Herausforderungen sind bereits heute offensichtlich und auch ohne große wissenschaftliche Hilfsmittel leicht erkennbar. Die derzeitige Krise lehrt uns, wie wichtig eine gute Vorbereitung und wie wertvoll die Zeit gerade am Beginn einer Krise ist; vergangene Krisen haben uns gezeigt, dass die besten Resultate durch Kooperation entstehen und nicht durch Konkurrenz. Sicherheitsvorsorge ist – neben der Gesundheitsvorsorge, wie wir gerade sehen – einer der Bereiche, die sich nicht mit den Kriterien wirtschaftlicher Effizienz messen lassen und die nicht ökonomischer Gewinnoptimierung anheimfallen dürfen. Sie entfalten ihren Wert, auch wenn ihre Maßnahmen – hoffentlich! – nicht zum Einsatz kommen müssen. Eine Diskussion über die grundsätzliche Notwendigkeit eventuell nicht benötigter Vorsorge ist, da es um Menschenleben geht, bestenfalls zynisch, eine Vernachlässigung als notwendig erkannter Maßnahmen aus finanziellen Erwägungen menschenverachtend.

Ein kleines Virus lehrt uns, groß zu denken: Sicherheitsvorsorge ist umfassend und eine globale Herausforderung, die nur durch gemeinsame Anstrengungen aller bewältigt werden kann. Sollte das konsensuale Erkenntnis aus den Geschehnissen dieser Tage sein, hätte diese Krise sogar einen positiven Aspekt.

Prof. Dr. Dr. Michael Lauster, Leiter des Fraunhofer Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT, Euskirchen, ist  der Verfasser des  Gastbeitrages.

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