Verwaltung 2040 – Was passiert, wenn es nicht nach Plan läuft?

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Szenario 1: Verwaltungsdienstleistungen im Einzelhandel per Selbstbedienung (Grafik: BS/Marvin Hoffmann/Lizenzen, https://stock.adobe.com/de/ )

Im Jahr 2040 blicken wir in Deutschland auf eine digitalaffine Gesellschaft. Auf die Grundsteinlegung durch das Onlinezugangsgesetz (OZG) folgte eine exponentiell wachsende und sich selbst verstärkende Wirkung weiterer Digitalisierungsmaßnahmen. Analoge Verwaltungsformen sind in der deutschen Verwaltung nur noch in Sonderfällen, mit Assistenz für Menschen mit Handicap vonnöten. Doch was, wenn alles anders kommt als geplant? Zwei Szenarien für das Jahr 2040: Das eine beschreibt eine überwiegend privatisierte und ausgesourcte Verwaltungslandschaft, von Tech-Konzernen dominiert. Das andere skizziert einen autoritären digitalen Staat.

Szenario 1: Digitaler Staat? Nein danke!

Dass das mit der E-Gov-App nichts wird, lag doch auf der Hand. So viel Wirbel um Quantencomputing, intelligente Antragsbearbeitung, autonome Passerstellung oder public-basierte Cloud-Anwendungen in jeglichen Behörden des Öffentlichen Dienstes. Junge Verwaltungsangestellte hätten agil, selbstorganisiert und flexibel von Zuhause aus gearbeitet. Oder aus innenstadtnahen Smart Working Centern angefochtene KI-Entscheidungen prüfen können. Alternativ hätte man sich in einer öffentlichen Auskunftsstelle verdient gemacht und dort Digitalisierungsverweigerer in Online-Verwaltungsprozessen unterstützt. Der Staat hätte sich als moderner Arbeitgeber profiliert. Und für die Bürgerinnen und Bürger gäbe Verwaltungsvorgänge bequem aufs Smartphone, inklusive Partizipationsplattform für Bürgerinitiativen und Online-Wahlen. Die Betonung liegt bei alledem auf hätte.

Tradierte Sachbearbeitung hat ausgedient

Als Sachbearbeiter hätten wir uns damit arrangieren können. Wir hätten wenigstens unsere Jobs behalten. Aus Personal-, Kosten-, und Effizienzgründen wäre ein Umstieg hingegen nötig gewesen. Mindestens zwei Drittel der Arbeitsstunden ließen sich durch den Einsatz intelligenter Technologien automatisieren. Denn: Welches Personal hätte diesen Arbeitsaufwand überhaupt noch händisch erledigen sollen? Wie prognostiziert ließ sich die Überalterung der Gesellschaft, und somit eine dramatische Verschlechterung der Personallage in der öffentlichen Verwaltung, nicht aufhalten..

Unabhängig von der Arbeitsplatzsituation, wäre mir persönlich ein Umstieg auf gänzlich digitale Arbeitswege oder das Prüfen von KI-Entscheiden zu viel Aufwand geworden. Vor allem: Wie hätte ich den Gang ins Digitale meinem Abteilungsleiter erklären sollen, der die Schriftformerfordernis auf Papier für das Höchste hielt. Massig Umschulungen für einen modernen Arbeitsalltag in der Sachbearbeitung und einen digitalen Prozess für Bürgerinnen und Bürger , das hätte von mir mehr gefordert, als ich bereit war zu geben. So oder so, den Arbeitsplatz haben wir dennoch beinahe alle räumen müssen.

Die Kapitulation des Staates

2025 erkannte die Bundesregierung, dass sie ihre Digitalisierungs-Ziele  in dieser Zeit nicht erreichen würde. Zudem vergrößerte sich der technologische Abstand zur freien Wirtschaft, die selbst wegen der ausbleibenden digitalen Verwaltung den internationalen Anschluss verlor. Schlussendlich gab man Verwaltungsprozesse mit Bürgerkontakt einfach ganz auf und verkaufte Verwaltungskonzessionen an private Anbieter.

Zur Ehrenrettung: Die Unterstützung der Bevölkerung für einen Staat, der freien und alleinigen Zugang zu jeglichen Daten erhalten müsste, war verschwindend gering. Man konnte schließlich in den letzten 20 Jahren live dabei zuschauen, wie sich andere Länder, dank zentralisierter Datenerfassung und KI-gesteuerter Überwachungsmethoden, zu totalitären Staaten entwickelten. Als Reaktion darauf ist in Deutschland der Ruf nach öffentlichem Datenzugang deutlich erstarkt. Ein allumfassender Open-Data-Paragraph wurde im Grundgesetz ergänzt. Doch dann hat sich auch hier eine weit diversifizierte, dezentrale Technologielandschaft entwickelt, die in der Wirtschaft wie im Privaten verankert ist.

Verwaltungsleistung als Self Service

Ob es so viel sicherer und sinnvoller ist, seine Behördengänge mit alltäglichen Besorgungen im Supermarkt oder bei der Bank zu verknüpfen, sei mal dahingestellt.

Und der Staat? Der hat heutzutage wenigstens das Gefühl, noch von Bedeutung zu sein. Es gibt kein zentrales Register mehr, dass damals von Beamten wie mir verwaltet wurde. Alle Verwaltungsakte werden heute branchenweit per Blockchain dokumentiert. Jeder Vorgang wird somit sicherer und nachvollziehbarer als je zuvor. Somit kann der übrig gebliebene Verwaltungsapparat zumindest noch Einsicht nehmen und Vorgänge nachprüfen. Die Bundesregierung meint auch immer noch, Kontrolle auf den Technologiesektor ausüben zu müssen. Auf Biegen und Brechen wird versucht, die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und Automatisierungssoftware zu regulieren. Transparenzregelungen und Datenschutzgesetze werden erlassen, nachdem Fördergelder und Erprobungsspielräume für neue Technologien gestrichen und behindert wurden. Damit wurde jedoch die Innovationsfähigkeit der deutschen Informationstechnologie noch weiter gebremst. Deutsche Digitalkonzerne gibt es nicht. Aufhalten kann man den Bedeutungsverlust so sicher nicht.

Szenario 2: Daten sammeln im öffentlichen Raum für eine effiziente Verwaltung. (Grafik: BS/Marvin Hoffmann/Good Studio, adobestock)

Szenario 2: Souverän schlägt Bürger

Mein Score liegt bei plus 30 Punkten. Ich lasse mir nichts zuschulden kommen. Zumindest nicht bewusst. Einen gewissen Preis muss jede von uns zahlen, will man als Gesellschaft in einer digitalen Welt nicht von der Gnade Chinas oder Amerikas abhängen.

Die Bundesregierung musste ihre eigenen Lösungen schaffen. Eigene cloudbasierte Software, eigene KI-Systeme mit eigenen Trainingsdaten und eigene Authentifizierungstechnologien. In Zeiten hitzköpfig geführter Handelsstreitigkeiten ist kein Verlass auf Zulieferer von Soft- und Hardware aus dem möglicherweise am nächsten Tag schon verfeindeten Ausland.

In der Verwaltung sorgt unsere Public-KI dafür, dass viele Verwaltungsprozesse vollends autonom vom System bearbeitet werden können, ohne dass Staatsbedienstete in den Prozess involviert sind. Die Handlungen von Bürgern sorgen in manchen Bereichen für das automatische Ausführen von Verwaltungsprozessen. Ein Neugeborenes wird mittlerweile in Echtzeit angemeldet, versichert und den Eltern die Familienleistungen überwiesen.

Datenmonopolist deutsche Verwaltung

Dafür wurde 2030, zwecks zentraler Datenverarbeitung, der deutsche Verwaltungsföderalismus abgeschafft. Einzelne Behörden horteten nicht länger Informationen, sondern führten ihre Daten in einer zentralen Plattform zusammen. Für mich als Bürgerin ist das ohnehin deutlich leichter. Ein Profil, eine App, einmal registrieren und alle Leistungen sind direkt verfügbar. So sieht unser Front End aus. Im Back End passiert deutlich mehr. Bürgerakten werden angelegt, die viele Lebensbereiche umfassen und automatisiert Verwaltungsprozesse anmelden.

Mit dem Willen global agierende Plattformen und ihre datenbasierten Geschäftsmodelle einzuschränken, gab der Staat sich selbst das alleinige Recht der Datenerhebung- und Verarbeitung. Er schnitt allen weiteren Akteuren den Zugang ab. Neben der Vereinnahmung jeglicher Daten und Datenströme erweiterte die Bundesregierung den Zugriff auf das öffentliche Internet of Things.

Das allumfassende Internet of Things, im Zusammenspiel mit der Public-KI, sind legitime Werkzeuge zur flächendeckenden Überwachung durch den Souverän. Kameras, die zuvor den Verkehr überwachten und halfen, ihn zu entzerren, wurden mit KI-gesteuerter Gesichtserkennungssoftware gekoppelt. Diese wiederum ist an ein Register aus Suchprofilen angegliedert. Gesuchte Personen werden anhand biometrischer Merkmale in der Öffentlichkeit identifiziert und bis zur endgültigen Festnahme verfolgt. Vorgänge solcher Art erklären auch, weshalb trotz des hohen Automatisierungsgrades die Zahl der Beamten in den letzten zehn Jahren dennoch enorm angestiegen ist. Benötigt wird der menschliche Verstand heute, um im öffentlichen Raum erhobene Daten zu interpretieren. Gegebenenfalls müssen auch für das Allgemeinwohl schädliche Aktivitäten identifiziert und unterbunden werden.

Bürgerprofile vereinfachen Verwaltungsarbeit

Per Überwachungssystem können bei beobachteten Vergehen auch direkt Mahnungen und Strafbescheide ausgestellt werden, die wiederum im Bürgerprofil vermerkt werden

Durch die ständige Auswertung öffentlicher Daten wurde außerdem die Arbeit der Gesundheitsämter um einiges erleichtert. Bewegungsdaten der Mobilfunkanbieter geben Aufschluss darüber, wann ein Bürger in Kontakt zu ansteckenden Menschen stand. Fiebermessende Drohnen im öffentlichen Raum und eine landesweit synchronisierte Datenbank jeglicher Krankheitsfälle geben den Ämtern Aufschluss über die Gefahrenlage In Fällen des Verdachts wird per App angeordnet, sich selbstständig für einen gewissen Zeitraum in Quarantäne zu begeben oder sich einer Untersuchung zu unterziehenGewaltsamen Nachdruck der Behörden braucht es dabei schon lange nicht mehr. Das Fürchten um negative Auswirkungen auf das Bürgerkonto bedingt die freiwillige Zusammenarbeit mit den Behörden.

System akzeptieren und straffrei bleiben

Wer noch einen Schritt weiter geht und sich einen Bodychip implantieren lässt, um automatisches Bezahlen in Geschäften und Flugtaxis nutzen zu können oder um sich zu identifizieren, kann auch darüber getrackt werden.

Teilweise geht das System auch über Strafverfolgung und den Schutz der Bevölkerung hinaus. Die Universität beobachtet uns in der Vorlesung und registriert die Anwesenheit einzelner Studentinnen Auch kann es in manchen Fällen zu akuter Einflussnahme auf das Privatleben der Menschen kommen – Wohnungen oder Kredite werden in besonders hartnäckigen Fällen nicht mehr an Abweichler vergeben und deren Kindern wird der Zugang zu besseren Schulen untersagt. Der Staat schafft somit ein Kasten-System, dessen unterste Schicht mit Abschiebung oder Zwangsumsiedlung rechnen muss. Doch wer sich an Recht und Gesetz hält, hat nichts zu befürchten.

Kilian Recht, studentischer Mitarbeiter in der Redaktion des Behörden Spiegel, hat für diesen Beitrag einen “tiefen” Blick in die Glaskugel geworfen und zwei alternative und durchaus kritische Szenarien der “Verwaltung 2040” entworfen. Die ungekürzte „Vision“ finden Sie in der Jubiläums-Sonderausgabe des Newsletters E-Government.

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Wie setzt sich Ihr Zukunftsszenario der Verwaltung 2040 zusammen?

Wem wird die Kontrolle über Daten von Bürgerinnen und Bürgern obliegen?

Wie werden Verwaltungsvorgänge durchgeführt?

IT und Vernetzung im öffentlichen Raum wird…

Wie wirkt sich die digitale Verwaltung der Zukunft auf Bürger- und Grundrechte aus?

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