Disruption und Kontinuität

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Disruptive Veränderungen auch bei der Polizei: Anstelle Kriminelle zu ermitteln, rückt die Einhaltung des Kontaktverbots mancherorts in den Vordergrund. (Foto: BS/Bayerische Polizei)

Der Schreck in den letzten Wochen war so gewaltig – wenn auch mehr ausgelöst durch den sogenannten Lockdown denn durch das Virus selbst –, dass die übliche Projektion eigener politischer Meinungen und Vorurteile bis Ende April brauchte um zu wirken. Waren es 2015 noch die Flüchtlinge, die mit so ziemlich allem – z. B. einer erwarteten Kriminalitätsexplosion – in Verbindung gebracht wurden, so ist es jetzt COVID-19. Das bisher Unbekannte ist Projektionsfläche für Gutes und Böses: für Chinas Expansionsgelüste, für soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten und natürlich für die Luftverschmutzung, also die Umwelt. Auch die Wünsche nach Disruption und Kontinuität werden durch das Virus inspiriert.

Zuerst erlebte die Demokratie selbst eine Disruption. Früher hörten Politiker wissenschaftliche Experten an, schon in den letzten Jahren ließen sie sich von diesen treiben und jetzt erlaubten sie den Experten, selbst zu regieren. Eine Expertenregierung ist jedoch ein anderes “Geschäftsmodell”, als es die Verfassung vorsieht und als es Wähler und Gewählte verabredet haben. Doch wir sind nun wieder zurück in die Kontinuität. Die Politik regiert wieder und lässt sich beraten. Die vorherigen Wochen waren ein riskantes Experiment mit Gewöhnungspotenzial.  

Eine disruptive Veränderung erlebte auch die Kommunikation, die private und die dienstliche. Die private war auf den Hausstand beschränkt und die dienstliche fand im Digitalen statt: Video- und Telefonkonferenzen sowie E-Mail statt Papierakte durchdrangen die öffentliche Verwaltung, wo es technisch nicht an Voraussetzungen mangelte. Zudem: Aus der Not wurden Medien und Plattformen, die bisher als unsicher (Vorsicht: “Feind hört mit!”) galten, sogar bei Sicherheitsbehörden genutzt. Bürger konnten Anträge plötzlich online stellen, sie wurden genehmigt, ohne Unterschrift und ohne Signatur. Diese digitale Disruption muss bleiben, weil sie effizient ist, weil sie ökologisch Vorteile bringt und vor allem, weil sie auch ökonomisch ist. Zudem zeigte sich, dass Behördenkontakte mit Bürgern und Unternehmen auch ohne doppelten und dreifachen Sicherheitsboden möglich sind, so wie es unsere Nachbarn in Dänemark oder Österreich schon längst vormachen. Behördeninterne Kommunikation ist nicht per se vertraulich und vieles als VS-NfD Eingestufte ebenso wenig. Das lehrte COVID-19 ganz besonders.

Verändern wird sich auch das “Dienstreisen”, denn das haben ja auch alle gelernt, meistens reicht die “Schalte”. Homeoffice wird es auch bei Verwaltungen zukünftig häufiger geben, wenn eine gesetzliche Regelung allerdings dieses kreative Instrument individueller Vereinbarung zwischen Beschäftigtem und Chef eher einschränken wird. Kontinuität ist aber ebenso wie die disruptive Veränderung gefragt, nämlich bei der raschen Wiederherstellung zusammengebrochener Wirtschaftsabläufe. Da muss Altes wieder aufgebaut werden. Dessen gleichzeitiger radikaler Umbau nach anderen politischen Zielen als dem der Wiederherstellung von Arbeit, Wohlstand und Sicherheit wäre eine Überforderung. Auf manches wird man jedoch verzichten können und es nicht wieder ausrollen müssen. Was verändert sich noch? Sprache! Lockdown, Reproduktionsrate, Triage. Politiker werden eines Tages sagen: “Wir brauchen kein neues Corona”. Hoffentlich!

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