Deutschlands Wirtschaft setzt zunehmend auf digital

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Mit teils deutlichen Zuwächsen im Vergleich zu 2018 ist die deutsche Wirtschaft im neuen Jahrzehnt auf dem Weg in Richtung Industrie 4.0. (Foto: geralt/pixabay.com)

Allmählich kommt die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft in Fahrt. Wie eine repräsentative Studie im Auftrag des Branchenverbandes Bitkom zeigt, nutzen im Jahr 2020 60 Prozent der in Deutschland ansässigen Unternehmen bereits spezielle Anwendungen aus dem Bereich Industrie 4.0. Laut Einschätzung der befragten Akteure belegt der Standort Deutschland damit im internationalen Vergleich einen der Spitzenplätze. Doch Bitkom-Präsident Achim Berg sieht auch Verbesserungspotenzial, zumal aufseiten der Politik, die teils noch zu stark analog denke.

“Die produzierende und verarbeitende Industrie ist der Kern der deutschen Wirtschaft – und sie verfügt über ein riesiges digitales Potenzial. Fast alle Unternehmen haben sich auf den Weg in Richtung Industrie 4.0 gemacht”, sagt der Präsident des Bitkom, Achim Berg. Anders als die öffentliche Verwaltung sei die deutsche Wirtschaft zwar schon vor Corona digital in Schwung gewesen, die zusätzliche Energie, die man im Zuge der Krise aufgenommen habe, dürfe in der Folgezeit jedoch keinen Dämpfer erhalten. “Je digitaler die Industrieunternehmen aufgestellt sind, desto schneller werden sie sich von den Folgen des Shutdowns erholen”, so Berg weiter.

Das spiegelt sich in den Zahlen wider. 94 Prozent der Studienteilnehmer sehen in den Möglichkeiten der Industrie 4.0 die Voraussetzung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen geben an, durch die neuen Technologien einen neuen Schub bekommen zu haben. Mit 93 Prozent geradezu einstimmig sind die Befragten, dass die Digitalisierung der Wirtschaft eine Chance bedeute, lediglich fünf Prozent betrachten sie nach wie vor als Risiko. Eine Trendwende zeichnet sich auch in der Art und Weise ab, wie digitalisiert wird: Inzwischen wird in 73 Prozent aller Unternehmen ganzheitlich digitalisiert, nicht nur einzelne Abläufe oder Prozesse. Gegenüber 2018, wo der Wert noch bei 59 Prozent lag, bedeutet das einen Zuwachs von 14 Punkten. Fast jedes zweite Unternehmen gibt an, das eigene Produktportfolio um neue Innovationen erweitert zu haben oder ähnliches derzeit zu planen; jedes vierte verändert bestehende Produkte oder hat dies vor; 28 Prozent sind dabei, das eigene Sortiment durchzugehen und alte Produkte vom Markt zu nehmen. Als Vorzeigebeispiel nennt Berg die Automobilindustrie, die sich inzwischen zum Anbieter von Mobilitätslösungen und Hersteller von smarter Medizintechnik entwickelt habe.

“Nervensystem 5G”

Entscheidende Bedeutung für eine erfolgreiche Industrie 4.0 messen die Befragten dem neuen Mobilfunkstandard 5G bei. 73 Prozent sehen die Verfügbarkeit der neuen Technologie als wichtig an, 36 Prozent davon sogar als sehr wichtig. 37 Prozent zeigen sich verhalten und bemessen 5G als eher wichtig. Ähnlich verhält es sich beim Thema Künstlicher Intelligenz (KI), wenngleich die Verbreitung noch nicht sehr hoch ist. Lediglich jedes siebte Unternehmen, das entspricht 14 Prozent, nutzt aktuell KI, wobei sich eine Verteilung je nach Größenordnung des Unternehmens abzeichnet. Größere Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern greifen zu 23 Prozent auf KI zurück, bei kleineren Unternehmen mit weniger als 200 Mitarbeitern sind es nur neun Prozent. Laut Einschätzung der Befragten liegen die größten Vorteile der Technologie bei Wartungsprozessen (43 Prozent) sowie der Steigerung der Produktivität (41 Prozent).”KI ist eine epochale Technologie, die die Weltwirtschaft und gerade auch die Industrie revolutionieren wird. Damit das gelingt, brauchen wir nicht nur Maschinen- und Prozessdaten – sondern auch exzellent ausgebildete KI-Experten“, so Achim Berg.   

Deutsche Industrie sieht sich selbst vorne

Was den Stand der eigenen Digitalisierung anbelangt, sieht die deutsche Wirtschaft sich selbst weit vorne: Laut 20 Prozent der Studienteilnehmern rangiert die deutsche Industrie aktuell im weltweiten Vergleich auf Platz 2, gefolgt von Japan und China. Lediglich die USA ist in der Wahrnehmung deutscher Unternehmen besser aufgestellt. Die Digitalisierung erzeuge neuartige Wettbewerbsstrukturen, die sich als innovationsgünstig erwiesen. Die deutsche Industrie mit ihren Global Playern und potenten Start Ups sei durchaus in der Lage, auch künftig eine weltweite Spitzenposition zu bekleiden, stuft Berg die Lage ein. Nachholbedarf gäbe es aufseiten der Politik, die, so die Meinung von 67 Prozent der Umfrageteilnehmern, kein ausreichendes Verständnis für die Industrie 4.0 mitbrächte (76 Prozent fordern gar eine neue Politik für die Industrie 4.0). Um die Stärken der deutschen Industrie weiter auszubauen, müsse der traditionell ordnungspolitische Ansatz der deutschen Wirtschaftspolitik digital-industriepolitisch ergänzt werden, fordert Berg. Im Digitalzeitalter sei Industriepolitik letztlich auch immer Digitalpolitik. Besserung verspräche das von Deutschland und Frankreich gemeinsam betriebene Projekt Gaia-X: “Wenn Gaia-X jetzt richtig aufgesetzt wird, kann sie das Vertrauen in die Sicherheit und den Schutz von Daten der Industrie 4.0 entscheidend stärken – und damit auch den sicheren Datenaustausch der Unternehmen untereinander”, so der Präsident des Bitkom.

Die Studie fußt auf Grundlage einer telefonischen Befragung, die von Mitte Februar bis Anfang April unter 552 Geschäftsführern oder Vorständen von Industrieunternehmen mit einer Größenordnung ab 100 Mitarbeitern durchgeführt wurde. 

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